Flashback: Frankreich - Spanien 2006: Als Zidane seinen Rücktritt verschob

Schon 20 Jahre ist dieses legendäre Duell her
Schon 20 Jahre ist dieses legendäre Duell herPATRIK STOLLARZ / AFP / AFP / Profimedia

Zwanzig Jahre vor ihrem Halbfinale am Dienstag in Arlington trafen Frankreich und Spanien bereits in einer entscheidenden Phase einer Weltmeisterschaft aufeinander. Das war am 27. Juni 2006 in Hannover, im Achtelfinale. Schon damals hatte das Duell den Charakter eines Generationenkonflikts.

Damals war La Roja noch nicht die Maschine, die zwischen 2008 und 2012 den Weltfußball dominieren sollte. Unter der Leitung von Luis Aragonés kam sie mit einer perfekten Gruppenphase – drei Siege in drei Spielen – und einer vielversprechenden jungen Generation daher: Fernando Torres, David Villa, Andrés Iniesta, Cesc Fàbregas. Sergio Ramos war damals erst 20 Jahre alt und spielte als Außenverteidiger.

Auf der anderen Seite stand eine alternde und verunsicherte Mannschaft von Frankreich, die in der Gruppenphase zittern musste – zwei Unentschieden gegen die Schweiz und Südkorea, bevor sie sich mit einem rettenden Sieg gegen Togo durchsetzte. Das stärkte das Selbstvertrauen der Spanier: Die Tageszeitung Marca titelte vor dem Spiel "Wir schicken Zidane in den Ruhestand", während im Innenteil sogar angekündigt wurde, man wolle den gallischen Hahn "rupfen".

Zinédine Zidane, der vier Tage zuvor seinen 34. Geburtstag gefeiert hatte, hatte bereits im Frühjahr angekündigt, dass diese WM die letzte seiner Karriere sein würde. Es war allerdings nicht das erste Mal, dass er seinen internationalen Rücktritt verkündete: Schon 2004 hatte er sich nach einer enttäuschenden EM in Portugal verabschiedet, kehrte aber im Sommer 2005 zurück, um eine in der Qualifikation gefährdete französische Mannschaft zu retten.

Als Spielmacher von Real Madrid, wo er längst zur Klublegende geworden war, erlebte Zidane mit seinem 105. Länderspiel einen besonderen Moment – der Wahl-Madrilene traf auf die Spanien auf deren sportlichem Terrain. Ab dem Achtelfinale konnte jedes Spiel sein letztes im blauen Trikot sein – eine Vorstellung, die Millionen Franzosen schwindelig machte, die sich nie damit abfinden wollten, den schönsten Spieler seit Michel Platini gehen zu sehen.

Zidane schickt La Roja in den Ruhestand

Auch für Thierry Henry hatte dieses Achtelfinale eine besondere Bedeutung: Er traf auf dem Platz auf Luis Aragonés, zwanzig Monate nachdem der spanische Trainer während eines Trainings rassistische Äußerungen gegen ihn gemacht hatte. Der Vorfall sorgte für großes Aufsehen und brachte Aragonés eine Geldstrafe ein, die Henry als "lächerlich und zum Lachen" bezeichnete.

Vor 43.000 Zuschauern in der AWD-Arena, unter der Leitung des italienischen Schiedsrichters Roberto Rosetti, begann die Partie schlecht für die Équipe Tricolore. Bereits in der 28. Minute verursachte Lilian Thuram im eigenen Strafraum einen Foulelfmeter. David Villa blieb eiskalt und verwandelte den Strafstoß: Spanien führte und die Marca schien bereits recht zu behalten.

Zum Match-Center: Spanien vs. Frankreich 1:3 (WM 2006)

Doch Frankreich reagierte schnell. Patrick Vieira, an diesem Abend wie schon gegen Togo überragend, schickte Franck Ribéry auf die Reise – die Entdeckung dieses Turniers. Mit einem Haken ließ der französische Flügelspieler Iker Casillas stehen und glich kurz vor der Pause, in der 41. Minute, aus. Mit 1:1 ging es in die Kabinen – ein Spielbeginn, der trotz allem eher der spanischen Jugend gehörte.

