Wimbledon 2026: Zwischen weißer Eleganz & grüner Rasenschlacht

Wimbledon 2026: Zwischen weißer Eleganz & grüner Rasenschlacht
Wimbledon 2026: Zwischen weißer Eleganz & grüner RasenschlachtNicolas Economou/NurPhoto / Shutterstock Editorial / Profimedia

Wenn im All England Club wieder Weiß Pflicht ist und auf den makellosen Rasenplätzen jeder falsche Schritt sofort bestraft wird, dann ist klar: Wimbledon ruft. Am Montag startet in London das nächste große Saison-Highlight – und wie jedes Jahr bringt das traditionsreichste Tennisturnier der Welt seinen ganz eigenen Zauber mit.

Wimbledon ist anders. Nicht nur wegen der Kleiderordnung, der Royal Box oder der fast ehrfürchtigen Stille auf dem Centre Court. Sondern vor allem, weil Rasentennis eine eigene Sprache spricht. Die Ballwechsel sind kürzer, der Aufschlag zählt mehr, die Bewegung ist spezieller, und wer auch nur einen Moment zu spät reagiert, wird auf diesem Untergrund gnadenlos entlarvt. Nach den langen Sandplatz-Wochen ist der Wechsel auf Gras für viele Profis ein Sprung in eine andere Welt.

 

 

Österreich in Wimbledon: Der Hauptfeld-Block folgt nach der Auslosung

Aus österreichischer Sicht ist Wimbledon 2026 vor allem eines: Ein Turnier der klar verteilten Rollen. Bei den Herren steht mit Sebastian Ofner nur ein ÖTV-Spieler im Einzel-Hauptfeld, nachdem Jurij Rodionov, Lukas Neumayer und Joel Schwärzler in der Qualifikation ausgeschieden sind. Bei den Damen ist Rot-Weiß-Rot hingegen gleich dreifach vertreten: Anastasia Potapova, Lilli Tagger und Sinja Kraus gehen im All England Club auf die große Bühne.

Sebastian Ofner: Auftakt gegen Hamad Medjedovic

Sebastian Ofner bekommt es in der ersten Runde mit Hamad Medjedovic zu tun. Der Serbe ist kein gesetzter Gegner, aber ein gefährliches Los. Für Ofner ist es dennoch eine Aufgabe, die Chancen bietet – vor allem, wenn er über den Aufschlag zu freien Punkten kommt und seine Vorhand früh in die Ballwechsel einbringen kann.

Ofner und Medjedovic standen sich schon im Vorjahr in Wimbledon gegenüber. Damals profitierte der Steirer in Runde eins beim Stand von 7:6, 3:1 von einer Aufgabe seines Gegners. Das macht die Neuauflage nicht automatisch leichter, gibt Ofner aber zumindest das Wissen, dass er auf diesem Untergrund gegen Medjedovic bestehen kann.

Sollte Ofner die erste Hürde nehmen, würde es anschließend allerdings deutlich schwieriger werden. In seiner unmittelbaren Tableau-Region lauern Casper Ruud und Hubert Hurkacz. Für Ofner zählt deshalb zunächst nur der Auftakt. Ein Erstrundensieg wäre sportlich wertvoll, finanziell lukrativ und ein Signal, dass er auch auf Rasen wieder gefährlich werden kann.

Anastasia Potapova trifft auf Jessica Bouzas Maneiro

Anastasia Potapova geht als Österreichs bestplatzierte Spielerin in das Turnier. Die 25-Jährige ist in Wimbledon an Nummer 27 gesetzt und bekommt es in der ersten Runde mit Jessica Bouzas Maneiro zu tun. Die Spanierin ist unangenehm, beweglich und bringt jene Grundsolidität mit, die gerade auf Rasen viele Ballwechsel länger machen kann, als es einer aggressiven Spielerin lieb ist.

Potapova darf dennoch mit Selbstvertrauen in dieses Duell gehen. Das bisher einzige direkte Duell mit Bouzas Maneiro gewann sie im Vorjahr in Indian Wells nach hartem Kampf in drei Sätzen. Auf Rasen werden die Vorzeichen andere sein. Potapova wird versuchen müssen, das Tempo früh zu bestimmen, kurze Bälle konsequent zu attackieren und der Spanierin nicht zu viele Rhythmus-Ballwechsel zu erlauben.

