Vor 20 Jahren zerbröselte das Denkmal des populärsten deutschen Radfahrers, des einzigen deutschen Toursiegers, endgültig, nachdem sich über Jahre dicke Risse deutlich abgezeichnet hatten. Einen Tag vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt suspendierte das T-Mobile Team seinen Starfahrer, nachdem dessen Verbindungen zu Doping-Arzt Eufemiano Fuentes bewiesen worden waren.
"Das ist das Schlimmste, was mir bisher in meiner Karriere passiert ist", sagte Ullrich, damals 32, auf einer hastig einberaumten PK am Nachmittag, wiederholt das Mantra der vergangenen Wochen: "Ich kann nur sagen, dass ich nichts mit der Sache zu tun habe." Bis dahin glaubte ihm Radsport-Deutschlands dies.
Ullrich-Schock auf dem Höhepunkt der Popularität
Im Jahr nach dem Rücktritt seines Dauerrivalen Lance Armstrong wollte Ullrich endlich wieder die Tour gewinnen, kam in der Form seines Lebens zum Grand Depart. Die Form basierte wie vieles auf Lug und Trug, und an jenem Tag implodierte das System Ullrich. Die Erschütterungen trafen Deutschland wie Frankreich. "Die Tour startet nach einem Sturm", titelte L'Equipe.
Den medialen Sturm in Deutschland milderte kaum ab, dass die DFB-Elf am Abend gegen Argentinien ins Halbfinale der Heim-WM einzog. "Ulle" war auch neun Jahre nach seinem Tour-Sieg populärster deutscher Einzelsportler, Millionen fieberten der Rundfahrt entgegen. Umso schwerer tat sich T-Mobile, den strahlenden Helden abzuservieren, reagierte erst, als es nicht mehr anders ging.
Ab Mai 2006 liefen die Ermittlungen rund um den Madrider Mediziner Fuentes, der im Zentrum eines Blutdoping-Netzwerks verortet wurde, auf Hochtouren. Ausgelöst von Team-Mastermind Rudy Pevenage, wie er später in einem ARD-Podcast erzählte. Nach Ullrichs Zeitfahrsieg beim Giro habe er Zulieferer Fuentes vom Privathandy angerufen und mitgeteilt, dass Ullrich gut drauf sei. Die spanische Polizei hörte mit. Es war das letzte Puzzleteil. "Das hat alles beendet", sagte Pevenage.
Ende Mai werden Fuentes und andere Personen verhaftet, Hunderte Blutbeutel entdeckt, manche mit Aufschrift "Hijo Rudicio", Rudys Sohn, was Ullrich zugeordnet wird. In den folgenden Wochen werden serienweise Profis belastet, Ullrich-Teamkollege Oscar Sevilla wie der alte Weggefährte Alexander Vinokourov. Die Einschläge kommen näher.
Radsport vor dem Abgrund
Am 29. Juni sickert durch, dass Ullrich zu 58 von der spanischen Justiz verdächtigten Profis gehört, die Tour-Ausrichter drängen auf eine Reaktion. T-Mobile muss handeln: Am nächsten Morgen werden Ullrich, Sevilla und Pevenage suspendiert, die Profis sitzen da schon im Bus Richtung Teampräsentation. Das Gefährt wird gewendet, Ullrich weiß: tout est perdu. Anfang 2007 gibt er das Ende seiner Karriere bekannt und redet erst viele Jahre später das, was er für Klartext hält.
Der Fall Ullrich war nicht der letzte Dopingskandal dieser unsäglichen Tour 2006, nicht einmal der größte. Vier Tage nach der Schlussetappe wurde bekannt, dass Gesamtsieger Floyd Landis nach seinem grotesken Solo-Etappensieg positiv getestet worden war. Mehr als ein Jahr später verlor der US-Amerikaner den Tour-Sieg. Der Radsport war damals praktisch am Ende.
Und heute, 20 Jahre später? "Schwarze Schafe wird es immer geben", sagt Red-Bull-Teamchef Ralph Denk vor dem Start der Tour 2026 am Samstag: "Aber systematisches Doping, organisiert von den Teams? Das gibt es nicht." Eine Folge des Ullrich-Skandals ist jedoch, dass derartige Versicherungen problematisch klingen - es gab sie schließlich auch 2006.
