Während die Fans der polnischen Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft im eigenen Land erleben, steht der Stolz des Vereinsfußballs auf der Kippe. Industria Kielce, 19-facher polnischer Meister und 17-facher polnischer Pokalsieger, hat nach dem Rückzug der Brauerei Van Pur im November noch immer keinen Sponsor gefunden, der seine gigantische Finanzlücke schließen könnte. Van Pur, Eigentümer der Marke Lomza, war für fast ein Drittel des Budgets verantwortlich.
"Wir können uns nichts vormachen, wir haben Mitte Januar und die Situation ist sehr schwierig. Wir haben keine gesicherte Finanzierung für die nächsten Monate, aber vor allem nicht für die nächsten Jahre. Wir werden bald einen Punkt erreichen, an dem die Spieler über ihre eigene Zukunft entscheiden müssen, und diese Zukunft muss nicht unbedingt mit unserem Verein und der Stadt verbunden sein", sagte Vereinsvorstand Pawel Papaj.
Unmittelbar nach Bekanntwerden der Entscheidung von Van Pur hatten die Offiziellen des Klubs aus der Woiwodschaft Heiligkreuz im Südosten unseres Nachbarlandes mit der Suche nach neuen kommerziellen Partnern begonnen, um den Worst Case abzuwenden. Doch die Uhr tickt gegen den 19-maligen Landesmeister und schon bald wird es keine Möglichkeit mehr geben, das Team auf dem derzeitigen Niveau zu halten. Wenn kein strategischer Sponsor gefunden wird, können sich die Spitzenspieler nach einem neuen Verein umsehen.
Einst Vive Kielce, dann Lomza Industria und jetzt nur noch Industria - die Handballmannschaft von Kielce hat ihren Namen in den letzten zwei Jahrzehnten sieben Mal geändert, trotzdem verfügt der Verein über riesige Tradition. Die gelb-weiß-blauen Farben und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie den polnischen Handball im Ausland gebührend repräsentieren. Auch für internationale Spitzenspieler ist Kielce bis heute eine attraktive Adresse: Nicht zuletzt für Nationaltorwart Andreas Wolff, der 2019 aus Kiel nach Kielce wechselte.
Auch in dieser Saison scheint das Team von Startrainer Talant Dujshebaev unbeeindruckt von den Störgeräuschen: Seit der Bekanntgabe der Nachrichten über die unsichere Zukunft des Vereins hat das Team fast alle seine Spiele in den nationalen Wettbewerben und in der Champions League gewonnen. In der Champions League, in der sie vor einem Jahr im Finale nur knapp an Barcelona scheiterten. Selbst mit Lomza im Namen war das Budget von Kielce kaum konkurrenzfähig mit den zehn größten europäischen Vereinen. Nun wird es - sofern kein neuer Sponsor gefunden wird - auf ein Niveau sinken, das es unmöglich macht, international etwas zu gewinnen.
"Es ist nicht einfach, eine Mannschaft mit Spielern zusammenzustellen, die eine sportliche Perspektive sehen wollen. Bei uns können sich die Dinge sehr schnell ändern. Ein Spieler nach dem anderen könnte den Verein verlassen, wir können den Kern der Mannschaft verlieren. Wenn das passiert, verlieren wir alles, wofür wir über Jahre hinweg gearbeitet haben. Und sollte der Super-GAU eintreten, wird der Wiederaufbau viele Jahre dauern", betonte Papaj. Er verwies auf das Beispiel des spanischen Vereins Ciudad Real: Der dreimalige Champions League-Sieger musste sich nach einem finanziellen Kollaps im Jahr 2013 auflösen.
Ganz so schlimm wird es in Kielce vermutlich nicht kommen - selbst in den dunkelsten Szenarien ist es schwer vorstellbar, dass der Spielbetrieb komplett eingestellt wird. Der Zusammenbruch der jetzigen Mannschaft reicht jedoch aus, um die Verluste landesweit spürbar werden zu lassen. Derzeit wird die Attraktivität der polnischen Liga durch die Rivalität zwischen Kielce und Wisla Plock bestimmt - wenn eine dieser beiden Mannschaften mal verliert, dann gegen die jeweils andere. Eine Störung dieses Gleichgewichts würde die gesamte Liga ins Wanken bringen.
