Robert Huth im Exklusiv-Interview: "Deutschland hat sich nicht wirklich weiterentwickelt"

Robert Huth sprach mit Flashscore in London
Robert Huth sprach mit Flashscore in LondonFlashscore

Robert Huth hat mit dem Chelsea und Leicester zweimal die Premier League gewonnen. Der ehemalige Innenverteidiger befand sich im deutschen Kader zur Heim-WM 2006.In einem exklusiven Interview mit Flashscore spricht Huth über Zeit in England und seine Erwartungen an das DFB-Team bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko (11. Juni bis 19. Juli).

Meistertitel mit Leicester: "Ziel war der Klassenerhalt"

Flashscore:

Wir würden gerne mit einer Frage zu Leicester City beginnen. Es ist zehn Jahre her, dass ihr mit dem Verein sensationell die Premier League gewonnen habt. Mittlerweile sind die Foxes aber in die League One abgestiegen. Wie fühlst du dich damit? Wie beurteilst du den Abstieg und die Gesamtsituation des Vereins?

Robert Huth:

Hauptsächlich Enttäuschung. Wirklich. Vor zehn Jahren war Leicester ein Verein, an dem sich andere Mannschaften orientieren konnten. Wenn um Scouting, den Verkauf und den Kauf von Spielern ging. Das scheint in den letzten zwei oder drei Jahren nicht mehr der Fall gewesen zu sein.

Es ist enttäuschend, dass sie in die League One abgestiegen sind. Das zeigt uns, dass ein oder zwei verpatzte Transferfenster im Fußball große Nachteile nach sich ziehen.

Wenn du an diese besondere Leicester-Mannschaft von damals denkst – welche Gedanken hattest du in der Titelsaison? Hättest du jemals ernsthaft geglaubt, dass ihr die Liga gewinnen könnt? Oder dachtet ihr von Spiel zu Spiel? Was waren die Botschaften von Claudio Ranieri an die Mannschaft?

Ganz ehrlich: Anfangs haben wir überhaupt nicht daran gedacht, die Liga zu gewinnen. Vor allem, weil wir erst in der Saison zuvor aufgestiegen waren.

Am Anfang war das Ziel nur, in der Premier League zu bleiben. Wir haben uns relativ schnell – nämlich noch vor dem Jahreswechsel – in Sicherheit gebracht, sodass wir unsere Ziele neu überdenken mussten. Aber es gab nie einen dramatischen Sinneswandel, sondern es ging immer von Spiel zu Spiel.

Claudio war sehr gut darin, uns auf die nächste Aufgabe zu fokussieren. Im Sport darf man sich nicht selbst überschätzen. Dafür hat er immer gesorgt. Natürlich, als Mensch kann man nicht anders, als sich gewisse Dinge vorzustellen. Aber dank seiner Führungunsqualitäten blieben wir auf dem Boden.

Robert Huth stemmt die Premier League-Trophäe
Robert Huth stemmt die Premier League-TrophäeSHAUN BOTTERILL / GETTY IMAGES EUROPE / GETTY IMAGES VIA AFP

Wenn man über das Leicester von damals spricht, geht es oft um die Angreifer wie Riyad Mahrez, Jamie Vardy oder auch N'Golo Kante im Mittelfeld. Aber ein Großteil des Erfolgs der Mannschaft beruhte auf einer starken Verteidigung, insbesondere auf deiner Partnerschaft mit Wes Morgan. Wie war es, an seiner Seite zu spielen? Was heute euch zu so einem starken Abwehrduo gemacht?

Die Kommunikation war ein wichtiger Teil davon. Sowohl Wes als auch ich haben gerne geredet, alles um uns herum organisiert und sichergestellt, dass wir im offenen Spiel nicht angreifbar sind.

Aber eine große Stärke des gesamten Teams war, dass alle gemeinsam angegriffen und verteidigt haben. Selbst die von dir erwähnten Offensivspieler. Wenn wir nicht den Ball hatten, haben alle unglaublich hart gearbeitet, um defensiv solide zu stehen.

Claudio hat das wirklich zu seiner Schlüsselbotschaft gemacht. Es ist leicht, die ganze Verantwortung auf die Verteidiger zu schieben, aber wenn die Spieler vor einem nicht arbeiten, wird es fast unmöglich.

