Tadej Pogacar geht generell niemandem aus dem Weg. Aber bei Florian Lipowitz macht der beste Radfahrer der Welt offenbar eine kleine Ausnahme: Während sich der deutsche Topprofi ab Mittwoch bei der betulichen Landesrundfahrt in Pogacars slowenischer Heimat den Feinschliff für die Tour de France holt, zieht der Großmeister die knackige Tour de Suisse vor. Gut zwei Wochen vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt gehen Hauptdarsteller wie "Lipo" und "Pogi" getrennte Wege. Devise: Bloß nicht in die Karten schauen lassen!
"Sich jetzt schon groß zu stressen, wäre vielleicht nicht ganz so gut. Die Tour selbst ist stressig genug", sagte Lipowitz zuletzt dem SID. Bevor das Spektakel der Großen Schleife am 4. Juli in Barcelona mit Riesengetöse startet, probt der Vorjahresdritte in aller Ruhe den Ernstfall.
Slowenien-Tour als One-Man-Show?
Nur zwei World-Tour-Teams sind bei der Slowenien-Tour, zu deren Rekordgewinnern Pogacar mit zwei Siegen zählt, am Start, eines ist die Lipowitz-Mannschaft Red Bull-Bora-hansgrohe. Pogacars UAE-Team fehlt, was Lipowitz freilich kaum kümmert. "Ich will mich einfach gut auf die Tour vorbereiten", sagt er.
Nach starken Rundfahr-Leistungen in Katalonien (3.), im Baskenland (2.) und der Romandie (2.) geht es für den Vorjahres-Aufsteiger um die Bestätigung, im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada zielführend gearbeitet zu haben. Dort erhielt Lipowitz einen Vorgeschmack auf die Stärke Pogacars. Denn der Tour-Titelverteidiger übte gleichfalls in Spanien und fuhr dabei der RB-Abordnung um Lipowitz, Neuzugang Remco Evenepoel und Altmeister Primoz Roglic gewaltig um die Ohren.
"Er hat uns mehrmals überholt. Wir waren nicht langsam unterwegs, aber er kletterte wirklich schnell", sagt Red-Bull-Belgier Maxim Van Gils: "Wir dachten zuerst, Tadej blufft und versteckt sich ein paar Kurven später im Gebüsch, um zu verschnaufen. Aber als wir am Gipfel ankamen, war er schon da. Es ist wohl einfach sein normales Tempo."
Pogacar, der mit seinem fünften Toursieg zu den Rekordgewinnern aufschließen kann, hatte nach seinem Triumph Ende April bei Lüttich-Bastogne-Lüttich pausiert und sehnt nun den geliebten Wettkampf herbei. "Die Tour rückt näher, die Energie kommt zurück", sagt er.
Auch Seixas wird immer besser
Bei der Tour de Suisse kann sich Pogacar vor allem auf der Schlussetappe energievoll austoben: Gleich dreimal geht es dann über den Col de la Croix, den schon Jan Ullrich beim Toursieg 1997 bezwingen musste - ein Härtetest par excellence, dann nicht einmal zwei Wochen vor dem Tour-Auftakt.
Erst in Barcelona werden sich die Rundfahrt-"Big 5" erstmals in diesem Jahr im Renntempo begegnen, bis dahin haben sie konträre Ansätze gewählt. Pogacar fährt nun in der Schweiz, Lipowitz in Slowenien, Frankreichs Wunderkind Paul Seixas bestritt in der Vorwoche die schwere Tour Auvergne-Rhone-Alpes (und stürzte dabei schwer), Jonas Vingegaard reist nach furiosem Giro-Sieg ohne weiteren Test zur Tour, auch Lipowitz-Teamkollege Evenepoel verzichtet auf eine Generalprobe.
Welche Taktik letztlich richtig ist? "Was am Ende herauskommt, wird sich zeigen", sagt Lipowitz. Zumindest mental ist die Tour 2026 aber schon in vollem Gang.