In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel härter. In dieser angespannten Phase ging Frankreich erneut in Führung: In der 83. Minute köpfte Vieira nach einem Freistoß von Zidane entscheidend ein und überwand Casillas. Die Bleus führten 2:1.  Es ging in die hitzigen Schlussminuten einer nun einseitigen Partie. Und als Symbol war es Zidane, der das Spiel in der Nachspielzeit endgültig entschied: In der 90.+2 Minute begrub er mit einem Rechtsschuss die letzten spanischen Hoffnungen, trug sich noch auf die Anzeigetafel ein – Endstand: 3:1 für Frankreich.

Bei dieser Aktion spürte der französische Kapitän eine Zerrung im Oberschenkel – eine Verletzung, mit der er wenige Tage später eines seiner besten Spiele überhaupt ablieferte, im Viertelfinale gegen Brasilien.

"Hör niemals auf!"

Beim Schlusspfiff in Hannover wischte Zidane alle Gerüchte um einen vorzeitigen Rücktritt beiseite: "Für mich war klar, dass das nicht das letzte" Spiel war, sagte er und konterte seine Kritiker: "Es gibt Typen, die keinen Ball berühren und sich trotzdem erlauben, irgendeinen Unsinn zu erzählen." Fairerweise schlug die Marca schon am nächsten Tag neue Töne an und schrieb: "Hör niemals auf!" – gerichtet an die französische Nummer 10.

Überragten gegen Spanien: Franck Ribery und Zinedine Zidane
Überragten gegen Spanien: Franck Ribery und Zinedine ZidaneFoto von DAVID HECKER / DDP / DDP IMAGES VIA AFP

Der weitere Verlauf dieser WM 2006 ging in die Geschichte der Équipe Tricolore ein: ein Gala-Viertelfinale gegen Brasilien, ein Halbfinale gegen Portugal und schließlich das Endspiel in Berlin, geprägt von Zidanes Panenka, seinem Kopfstoß gegen Marco Materazzi, dem Platzverweis und der Niederlage im Elfmeterschießen gegen Italien. Eine Enttäuschung, die nie ganz verarbeitet wurde.

Für Spanien war das frühe Aus nur ein Zwischenstopp. Vier Jahre später, in Südafrika, stemmte die Generation Iniesta-Xavi-Torres endlich den Pokal – eingerahmt von zwei aufeinanderfolgenden Europameistertiteln 2008 und 2012. An jenem Tag in Hannover kam Iniesta nicht einmal zum Einsatz. Doch mit den Jahren wurde er zum Symbol dieser goldenen Generation. Zwanzig Jahre später schreibt die Geschichte ein neues gemeinsames Kapitel zwischen beiden Nationen – diesmal in einer noch entscheidenderen Phase des Turniers. Das weckt natürlich Erinnerungen an Hannover.

Zum Match-Center: Frankreich vs. Spanien (auch in der Flashscore-Audioreportage)

Die beiden Aufstellungen an jenem Abend:

Spanien: Iker Casillas – Sergio Ramos, Carles Puyol, Carlos Marchena, Juanito – Cesc Fàbregas, Xabi Alonso, Xavi (Marcos Senna, 72.) – Raúl (Kapitän) (Luis García, 54.) – Fernando Torres, David Villa (Joaquín, 54.). Trainer: Luis Aragonés.

Frankreich: Fabien Barthez – Willy Sagnol, Lilian Thuram, William Gallas, Éric Abidal – Patrick Vieira, Claude Makélélé – Franck Ribéry, Zinédine Zidane (Kapitän), Florent Malouda (Sidney Govou, 75.) – Thierry Henry (Sylvain Wiltord, 88.). Trainer: Raymond Domenech.