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EXKLUSIV: Francesca Schiavone über Lilli Taggers Erfolg und Training mit Jannik Sinner

Francesca Schiavone trainiert das aufstrebende Tennis-Talent Lilli Tagger
Francesca Schiavone trainiert das aufstrebende Tennis-Talent Lilli TaggerČTK / imago sportfotodienst / Juergen Hasenkopf

Früher konnte man sie auf dem Platz nicht übersehen – trotz ihrer geringen Körpergröße war sie immer präsent. Heute hat sie eine andere Rolle übernommen. Sie agiert im Hintergrund, bleibt aber die bestmögliche Unterstützung und ein entscheidender Teil eines sehr interessanten Trainerstabs. Francesca Schiavone trainiert das aufstrebende österreichische Talent Lilli Tagger - in Prag konnten sie ihren ersten gemeinsamen Titel feiern.

Die French Open-Siegerin von 2010 und ehemalige Nummer vier der Welt gab Flashscore ein exklusives Interview. Wenn Francesca Schiavone über Tennis spricht, spürt man ihre Energie. Gleichzeitig strahlt sie Ruhe aus und hat einen beeindruckenden Überblick. Es ist offensichtlich, dass sie die junge Österreicherin mit großem Potenzial geduldig, klug und mit unglaublicher Leidenschaft fördert. Kurz gesagt: Sie ist die richtige Person am richtigen Platz.

Schon vor dem Ende ihrer erfolgreichen Spielerkarriere dachte sie darüber nach, dass ihre Reise im Tennis nicht mit dem letzten Matchball enden sollte.

"Ich habe es gespürt. Noch bevor ich aufgehört habe zu spielen, wusste ich, dass ich bereit bin, meine Erfahrungen weiterzugeben. Eine Akademie aufzubauen, Kindern zu zeigen, wie sie sich mit Tennis verbinden und sich dadurch ausdrücken können", erinnert sich die leidenschaftliche Italienerin.

Die jüngste Frucht dieser Philosophie ist Lilli Tagger, die frischgebackene Siegerin der Livesport Prague Open. Tatsächlich hat sie ihre Trainerin selbst gefunden. Sie kam für ein Probetraining in Schiavones Akademie in Varese und wollte eigentlich nur ein paar Tage bleiben. Doch ihre Zusammenarbeit hält nun schon zweieinhalb Jahre an.

Lilli Tagger - Teenager mit "riesiger Persönlichkeit"

Das Faszinierendste an Tagger ist ihre Mentalität. Während viele Tennisspielerinnen von Eltern oder Umfeld in den Profisport gedrängt werden, hat die junge Österreicherin ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.

Ihre mentale Stärke zeigte sich auch beim Turnier in Prag, wo sie ein schwieriges Match gegen Grand-Slam-Siegerin Barbora Krejcikova und das Publikum, das natürlich die Lokalmatadorin unterstützte, meisterte.

"Sie hat eine riesige Persönlichkeit. Wenn man bedenkt, wie jung sie war, als sie sich entschied, ihr Zuhause zu verlassen und ihrem Traum zu folgen, hat sie sich alles selbst erarbeitet", schwärmt Schiavone von ihrer Schützling.

"Sie ist sehr fleißig. Sie hat Freude an der Arbeit, hört zu und versteht das große Ganze", ergänzt sie.

Auch abseits des Platzes hat Lilli ein starkes Unterstützungsnetzwerk. Sie wird vom selben Management betreut wie die Nummer eins der Herren, Jannik Sinner, und beide haben sogar denselben Agenten, Alex Vittur.

"Ja, sie kennen sich, sind befreundet. Manchmal trainieren sie sogar zusammen. Das ist eine riesige Chance für sie, und sie hat großes Glück, Zeit mit ihm verbringen und sich mit ihm austauschen zu können. Aber der Hauptantrieb kommt direkt von ihr selbst", bestätigt Francesca.

Keine Jagd nach Ergebnissen

Was Schiavone als Trainerin auszeichnet, ist ihr systematischer und reifer Ansatz. Sie lässt sich nicht von schnellen Erfolgen mitreißen und setzt ihre Spielerin nicht unter Druck, nur um schnell in der Rangliste zu klettern oder an prestigeträchtigen Turnieren teilzunehmen.

