Zum Hauptinhalt springen

Champions League-Vorschau: Kann Haaland Citys Real-Halbfinaltrauma überwinden?

Rodrygos Blitz-Doppelpack sorgte für die Wende im letztjährigen CL-Halbfinale gegen Manchester City.
Rodrygos Blitz-Doppelpack sorgte für die Wende im letztjährigen CL-Halbfinale gegen Manchester City.AFP

Die Champions League geht in ihre heiße Phase. In der Runde der letzten Vier steigt die Wiederauflage des letztjährigen Halbfinals zwischen Real Madrid und Manchester City. Der neutrale Fan wird sich wünschen, dass es ähnlich spektakuläre Spiele gibt wie in der vergangenen Saison, als insgesamt elf Tore in zwei Spielen fielen. Doch einen Unterschied gibt es in diesem Jahr: und der heißt Erling Haaland.

Was den Nimbus Real Madrid ausmacht, weiß kaum eine Mannschaft so gut wie Manchester City. Erst in der vergangenen Saison durchlebten die Engländer innerhalb von zwei Spielen gegen die Königlichen alle Gefühlswelten, die der Fußball zu bieten hat. City führte lange im Estadio Santiago Bernabeu und sah wie der sichere Sieger aus, bevor ein Doppelpack von Rodrygo in der Nachspielzeit die Partie zu Gunsten der Gastgeber drehte. Damals wie heute war die Bühne das Champions League-Halbfinale, am Ende setzte sich Real durch einen Sieg nach Verlängerung durch und gewann am Ende die Königsklasse.

Seit dem letzten Jahr hat sich auf den ersten Blick nicht viel geändert: Real Madrid gewinnt weiter fleißig Titel (zuletzt am Wochenende mit dem 2:1 im spanischen Pokalfinale gegen CA Osasuna), Manchester City führt die heimische Liga nach einem dominanten Sieg über Hauptkonkurrent Arsenal vor einigen Wochen wieder souverän an. Doch eines hat sich geändert, wenn die beiden Teams am Dienstag (ab 21 Uhr live bei Prime Video und in der Flashscore-Audioreportage) zum insgesamt neunten Mal im Europapokal aufeinandertreffen: Die Ankunft von Erling Haaland.

51 Tore in 46 Pflichtspielen hat der Norweger bisher für seinen neuen Verein erzielt. Das sind nicht nur 15 mehr als jeder andere Spieler in der laufenden Saison der Top 5-Ligen, sondern auch in der Champions League ist der ehemalige BVB-Angreifer mit zwölf Treffern der beste Torschütze. In der Königsklasse trifft der in Leeds geborene Haaland alle 58 Minuten ins gegnerische Tor – ein Wert, den man so bislang auch bei den Messis und Ronaldos dieser Welt noch nicht gesehen hat.

Erling Haaland in gewohnter Pose: Beim Jubeln.
Erling Haaland in gewohnter Pose: Beim Jubeln.AFP

Während es im letzten Jahr mit Karim Benzema der Mittelstürmer auf der Gegenseite war, der das Aufeinandertreffen durch zwei Tore im Hinspiel und das entscheidende 3:1 in der Verlängerung des Rückspiels entschied, könnte dieses Jahr der Angreifer von City in den Vordergründ rücken. In der Kabine des Gegners ist der 22-Jährige in jedem Fall Gesprächsthema Nummer eins, wie Real-Flügelstürmer Rodrygo jüngst zugab: „Ja, klar. Haaland ist aber derjenige, der einem am meisten Schrecken einjagt, denn er schießt viele Tore. Auf solche Spieler muss man sehr achten. Wir werden versuchen, ihn zu stoppen.

Wie das genau gelingen soll, darüber zerbrechen sich momentan alle gegnerischen Abwehrreihen den Kopf. Fragt man in Leipzig nach, so erinnert man sich beispielsweise mit Schrecken an die fünf (!) Tore, die Haaland im Achtelfinal-Rückspiel aufgelegt hat. Auch Lokalrivale Manchester United erging es nur wenig besser, als sie im vergangenen Oktober drei Treffer und zwei Vorlagen der menschgewordenen Tormaschine schlucken mussten. Mit vier Dreierpacks und fünf Doppelpacks alleine in der Premier League legt Haaland kurz gesagt Zahlen auf, die mit gewohnten Fußball-Maßstäben nicht zu beschreiben sind.

Sollte City ihn auch in den Spielen gegen Real ähnlich gut in Szene setzen können, könnten die Insulaner zum ersten englischen Team werden, das in der Champions League mehr als einen Sieg im Santiago Bernabeu feiern kann. Auch Trainer Pep Guardiola kommt mit einer ermutigenden Bilanz nach Madrid, da er nur fünf seiner insgesamt 21 Pflichtspielduelle mit den Galaktischen verloren hat. In seinem bereits zehnten Halbfinale in der Champions League will der ehemalige Bayern-Trainer zum vierten Mal das Finale erreichen.

Auf dem Weg ins Finale haben die Cityzens einen prominenten Fürsprecher auf ihrer Seite: Wayne Rooney, Vereinslegende beim Rivalen aus dem roten Teil der Stadt, ist sich sicher: „City wird Real Madrid im Halbfinale der Champions League nicht nur schlagen – sie werden sie wegfegen."