Unsere Ausgeglichenheit als Team war entscheidend. Deshalb haben wir eine so starke Defensivleistung gezeigt.

Huth spricht über Terry und Mourinho

Siehst du Parallelen zu deiner Zeit beim FC Chelsea? Dort hast du unter José Mourinho mit großen Führungspersönlichkeiten wie John Terry, Ricardo Carvalho, Frank Lampard zusammengespielt. Gab es dort ein ähnliches Gefühl der Geschlossenheit und Arbeitsmoral?

Auf jeden Fall! Inbesodnere mit Blick auf das Tempo und die defensive Ordnung. Unter José waren alle sehr defensiv orientiert; selbst jemand wie Didier Drogba hat vorne unglaublich viel Druck gemacht.

Aber wenn man die beiden Mannschaften miteinander vergleicht, dann hatte Chelsea einen Kader mit Weltklassespielern, die zu den Besten auf ihren Positionen gehörten. Diese Qualität ist sicherlich hilfreich.

Es war nicht leicht für mich, in die Mannschaft zu kommen, aber es war auch eine große Lernerfahrung. Die Disziplin, die Arbeitsmoral und die Konzentration auf jedes Spiel – das hat mich als jungen Spieler wirklich geprägt.

Wie war es, als junger Spieler unter Mourinho zu spielen? Und wie haben Führungspersönlichkeiten wie John Terry deine Entwicklung beeinflusst?

Vieles davon war sehr visuell. Man nimmt auf, was die anderen Spieler tun. John Terry hat zum Beispiel nach dem Training noch zusätzliche Aufgaben erledigt. Ich habe immer gerne zusätzliche Aufgaben erledigt, aber nie auf seinem Niveau.

Eine andere Sache sind die Konsequenzen von Fehlern. In der Jugendmannschaft darf man Fehler machen und daraus lernen, aber in der ersten Mannschaft werden Fehler nicht geduldet, und wenn man einen Fehler macht, erfährt man es schnell. José und die älteren Spieler haben wirklich hohe Maßstäbe gesetzt.

Manchmal ist es nicht nur das, was sie sagen, sondern auch das, was sie tun: die zusätzlichen Trainingseinheiten, die Arbeit im Fitnessstudio oder mit dem Physiotherapeuten. Diese täglichen Gewohnheiten haben diese Gruppe zu etwas Besonderem gemacht. Es war ein konstant hohes Niveau, 24/7.

Heim-WM: "Habe jede Minute genossen"

Kommen wir nun zu deiner Karriere im DFB-Team. Was sind deine Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 2006? Ihr wurdet nach einem Sieg gegen Portugal Dritter, hatteta ber zuvor im Halbfinale gegen Italien verloren. Wie war die Erfahrung? Vor allem mit dem zusätzlichen Druck, im eigenen Land zu spielen?

Ich habe jede Minute davon genossen. Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land zu spielen – das ist eine so seltene Gelegenheit. Ich hatte großes Glück, dabei zu sein.

Die Unterstützung war unglaublich. Unser erstes Spiel hat den Ton angegeben. Nach einigen schlechten Ergebnissen in Freundschaftsspielen gab es Zweifel. Aber wir haben früh ein Tor geschossen, Philipp Lahm traf nach fünf Minuten aus 25 Metern. DAs hat die Stimmung im Land sehr gehoben.

Leider trafen wir im Halbfinale auf eine brillante italienische Mannschaft. Obwohl wir das Spiel hätten gewinnen können, haben sie es am Ende für sich entschieden. Aber ich habe es sehr genossen, Teil dieses Turniers zu sein. Es ist einfach schade, dass wir es nicht ins Finale geschafft haben.

Robert Huth beim Training während der Weltmeisterschaft 2006
Robert Huth beim Training während der Weltmeisterschaft 2006OLIVER BERG / DPA / DPA PICTURE-ALLIANCE VIA AFP

Nagelsmanns Spielstil "nicht typisch für Deutschland" 

Den letzten großen Erfolg feierte Deutschland bei der Weltmeisterschaft 2014. Doch seitdem ist es schwieriger geworden. Was haltest du mit Blick auf die kommende WM von Julian Nagelsmanns Mannschaft? Welche Chancen siehst du?

