Elina Svitolina: Die ultimative Chance auf den lang ersehnten Grand-Slam-Titel

Schafft Elina Svitolina diesmal den großen Grand-Slam-Wurf?
Schafft Elina Svitolina diesmal den großen Grand-Slam-Wurf?REUTERS/Ciro De Luca

Zurück in den Top 10 und frischgebackene Rom-Siegerin: Elina Svitolina hat soeben ihren größten Titel seit acht Jahren gefeiert. Da es bei den diesjährigen French Open an einer klaren Favoritin fehlt, hält die Ukrainerin plötzlich alle Trümpfe in der Hand, um sich endlich ihren Traum vom Grand-Slam-Sieg zu erfüllen.

Es gibt derzeit nur wenige aktive Spielerinnen, die mindestens 20 Titel auf der WTA-Tour vorweisen können. Neben Rekordspielerin Venus Williams (45) gehören dazu nur Iga Świątek (25), Aryna Sabalenka (24) und Victoria Azarenka (21). Es ist also ein höchst exklusiver Kreis, in den sich Elina Svitolina nun eingereiht hat.

Ihre Bilanz für das Jahr 2026 ist schon jetzt beeindruckend: 29 Siege stehen lediglich 7 Niederlagen gegenüber. Doch am vergangenen Samstag in Rom setzte sie ein echtes Ausrufezeichen. Acht Jahre nach ihrem letzten WTA-1000-Erfolg – ebenfalls in der italienischen Hauptstadt – rollte sie regelrecht über die Konkurrenz hinweg. Auf dem Weg zu ihrem 20. Karrieretitel schlug sie nacheinander Elena Rybakina, Iga Świątek und Coco Gauff.

Wer das letzte große Generalproben-Turnier vor Roland Garros gewinnt, reist automatisch mit breiter Brust nach Paris. Die Ukrainerin hat sich zurück unter die besten Zehn der Welt gekämpft, jagt aber immer noch dem ganz großen Coup hinterher. Schlägt jetzt ihre Stunde?

Wechselhafte Liebesgeschichte mit dem Sand

Es ist kein Geheimnis, wie schwer es selbst für die absolute Weltklasse ist, auf Sand konstant abzuliefern. Svitolina triumphierte nun schon zum dritten Mal beim WTA-1000-Turnier in Rom. Doch weder 2017 (Aus im Viertelfinale) noch 2018 (Aus in der 3. Runde) konnte sie die Vorschusslorbeeren in Paris bestätigen.

Überhaupt verlief ihre Geschichte mit den French Open bislang eher unglücklich. Es ist tatsächlich das einzige Grand-Slam-Turnier, bei dem sie noch nie im Halbfinale stand. Neben einigen verpassten Gelegenheiten schmerzt vor allem die bittere Viertelfinal-Niederlage 2020 gegen Nadia Podoroska, als Svitolina nach einem Turniersieg in Straßburg als Top-Favoritin angereist war.

Der rote Sand sorgt in ihrer Karriere für eine gewisse Ambivalenz: Einerseits fehlt das Halbfinale in Paris, andererseits feierte sie drei ihrer fünf WTA-1000-Erfolge und acht ihrer 20 Titel auf diesem Belag. Dass sie sich auf Sand wohlfühlt, steht außer Frage – zur Top-Favoritin für Paris machte sie das bisher jedoch selten. Doch die Nummern 2, 3 und 4 der Weltrangliste in einem einzigen Turnier zu schlagen, wie sie es gerade in Rom tat, war ihr zuvor noch nie gelungen.

Gleichzeitig bleibt sie unberechenbar: Vor ihrem Triumphzug in Italien erlebte sie in Madrid einen herben Dämpfer, als sie bereits in der ersten Runde an Anna Bondár scheiterte – die sie übrigens schon bei den US Open 2025 in der Auftaktrunde bezwungen hatte. Ein klassischer Beleg für die enorme Leistungsdichte auf der WTA-Tour.

Man könnte allerdings auch argumentieren, dass das frühe Aus in Madrid die perfekte Vorbereitung für Rom war. Um kein Risiko einzugehen, legte sie in der Woche vor den French Open eine Pause ein. Die perfekte Gelegenheit, um die Akkus für Paris aufzuladen.