Team-News: Kann Reals Defensive Haaland stoppen?

Ob es am Ende so deutlich wird, darf durchaus bezweifelt werden. Real Madrid, das in der Champions League seit mehr als drei Spielen ohne Gegentor ist, hat generell erst acht Gegentreffer in zehn Spielen hinnehmen müssen. In jedem zweiten Spiel behielt man eine weiße Weste. Das liegt einerseits an der starken und eingespielten Verteidigung um die Manndecker David Alaba und Eder Militao, andererseits an einem stark aufgelegten belgischen Schlussmann Thibaut Courtois. Laut dem Expected-Goals-Modell von Opta verhinderte Real Madrids Torhüter in der Königsklasse seit Start der letzten Saison fast zehn Gegentore, so viele wie keine andere Nummer eins. 

Während auf der rechten Abwehrseite der ewige Dani Carvajal unumstritten ist, ist links der lange verletzte Ferland Mendy wieder ins Training eingestiegen. Dass er direkt in der Startelf steht, ist aber unwahrscheinlich, sodass Trainer Carlo Ancelotti vermutlich wieder auf den umgeschulten Eduardo Camavinga setzen wird. Vor der Viererkette ist die Aufstellung so gut wie sicher: Neben Federico Valverde und Luka Modric spielt Weltmeister Toni Kroos im Mittelfeld, der in dieser Saison 84 "line-breaking passes" im letzten Dritten gespielt hat – mit Abstand der Top-Wert in der Champions League.

Auch in der Offensive stellt sich das Team von selbst auf: Neben Rodrygo, der im letztjährigen Halbfinale zum entscheidenden Spieler wurde, agiert sein Landsmann Vinicius Jr. auf dem linken Flügel. Der 22-Jährige war bei seinen letzten zehn Startelfeinsätzen in der Champions League immer an mindestens einem Tor beteiligt. Auch am vergangenen Wochenende gegen Osasuna war Vinicius ein Aktivposten und brachte seinen Gegenspieler mehrfach zur Verzweiflung, seine Form stimmt also. Ganz vorne setzt Real einmal mehr auf Karim Benzema, der auch mit inzwischen 35 Jahren noch auf Weltklasseniveau spielt.

Diese Beschreibung lässt sich nahtlos auf quasi alle Mannschaftsteile der Gäste von der Insel übertragen. Vor Ederson wird eine gewohnte Dreierkette aus Manuel Akanji, Ruben Dias und Kyle Walker beginnen. Die ist auch deshalb wenig überraschend, da der niederländische Nationalspieler Nathan Ake sich beim 2:1-Erfolg am vergangenen Wochenende gegen Leeds United eine Oberschenkelverletzung zugezogen hat und vermutlich nicht zur Verfügung steht. 

Im Mittelfeld setzt Guardiola auf John Stones, der seit seiner Verschiebung aus der Innenverteidigung eine Rolle einnimmt, die ältere Fußballfans an die eines klassichen Liberos erinnert. Stones schiebt sich in Ballbesitz bis weit in die gegnerische Hälfte und fungiert als zusätzliche Anspielstation neben Erling Haaland, fällt in der Defensive aber unter Druck bis in die letzte Linie zurück. Da der englische Nationalspieler seit seinem Wechsel nach Manchester in der Saison 2016/17 inzwischen auch zu einem echten Anführer geworden ist, kann man ihn durchaus als verlängerte Hand von Trainer Pep Guardiola auf dem Feld bezeichnen.

Mit der Kreativität von Kevin de Bruyne, Bernardo Silva, Jack Grealish oder Ilkay Gündogan auf dem Feld hat City in der Offensive genug Qualität, um die Stärken von Wunderstürmer Erling Haaland in Szene zu setzen. Dabei glänzt der 1,94m große Angreifer bei weitem nicht nur in der Luft, häufig finden ihn die Mitspieler auch mit gut getimeten Pässen in die Schnittstelle. Was Haaland den Cityzens in erster Linie gebracht hat, ist Unausrechenbarkeit. Gut möglich, dass genau dieser Faktor in diesem Jahr den Unterschied pro City macht.

Mehr als nur Haaland: Kevin de Bruyne (M.) und Jack Grealish (r.) sind zwei der weiteren Offensivwaffen der Cityzens.
Mehr als nur Haaland: Kevin de Bruyne (M.) und Jack Grealish (r.) sind zwei der weiteren Offensivwaffen der Cityzens.AFP

So könnten sie spielen:

Real Madrid (4-3-3): Courtois - Camavinga, Alaba, Militao, Carvajal - Valverde, Kroos, Modric - Vinicius Jr, Benzema, Rodrygo

Manchester City (3-4-3): Ederson - Akanji, R. Dias, Walker - Grealish, Rodri, Stones, B. Silva - De Bruyne, Haaland, Gündogan

Flashscore-Prognose: Schlagabtausch lässt alles offen für das Rückspiel

Mit 17 Toren in den letzten vier direkten Aufeinandertreffen in der Champions League ist das Spiel ein Garant für Unterhaltung. Genau so wird es auch am Dienstag in Madrid laufen. Beide Teams spielen nach vorne und zeigen ihre offensive Klasse, am Ende steht ein 2:2. Damit erhalten sich beide alle Chancen auf einen Finaleinzug im Rückspiel am nächsten Mittwoch.