Die wohl größte Überraschung war eigentlich, wie geräuschlos das Fehlen von Trent Alexander-Arnold hingenommen wurde. Immerhin galt er vor wenigen Jahren noch als absolut gesetzt – nicht nur wegen seiner präzisen Flanken à la Beckham, sondern auch dank seiner Athletik und eines herausragenden Gesamtpakets.
Ob Tuchel beim ehemaligen Liverpool-Profi schlicht die Tiefe für ein fundiertes Urteil fehlte, bleibt offen. Getreu dem Motto "aus den Augen, aus dem Sinn" könnte seine Zeit bei Real Madrid eine Rolle gespielt haben. Zumal die Königlichen über weite Strecken der Saison eher durchschnittlich agierten und der Rechtsverteidiger seine Chancen unter Xabi Alonso – und später Alvaro Arbeloa – nur selten nutzen konnte.
Stärkere Flanken, bessere Defensivwerte
Interessanterweise stagnierte Trent in der Saison 2025/26 zwar in einigen Bereichen, lieferte in Schlüsselstatistiken jedoch bessere Werte ab als in seinem letzten Jahr bei den Reds. Das wirft die Frage auf, ob Tuchel den 27-Jährigen nicht zu früh abgeschrieben hat.
So verbuchte er bei Real Madrid im Schnitt 1,38 erfolgreiche Flanken pro Spiel – eine Steigerung gegenüber den 1,27 Partien aus der Saison 2024/25 für Liverpool.

Auch seine oft kritisierte Defensivarbeit stabilisierte sich: Die Erfolgsquote in defensiven Eins-gegen-eins-Duellen kletterte in der Saison 25/26 auf 46,67 % (Vorjahr: 44,44 %).
Dass Trent im Estadio Santiago Bernabéu dennoch Probleme hatte, zeigen magere fünf Assists in 30 Pflichtspielen. Eine Oberschenkelverletzung (sieben Spiele Pause) und eine anschließende Zerrung (weitere 14 Partien Ausfall) machten es ihm zudem fast unmöglich, den nötigen Rhythmus für konstante Top-Leistungen zu finden.
Schwache Offensivwerte im Detail
Tuchel wiederum dürfte argumentieren, dass 5,37 gewonnene Defensivduelle pro Spiel im Vergleich zu den 8,21 an der Anfield Road ein deutlicher Rückschritt sind. Auch die Ausbeute von 5,78 Ballgewinnen pro Partie in Spanien (zuvor 7,19) spricht eine klare Sprache.
Selbst wer versucht, die Daten zugunsten seines Offensivdrangs auszulegen, stößt auf ernüchternde Bilanzen.
Im Schnitt verbuchte er nur 5,73 progressive Läufe pro Spiel (24/25: 6,25). Seine erfolgreichen Pässe ins letzte Drittel sanken von 7,99 auf 5,28, und bei den Schlüsselpässen gab es ebenfalls einen Rückgang von 0,72 auf 0,64 pro Partie.
Abseits der nackten Zahlen wird ohnehin zu wenig beachtet, wie stark die Three Lions zuletzt ohne ihn auftraten.
England glänzt ohne Trent
Seit der Europameisterschaft 2024 war er ohnehin kein fester Eckpfeiler des Teams mehr. Tuchel signalisierte ihm seine Rolle mit nur 26 Einsatzminuten gegen Andorra in der Qualifikation unmissverständlich – das war's.
Acht Spiele, acht Siege, kein einziges Gegentor: Wie man es auch dreht und wendet, Tuchels Pragmatismus ist sportlich absolut nachvollziehbar. Eine funktionierende Einheit bricht man nicht auf.

Ja, es ist eine unpopuläre Entscheidung – für England aber nicht zwingend die schlechteste. Jahrelang litt die Nationalmannschaft unter Debatten, weil Trainer stur an ihren gesetzten Lieblingen festhielten.
Tuchel geht ins Risiko
Mit Tuchel steht nun ein Coach an der Seitenlinie, der pragmatischer und konsequenter agiert als seine Vorgänger. Bei einer Weltmeisterschaft ist kein Platz für Nominierungen aus reinem Prestige, und Trents aktuelle Zahlen genügen derzeit schlicht nicht dem Anspruch internationaler Extraklasse.
Sollte England scheitern, wird die Kritik an Tuchel logischerweise massiv sein. Bis dahin hat er jedoch jedes Recht, ungemütliche Entscheidungen zu treffen – und das Vertrauen verdient, genau zu wissen, was er tut.