Trumpf des Schattens von Monfils

Seit einigen Jahren ist Elina Svitolina mit dem französischen Tennis-Star Gaël Monfils verheiratet. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter, weshalb Svitolina zwischen März 2022 und April 2023 pausierte. Das diesjährige Turnier in Roland Garros ist hochemotional: Es wird der letzte Auftritt von "La Monf" sein, der angekündigt hat, seine Karriere am Saisonende zu beenden.

Die Veranstalter der French Open rollen ihm den roten Teppich aus: Neben einer Wildcard gibt es einen großen Abschiedsabend im Vorfeld, der für Gänsehaut sorgen dürfte. Monfils, einer der prägendsten französischen Spieler des 21. Jahrhunderts, wird alle Blicke auf sich ziehen. Ein Umstand, der seiner Ehefrau zugutekommt – sie kann im Windschatten des Rummels agieren. Nach ihrem Rom-Sieg überließ sie in den Pressekonferenzen mit Blick auf Paris bereitwillig ihrem Mann das Rampenlicht:

"Es wird sehr, sehr emotional, aber auch ein wunderschöner Moment für unsere Familie. Für ihn geht ein Kindheitstraum in Erfüllung, noch einmal vor heimischem Publikum zu zaubern. Er wird es einfach genießen und in seinen letzten Matches alles geben."

Die emotionalen Bilder von Monfils' Abschied werden um die Welt gehen. Und genau das ist Svitolinas Vorteil: Sie kann befreit aufspielen, während der Fokus der Medien auf anderen liegt.

Jetzt oder nie?

Niemand hatte sie vor Rom auf dem Zettel, und vermutlich gehört sie auch in Paris eher zum erweiterten Favoritenkreis. Doch die Dominatorinnen der Tour schwächeln.

Nach ihrem Triumph beim Sunshine Double fand Aryna Sabalenka auf Sand kaum ihren Rhythmus und kassierte frühe Pleiten gegen Hailey Baptiste und Sorana Cîrstea. In Rom scheiterte sie im Halbfinale krachend an Iga Świątek – bis dahin stand sie in dieser Sandsaison in keinem einzigen Halbfinale. Elena Rybakina siegte zwar in Stuttgart, enttäuschte dann aber gegen Anastasia Potapova in Madrid. Und Titelverteidigerin Coco Gauff erreichte in Rom zwar das Finale, enttäuschte zuvor jedoch bei zwei Sandplatzturnieren ohne Viertelfinal-Einzug.

Macht das Elina Svitolina zur gefährlichsten Außenseiterin? Wer ihr Finale in Rom analysiert, sieht eine Spielerin mit allen Waffen für den ganz großen Wurf. Besonders ihre offensive Wucht beeindruckte: Mit variablem Aufschlag und druckvoller Vorhand zermürbte sie eine Gegnerin, die als eine der besten Defensivkünstlerinnen der Tennisgeschichte gilt.

Gepaart mit feinen Stoppbällen und enormer Konstanz in den Rallyes präsentierte sie sich so stark wie selten zuvor auf Sand. Mit 31 Jahren werden die Chancen auf einen Grand-Slam-Titel seltener. Nach fünf WTA-1000-Titeln und dem Triumph bei den WTA Finals ist das Major-Turnier das letzte große Puzzleteil, das sie antreibt – obwohl sie der Tenniswelt längst nichts mehr beweisen muss.

Die Karriere von Elina Svitolina im Überblick
Die Karriere von Elina Svitolina im ÜberblickEnetpulse/Flashscore

Die Statistik ist jedoch gnadenlos: Svitolina ist 31. Im 21. Jahrhundert hat mit Serena Williams nur eine einzige Spielerin die French Open jenseits der 30 gewonnen. Das unterstreicht die Mammutaufgabe auf dem kräftezehrenden Pariser Sand.

Doch auch wenn die Hürde hoch ist: Svitolina wirkte nie kompletter als jetzt, und es ist vermutlich ihre beste und letzte echte Chance auf den ganz großen Wurf. Wer eine solche Karriere vorweist, die Nummer 3 der Welt war und viermal im Grand-Slam-Halbfinale stand, hat das Zeug zur Legende. Jetzt ist der Moment, dieses Versprechen einzulösen.