Alles wie erwartet? Ganz und gar nicht. "Vor allem war ich erleichtert", gestand Mertesacker 2018 in einem vielbeachteten Spiegel-Interview über das ewige Messer in seiner Seele und die "unmenschliche Angst" des Fußballers vor dem Versagen. "Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei." Erst mit seinem Abschiedsspiel, sagte er damals, sei er "zum ersten Mal" wirklich frei gewesen.
Vom Nachwuchschef zum möglichen DFB-Kandidaten
Dieses Abschiedsspiel liegt inzwischen lange zurück. Mertesacker hat Distanz zum Leistungssport gewonnen, ist dem Fußball aber eng verbunden geblieben. Während seine Weltmeisterkollegen von 2014, Manuel Neuer und Thomas Müller, weiterhin aktive Profis sind, leitete Mertesacker acht Jahre lang die Nachwuchsakademie des FC Arsenal. Nun könnte er beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) selbst an einem neuen Kapitel mitschreiben.
Rudi Völler bleibt Sportdirektor, das gilt als sicher. Jürgen Klopp kommt als Bundestrainer, das gilt als so gut wie sicher. Und wenn es um die passende Ergänzung dieses Führungsduos geht, fällt immer häufiger ein Name: Mertesacker. Genannt wird er von Lothar Matthäus, von Uli Hoeneß, von Völler selbst – und nicht zuletzt von Mertesacker in eigener Sache.
Hoeneß' Lob und Mertesackers TV-Auftritte
"Irgendwie mal beim DFB zu arbeiten, dem deutschen Fußball etwas zurückzugeben – dafür stehe ich zur Verfügung", sagte Mertesacker in seiner Rolle als ZDF-Experte. Dort sitzt er auf der linken Ecke des TV-Sofas, meist in weißen Sneakern: eloquent, mit starken Einsichten, gelegentlich witzig – und stets norddeutsch direkt.
Genau das schätzt auch Uli Hoeneß an ihm. "Alles, was Per im Fernsehen sagt, hat Hand und Fuß. Er ist nie beleidigend und trotzdem kritisch", sagte der Bayern-Patron der "Bild"-Zeitung. Mertesacker habe stets gezeigt, wie gut er mit Menschen umgehen könne – und würde eine solche Aufgabe niemals des Geldes wegen übernehmen, sondern weil sie ihn reize. Harte Arbeiter seien jetzt beim DFB gefragt.
Brückenbauer zwischen Nationalmannschaft und Nachwuchs
Auch andere sehen es ähnlich: Als versierter Redner mit tiefem Einblick in erstklassige Jugendausbildung könnte Mertesacker für den DFB enorm wertvoll sein. Zum Jahresende räumt Andreas Rettig seinen Geschäftsführerposten, der auch für die Verzahnung von Nationalmannschaft und Nachwuchsteams zuständig war. Mertesacker als Brückenbauer, im Zusammenspiel mit Nachwuchsdirektor Hannes Wolf, der die gesamte Ausbildung neu aufgestellt hat – das könnte passen.
Auch der Zeitplan würde stimmen. Mertesacker braucht hin und wieder eine Pause, das war schon zu seiner aktiven Laufbahn so. 15 Jahre lang hat er sich beim FC Arsenal "durchgekloppt" und will nun "erst mal schön in den Urlaub und reflektieren". Das dürfte auch seiner Familie gefallen: Mertesacker ist mit der früheren Handball-Nationalspielerin Ulrike Mertesacker (geborene Stange) verheiratet, das Paar hat zwei Söhne im Teenageralter.
Der Meister der klaren Worte
Kommunizieren kann Mertesacker ohnehin. Kaum jemand hat je so einprägsam erklärt, dass auch ein reiner Arbeitssieg wichtig sein kann, wie er es 2014 nach dem 2:1 gegen Algerien tat. "Wat woll'n Se?", blaffte er einen Reporter damals an: "Ich leg mich jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne."
Kurz darauf war er Weltmeister. Wie es ihm wohl vor dem Anpfiff gegangen sein muss, mag man sich lieber nicht ausmalen.
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