Erfolg ohne Eile: Norwegens Nachwuchsmodell als Blaupause für das DFB-Team?

Norwegen macht es vielen anderen Nationen aktuell vor
Norwegen macht es vielen anderen Nationen aktuell vorFoto von ABDULHAMID HOSBAS / ANADOLU / ANADOLU VIA AFP

Während der Spitzensport fast überall mit der Suche nach dem großen Talent beginnt, pocht Norwegen auf weniger Leistungsdruck und erntet damit Erfolge. Ein Vorbild für Deutschland?

Der explosive Antritt eines Leichtathleten, die Sprungkraft eines Handballers, dann der wuchtige Kopfball eines 1,95-Meter-Hünen: Mit seinem Treffer gegen die Fußballgroßmacht Brasilien köpfte Erling Haaland Norwegen erstmals in ein WM-Viertelfinale. Ein Tor wie eine Reminiszenz an seine Jugend. Lange bevor er zum auf Effizienz kalibrierten Tor-Cyborg wurde, war der heute 25-Jährige nämlich Handballer, Leichtathlet, Ski-Langläufer – und erst dann Fußballer.

Denn: Während Deutschland nach dem nächsten WM-Fiasko laut Jürgen Klopp "bis zur U10 alles strukturell hinterfragen" sollte, hat Norwegen bereits vor knapp 20 Jahren einen anderen Weg eingeschlagen. Konträr zur weltweit gelebten Leistungszentrumskultur sollen Kinder in Norwegen einfach möglichst lange Kinder sein.

Norwegen geht einen anderen Weg

Grundlage sind die Sport-Kinderrechte des norwegischen Dachverbands NIF. Seit 2007 gilt: Der Nachwuchs hat die Möglichkeit, verschiedenste Sportarten nach eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten auszuüben. Unter neun Jahren gibt es weder Tabellen noch Meister. Keine offiziellen Sieger, keine offiziellen Verlierer. Erst ab 14 Jahren hält der Wettbewerb schrittweise Einzug.

Das scheint 2026 auf den größten Bühnen Früchte zu tragen: Nicht nur schießt sich die "Landslaget" derzeit tief in den Turnierbaum der WM, auch im Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele deklassierten die Skandinavier die Konkurrenz - mit gerade einmal 5,5 Millionen Einwohnern. Davon vermochte 2007 wohl niemand in Norwegen zu träumen, das Gesetz zielte auf etwas deutlich Unspektakuläreres: Raum zum Ausprobieren und Scheitern zu schaffen.

Deutschland indes zählt mehr als 83 Millionen Menschen – und sucht dennoch nach der nächsten goldenen Generation. Plötzlich existiert eine Alternative, die den bisherigen Glaubenssatz infrage stellt. Sollte Deutschland norwegischer denken?

Zum Match-Center: Norwegen vs. England

Norwegen schlug im Achtelfinale Brasilien
Norwegen schlug im Achtelfinale BrasilienFoto von ABDULHAMID HOSBAS / ANADOLU / ANADOLU VIA AFP

Reformbedarf erkannt

Der DFB tut das zum Teil bereits und hat seine "Trainingsphilosophie Deutschland" grundlegend umgebaut. "Das Spielen auf Tore in kleinen Gruppen ist so wichtig wie das tägliche Wassertrinken", wird DFB-Nachwuchsdirektor Hannes Wolf auf der DFB-Homepage zitiert. Kleine Spielformen, mehr Ballkontakte, mehr Entscheidungen. Der DFB will so dem Leistungsdruck begegnen und die individuelle Kreativität sowie Stressabbau in den Fokus rücken.

Unterstützung erhielt Wolf zudem von Borussia Dortmunds Nachwuchschef Thomas Broich, der öffentlich infrage stellte, welchen Zweck Tabellen im Kinderfußball überhaupt erfüllen - ganz nach skandinavischem Vorbild also.

Kritik an der neuen DFB-Philosophie kommt dennoch regelmäßig auf: Nach dem WM-Aus gegen Paraguay war einmal mehr der Reflex der Forderung "deutscher Tugenden" zu beobachten. Rio-Weltmeister Sami Khedira warnte vor einer Generation "perfekt ausgebildeter Loser". "Wir dürfen die jungen Spieler nicht nur in Watte packen", sagte er.

Nowitzki als Beweis?

Lothar Matthäus, Michael Ballack oder Bastian Schweinsteiger argumentierten ähnlich. Es brauche wieder Leidenschaft, Gier, Robustheit und Mentalität. Schlagworte, die schon nach gescheiterten Turnieren vergangener Jahre Konjunktur hatten.

Dass Haaland und Co. aufgrund des norwegischen Weges zur Weltklasse herangereift sind, lässt sich wissenschaftlich nicht beweisen - sportlicher Erfolg entsteht nie monokausal. Dass er nicht schaden kann, zeigt allerdings ein deutsches Paradebeispiel: Dirk Nowitzki galt einst als zweitbester Tennisspieler seines Jahrgangs, spielte zudem Handball und Fußball. Was folgte, war eine Weltkarriere im Basketball.