Es ist ein bisschen durchwachsen, wirklich. Es gab in letzter Zeit einige gute Ergebnisse und einige Enttäuschungen, sowohl was die Ergebnisse als auch was die Leistungen angeht. In Deutschland herrscht ein bisschen Unsicherheit, was man erwarten kann.

Was den Kader angeht, denke ich, dass Qualität da ist. Was wir in letzter Zeit vermisst haben, ist die traditionelle deutsche Teammentalität, die das Kollektiv über den Einzelnen stellt. Manchmal haben wir uns zu sehr auf die individuelle Qualität verlassen und nicht genug auf die Geschlossenheit geachtet. Das ist nicht typisch für Deutschland.

Ich denke, dass es für Deutschland sehr schwierig sein wird, den ganzen Weg zu gehen und den Titel zu holen. Auch das Klima wird eine Herausforderung sein, denn die Hitze kommt den Deutschen nicht entgegen. Es gibt einige starke Mannschaften, sodass es in einem K.o.-Spiel schwer werden könnte.

Deutschland war schon immer dafür bekannt, treffsichere Stürmer wie Miroslav Klose zu haben. Wie siehst du die aktuelle Situation bei den Stürmern? Glauben Sie, gibt es da ein Problem? Oder hast du Vertrauen in die aktuellen Optionen?

Ich glaube nicht, dass es an der Qualität der einzelnen Stürmer mangelt. Es geht eher um den Spielstil. Wenn Deutschland erfolgreich war, wurde der letzte Pass immer auf die Neun gespielt – oder es wurden Flanken in den Strafraum geschlagen.

Das ist heute nicht mehr der Fall; der Spielaufbau ist langsam und geduldig, was es einem traditionellen Mittelstürmer schwer macht, das Geschehen zu überblicken. Vor ein paar Jahren war es direkter, und jemand wie Klose oder Thomas Müller nahm die Pässe ab und erzielte ein Tor.

Das Talent ist immer noch da – Deniz UndavKai Havertz sind jetzt wieder fit – aber es geht darum, ihre individuellen Stärken auszuspielen. Was bei dem aktuellen Spielstil nicht immer einfach ist.

Havertz vom FC Arsenal wird wohl im DFB-Team als Mittelstürmer agieren
Havertz vom FC Arsenal wird wohl im DFB-Team als Mittelstürmer agierenREUTERS

DFB-Team hat sich "nicht wirklich weiterentwickelt"

Würdst du also sagen, dass der langsame, geduldige Spielaufbau ein spezifisch deutsches Problem ist? Ooder ist das eher ein Trend im Fußball allgemein?

Es ist definitiv ein deutsches Problem, aber auch ein internationales. In der Premier League und anderen Top-Ligen ist das Spiel in letzter Zeit für meinen Geschmack ein bisschen zu langsam geworden.

Seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 hat sich Deutschland als Nation nicht wirklich angepasst oder weiterentwickelt. Wir sind bei dem geblieben, was damals funktioniert hat, anstatt es neu zu bewerten und zu verändern.

Wenn man sich Mannschaften wie Argentinien, Frankreich oder Portugal anschaut – dann sind sie athletischer, direkter und haben mehr Power im Spiel nach vorne, auch wenn sie den Ball nicht nur lang schlagen. Diese Mannschaften haben viel mehr Dynamik.

Auf welche deutschen Spieler setzt du bei diesem Turnier besonders?

Ich denke, Florian Wirtz ist sehr wichtig. Er hatte eine gute Europameisterschaft, auch wenn er Schwierigkeiten hatte, seine beste Form zu finden. Jamal Musiala ist ein weiterer Schlüsselspieler, vorausgesetzt, er ist fit. Wenn er einen guten Tag hat, ist er brillant.

Für mich sind Wirtz und Musiala diejenigen, die das gewisse Etwas haben und für Deutschland etwas bewirken können. Die beiden werde ich besonders im Auge behalten.

Huth setzt durchaus Hoffnungen in Musialas Fähigkeiten
Huth setzt durchaus Hoffnungen in Musialas FähigkeitenREUTERS