Marta Kostyuk will nicht schweigen. "Die größte Sache, die ich tun kann", sagte die Ukrainerin, "ist hier zu sitzen und darüber zu sprechen, damit mehr Menschen davon erfahren und sich nicht an dieses schreckliche Leben gewöhnen." Immer wieder nutzt Kostyuk die großen Tennisbühnen der Welt, um auf den russischen Angriffskrieg aufmerksam zu machen. Und auch bei den French Open schildert sie in aller Deutlichkeit, was gerade in der Heimat passiert - und stellt dabei ihre eigenen sportlichen Erfolge in den Hintergrund.
Schon nach dem Erstrundensieg gegen die gebürtige Russin Oksana Selekhmeteva hatte sie offenbart, dass am Tag des Duells "nur 100 Meter vom Haus meiner Eltern entfernt eine Rakete eingeschlagen" sei. Im Anschluss an ihren erstmaligen Einzug in das Halbfinale von Roland Garros erklärte sie dann mit Tränen in den Augen, dass die Ukraine "wieder eine sehr schwierige Nacht" mit "vielen toten Menschen" durchgemacht habe: "Ich will dieses Match den ukrainischen Leuten und ihrer Widerstandsfähigkeit widmen."
Match-Center: Marta Kostyuk vs. Mirra Andreeva
Enttäuschung gegenüber Andreeva & Co.
Auf dem Platz blendet Kostyuk ihre Sorgen auf bemerkenswerte Art und Weise aus. Derzeit steht sie bei 16 Siegen in Folge, auf Sand ist die 23-Jährige in dieser Saison noch ungeschlagen. An der Seine greift sie nun nach ihrem ersten Grand-Slam-Titel, in der Runde der letzten vier wartet am Donnerstag Mirra Andreeva - eine Russin.
Kostyuk ist enttäuscht von Spielerinnen wie Andreeva, die sich nicht eindeutig von Russland abgrenzen. "Ich wünschte, es gäbe eine klarere Haltung dazu, was da vor sich geht, vor allem, wenn das eigene Land andere Menschen tötet", sagte Kostyuk, die seit Beginn des Krieges nach dem Matchball den typischen Handschlag mit russischen Spielerinnen verweigert. Sie wisse nicht, "wie man nachts ruhig schlafen kann, wenn man weiß, dass so etwas passiert und dazu nichts zu sagen hat".
Trotz ihrer klaren Worte will Kostyuk dem brisanten Aufeinandertreffen keine besondere Bedeutung verliehen. Ihr sei es "normalerweise völlig egal, wer auf der anderen Seite des Netzes steht. Ich bin da, um Tennis zu spielen und meinen Job zu machen", so Kostyuk. Und daran werde sich für sie "am Donnerstag nichts ändern".