Das machte sie auch deutlich, als es um die bevorstehende Amerika-Tour und die US Open ging: "Die Wahrheit ist, nach einem schwierigen Monat, den Lilli hinter sich hatte, habe ich überlegt, die Amerika-Tour abzusagen.  Wenn sie wirklich bereit ist, sich zu messen, sich zu verbessern, gesund zu bleiben und Teil des Entwicklungsprozesses zu sein – statt nur Ergebnissen hinterherzujagen, kann sie ihren wahren Wert finden", erklärt Schiavone ihre klare Philosophie.

"Ich war bereit zu sagen: 'Nein, wir fahren nicht.' Aber jetzt hat sich eine Möglichkeit ergeben, und Lilli wird selbst entscheiden, ob sie nach Amerika reisen möchte. Innerhalb einer Woche hat sie viele Dinge zusammengebracht, die ihr vorher nicht gelungen sind. Sie ist hineingewachsen", deutet die Trainerin an und macht klar, dass das Turnier in Prag nicht nur an Ergebnissen gemessen werden kann.

Die legendäre Italienerin weiß, dass sie und ihr junger Schützling noch einen langen Weg vor sich haben und jeder Schritt auf einem soliden Fundament aufgebaut werden muss.

"Das Schwierigste und Wichtigste ist, dass Lilli Dinge aufnimmt, lernt und vor allem selbst will. Sie ist sehr klug. Wenn sie etwas verstanden hat, verfolgt sie es. Aber alles braucht seine Zeit – wir dürfen nicht zu viel von ihr erwarten."

Warum ist das italienische Tennis so stark?

Schiavone selbst stand am Anfang der goldenen Ära des italienischen Tennis, gewann dreimal den Fed Cup und triumphierte 2010 bei den French Open. Heute ist Italien eine Tennis-Großmacht. Und die ehemalige Nummer vier der Welt erklärt, woran das liegen könnte.

"Wenn du eine Nummer eins der Welt hast, zieht das alle mit. Jeder junge Spieler denkt plötzlich: 'Warum nicht ich?'", erklärt Francesca die psychologische Wirkung von Sinners aktuellem Erfolg.

Der zweite Grund ist laut ihr ganz praktisch und wirtschaftlich. "In Italien haben wir die große Möglichkeit, schon ab der Jugend viele Heimturniere zu spielen. Dank der Turniere zu Hause muss man nicht so viel für Reisen ausgeben, und junge Spieler bekommen die Chance, den richtigen Weg einzuschlagen, auch wenn sie nicht unbegrenzt finanzielle Mittel haben."

Ein weiteres besonderes Detail im Spiel der jungen Österreicherin, das den Fans auffällt: ihr einhändiger Rückhand. Im heutigen Damentennis ist dieser Schlag selten. Doch Schiavone verneint, dass das auf ihren Einfluss zurückgeht, obwohl sie selbst so gespielt hat.

"Nein, nein, sie hat schon so gespielt, als sie zu mir kam. Sie hat sich wohl mit etwa zwölf Jahren selbst dafür entschieden", schmunzelt Francesca und geht dann ins Detail.

"Natürlich müssen wir an den Feinheiten arbeiten. Die Füße müssen etwas früher da sein, wir müssen den Slice, den flachen Schlag und den Topspin einbauen. Es gibt viele Möglichkeiten auf einer Seite, das macht es kompliziert. Aber Lilli liebt diesen Schlag und hat ein tolles Gefühl und Talent dafür."

Lorenzo Frigerio und Francesca Schiavone, Trainerteam von Lilli Tagger
Lorenzo Frigerio und Francesca Schiavone, Trainerteam von Lilli TaggerČTK / imago sportfotodienst / Juergen Hasenkopf

Auch wenn Tagger gerade den größten Erfolg ihrer Karriere an der Schwelle zum Erwachsensein gefeiert hat, bleibt Schiavone gelassen. Alles hat seine Zeit und sein System. Im Team, in dem Ex-Spieler Lorenzo Frigerio die technische Seite ergänzt, setzen sie auf offenen Dialog.

"Früher nicht, aber jetzt geht es nur noch um Dialog. Ich frage sie: ‚Was denkst du? Was ist das Beste für dich? Wie können wir das verbessern?‘ Es ist Teamarbeit", beschreibt Schiavone: !Das Wichtigste ist, dass sie weiter lernt, gesund bleibt und sich weiterentwickelt. Der Prozess ist immer wichtiger als schnelle Ergebnisse."