Torjäger Harry Kane als Leitfigur: Er soll Tuchels Engländer zum WM-Titel führen

Kane führt England bei der WM an
Kane führt England bei der WM anREUTERS/Maryam Majd

Harry Kane ist der ultimative Hoffnungsträger im England-Kader von Thomas Tuchel – einem Aufgebot, das ohnehin aus lauter Turnierspezialisten besteht. Kane selbst hat das Toreschießen schlicht zur Perfektion gebracht. Mit mittlerweile 32 Jahren bereitet sich der Kapitän der Three Lions auf seine dritte Weltmeisterschaft vor. Sein großes Ziel: die quälende 60-jährige Durststrecke seines Landes ohne großen Titel endlich zu beenden.

Kanes sportliche Bilanz ist atemberaubend. In dieser Saison sicherte er sich mit 36 Treffern in 31 Einsätzen bereits zum zweiten Mal den Goldenen Schuh als bester Torschütze Europas – parallel dazu feierte er mit Bayern München die 34. Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Bereits im September hatte er im 104. Pflichtspiel für die Münchner sein 100. Tor erzielt. Schneller erreichte in diesem Jahrhundert kein anderer Akteur in den europäischen Top-5-Ligen diese Marke bei einem einzigen Verein.

Insgesamt beendete Kane die Saison mit 61 Pflichtspieltreffern für die Bayern, gekrönt von einem Hattrick im DFB-Pokalfinale. Er ist Rekordtorschütze von Tottenham Hotspur (280 Tore), historischer Topscorer der englischen Nationalmannschaft (78) und zudem der Engländer mit den meisten Treffern in der Champions League (54).

Kane als unersetzliche Leitfigur

Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel, der Kane bereits während seiner Amtszeit in München trainierte, betonte bei der Nominierung seines 26-köpfigen WM-Kaders die Flexibilität seines Teams: Er habe "Spezialisten für alle möglichen Szenarien" an Bord. Dass Kane dabei jedoch in einer eigenen Liga spielt, machte der Deutsche nach einer enttäuschenden Niederlage gegen Japan im März – bei der der Stürmer fehlte – deutlich. 

Tuchel gab unumwunden zu, dass Englands Anführer unersetzlich sei: "Ohne Harry Kane fehlt uns die gewohnte Torgefahr. Bayern München ist ohne ihn weniger gefährlich, und keiner anderen Mannschaft der Welt geht es anders – das ist völlig normal. Wenn Topteams und große Fußballnationen auf absolute Ausnahmespieler setzen, ist das schlicht der Standard." Auch Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß fand zuletzt klare Worte und adelte Kane als den besten Transfer der Vereinsgeschichte.

Kanes Länderspielkarriere begann im Jahr 2015 im Wembley-Stadion gegen Litauen, wo er nur wenige Augenblicke nach seiner Einwechslung traf. Seitdem ist er für Verein und Nationalteam ein verlässlicher Torgarant. Dennoch hält sich hartnäckig das Gefühl, dass der Angreifer selbst in seiner Heimat nicht die volle Wertschätzung erfährt. Kritiker hinterfragen regelmäßig, ob seine starke Torquote nicht vor allem durch Qualifikationsspiele gegen vermeintlich schwächere Gegner zustande kam. Selbst sein Goldener Schuh bei der WM 2018 blieb nicht unumstritten, da er damals nur ein einziges Tor aus dem laufenden Spiel heraus erzielte.

Der ehemalige England-Stürmer Chris Sutton wischt diese Zweifel jedoch entschieden beiseite: "Wenn Harry Kane heute seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkünden würde, würden wir die Chancen der Three Lions bei dieser WM sofort völlig anders bewerten", erklärte er gegenüber der BBC. "Kane wird nicht ewig für England spielen, aber wer soll ihm nachfolgen? Wer reicht auch nur ansatzweise an sein Niveau heran? Niemand. Das sagt eigentlich alles. Als kompletter, eiskalter Torjäger hatte England nur ganz wenige, die besser waren."

Große Bühne, letzte Zweifel

Muss sich Kane nach durchwachsenen Auftritten bei vergangenen Großturnieren also noch einmal beweisen? Nachdem er bei der EM 2016 torlos geblieben war, traf er zwei Jahre später in Russland sechsmal und führte sein Team ins Halbfinale. Auch beim Finaleinzug der verschobenen EM 2020 war er Englands treffsicherster Profi. Doch die WM 2022 in Katar endete im Viertelfinale tragisch, als er beim 1:2 gegen Frankreich einen entscheidenden Elfmeter vergab. Auch bei der EM 2024, die England im Finale gegen Spanien verlor, wirkte er phasenweise blass.

Und dennoch: Mit insgesamt 15 Treffern ist Kane Englands erfolgreichster Torschütze bei großen Turnieren. Zudem bilden die nackten Zahlen nur einen Teil seiner Qualitäten ab, da er oft als spielmachender Stürmer agiert. "Ich finde es wichtig, auch dann Einfluss auf das Spiel zu nehmen, wenn man selbst nicht trifft – genau das versuche ich mit und ohne Ball", betonte Kane im Gespräch mit UEFA.com.

Nachdem er bei seinem Jugendklub Tottenham stets titellos blieb, musste Kane bis zu seinem Wechsel nach München warten, um die ersten großen Trophäen in den Händen zu halten. Sollte es ihm nun gelingen, auch die noch viel längere Durststrecke der englischen Nationalmannschaft zu beenden, wäre ihm sein Platz unter den größten Fußballlegenden des Landes endgültig sicher – und auch die letzten Zweifler müssten verstummen.

Die Mission beginnt für England am 17. Juni mit dem WM-Auftakt gegen Kroatien.