"Wingman" für ganz oben? Gereifter Lipowitz greift bei der Tour de France an

Florian Lipowitz
Florian LipowitzČTK / imago sportfotodienst / MANUEL GEISSER

Hoch oben in Bergen, auf über 2000 Metern, findet Florian Lipowitz Ruhe. Den Kopf frei bekommen, auf dem Rad an den letzten Feinheiten arbeiten und noch ein paar entspannte Stunden mit Freundin Antonia Weeger genießen: Vor dem geballten Wahnsinn in Frankreich gönnte sich der Radstar beim privaten Trainingslager in Kühtai in den Stubaier Alpen noch ein wenig Ablenkung. Ab Samstag aber stehen rund ein Jahr nach dem Start seines sensationellen Ritts auf das Podium der Tour de France wieder alle Zeichen auf Attacke.

Dann startet in Barcelona die 113. Ausgabe des wichtigsten Radrennens der Welt – und Lipowitz vielleicht sogar den Angriff auf den ersten deutschen Toursieg seit dem von Jan Ullrich 1997. "Die Erwartungen" seien diesmal "ganz andere", sagte Lipowitz vor seiner Anreise zum Grand Départ der Tageszeitung Welt. "Man will sich beweisen, dass man die Leistung wiederholen oder sich gar verbessern kann."

Im vergangenen Jahr war der einstige Biathlet aus Ulm quasi aus dem Nichts in die absolute Weltspitze gerast. Völlig unbekümmert fuhr Lipowitz seine erste Frankreich-Rundfahrt – und musste sich am Ende nur den Allergrößten der Szene "geschlagen" geben. Neben den Superstars Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard stand Lipowitz letztlich auf dem Podium und guckte dabei fast ein wenig ungläubig drein.

"Siege bringen Selbstvertrauen"

Ein Jahr später heißen die Topfavoriten noch immer Pogacar und Vingegaard. Und Lipowitz? Der ist merklich gereift, berichtet von noch besseren Leistungswerten als im Vorjahr und reist mit einem seltenen Glücksgefühl zum Auslands-Auftakt nach Katalonien. Bei der – zugegebenermaßen zweitklassigen – Slowenien-Rundfahrt war der 25-Jährige zuletzt der dominierende Fahrer, gewann zwei Etappen und holte sich mal wieder einen Rundfahrt-Erfolg.

"Siege bringen immer Selbstvertrauen", sagte Ralph Denk, Teamchef in Lipowitz' Rennstall Red Bull-Bora-hansgrohe. Beim Team hat der Ulmer in Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel inzwischen einen prominenten Teamkollegen. Was einerseits ein gewisses Konfliktpotenzial birgt, andererseits aber auch eine Chance. Weil der Belgier zumindest zu Beginn deutlich mehr im Rampenlicht stehen dürfte als der Deutsche. Und weil er dies, anders als Lipowitz, auch gerne tut.

Tour de France 2026

Am 4. Juli beginnt die Tour de France 2026 im spanischen Barcelona. 3.321,2 Kilometer und 22 Tage später – am 26. Juli – kommen die Fahrer der 18 Teams traditionell in Paris an. Bei Flashscore findest du alle Informationen zur berühmtesten Radrundfahrt der Welt.

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Eine Zieleinfahrt der Tour de France
Eine Zieleinfahrt der Tour de FranceMarco BERTORELLO / AFP / AFP / Profimedia

Evenepoel sei so etwas wie der "Frontmann", erklärte Denk – und Lipowitz "so ein bisschen der Wingman". Was aber die interne Kapitänsrolle angehe, bemühte sich der umtriebige Manager noch klarzustellen, seien beide Fahrer "gleichberechtigt".

Zur Wahrheit gehört aber auch: Sollte der Vuelta-Sieger von 2022 wie im vergangenen Jahr früh Probleme bekommen, könnte Evenepoel in der entscheidenden Tourphase, dann wenn es in die Alpen geht, auch als Edelhelfer für Lipowitz fungieren.

Podestkampf spitzt sich zu

Hilfe, die Lipowitz gewiss gut gebrauchen kann, schließlich dürfte sich der Kampf ums Podest in diesem Jahr zuspitzen. Was wiederum viel mit Paul Seixas zu tun hat, dem französischen Wunderkind, das zum Entzücken einer chronisch erfolglosen Radsportnation seine erste Tour fährt.

Der 19-Jährige hat die Platzhirsche im Frühjahr regelmäßig geärgert bis beeindruckt – dass er, insbesondere nach seinem heftigen Sturz vor zwei Wochen, auch über drei Wochen glänzen kann, muss er allerdings noch beweisen.

Nicht nur deshalb darf Lipowitz zumindest mit einem Auge auch nach oben schielen. Und tut das. "Der Sprung zu Vingegaard" etwa sei nicht mehr so groß, sagte er – und schickte sogar eine Mini-Kampfansage in Richtung Pogacar hinterher. "Es gibt keinen kompakteren Fahrer als ihn, das macht es fast unmöglich, ihn zu schlagen", befand Lipowitz: "Aber eben nur fast."