Für Österreich ist Potapova die naheliegendste Kandidatin auf einen längeren Lauf. Sie bringt Grand-Slam-Erfahrung, Schlaghärte und mittlerweile auch die Rolle einer gesetzten Spielerin mit. Genau diese Rolle verändert aber auch die Erwartungshaltung.

Lilli Tagger: Rasendebüt gegen Lanlana Tararudee

Lilli Tagger steht vor einem besonderen Wimbledon-Auftritt. Die Osttirolerin trifft in der ersten Runde auf Lanlana Tararudee aus Thailand. Für Tagger ist es eine Partie mit zusätzlicher Vorgeschichte. Schon bei der Australian-Open-Qualifikation in diesem Jahr traf sie auf Tararudee und musste sich damals klar geschlagen geben. Wimbledon bietet nun die Chance zur Revanche – auf einem völlig anderen Untergrund und unter ganz anderen Voraussetzungen.

 

Lilli Tagger möchte in Wimbledon ebenfalls jubeln
Lilli Tagger möchte in Wimbledon ebenfalls jubelnČTK / imago sportfotodienst / Juergen Hasenkopf

 

Tagger bringt ein Spiel mit, das auf Rasen spannend werden kann. Ihre einhändige Rückhand, ihre Variabilität und ihr Gefühl für Winkel und Tempo sind Waffen, die auf Gras besonders reizvoll wirken. Gleichzeitig ist Wimbledon für junge Spielerinnen oft eine harte Schule. Die Ballwechsel sind kürzer und die Entscheidungen schneller.

Gegen Tararudee wird es für Tagger darum gehen, mutig zu bleiben und die Partie nicht nur über Sicherheit zu definieren. Sie darf nicht in die Falle tappen, zu passiv zu werden. Wenn sie früh Länge findet, ihre Rückhand variabel einsetzen kann und sich vom Tempo des Rasens nicht hetzen lässt, ist ein Erstrundensieg möglich. Für die 18-Jährige wäre das ein weiterer großer Schritt in einer Entwicklung, die längst nicht mehr nur nach Zukunftsmusik klingt.

Sinja Kraus: Offene Aufgabe gegen Oksana Selekhmeteva

Sinja Kraus bekommt es zum Auftakt mit Oksana Selekhmeteva zu tun. Auf dem Papier ist das ein Los, mit dem die Wienerin leben kann. Selekhmeteva ist keine gesetzte Spielerin, aber eine Linkshänderin mit unangenehmen Winkeln und genug Qualität, um Kraus sofort zu fordern. Gerade auf Rasen können solche Matchups heikel werden, weil der Ball flacher abspringt und sich Rhythmus oft schwerer aufbauen lässt.

Mut machen darf Kraus die direkte Bilanz. Gegen Selekhmeteva gab es bereits drei Duelle, die Österreicherin führt mit 2:1. Beide Siege gelangen ihr in diesem Jahr bei kleineren Turnieren in Austin und Oeiras – also mit frischen positiven Erinnerungen. Genau das kann in einem Grand-Slam-Auftaktmatch wichtig sein, in dem Nervosität und Spielkontrolle oft eng beieinanderliegen.

Für Kraus ist Wimbledon eine große Gelegenheit. Während Potapova mit Setzlistenstatus und Tagger mit großem Zukunftsversprechen antritt, kommt Kraus ein Stück weit aus der Rolle der stillen Arbeiterin. Sie ist robust, kampfstark und auf der Tour zunehmend gefestigt. Ein Sieg gegen Selekhmeteva wäre nicht nur sportlich ein Ausrufezeichen, sondern könnte auch eine zweite Runde gegen eine prominente Gegnerin ermöglichen. In ihrem Abschnitt wartet die Siegerin aus Emma Navarro gegen Paula Badosa.

Rot-weiß-rote Spuren auf heiligem Rasen

Wimbledon und Österreich – das war historisch nicht immer eine einfache Beziehung. Während Roland Garros mit Thomas Muster und Dominic Thiem große rot-weiß-rote Einzelgeschichten geschrieben hat, blieb der heilige Rasen für viele heimische Topspieler ein schwieriges Terrain. Gerade Muster, der Sandplatzkönig der 1990er-Jahre, war das beste Beispiel dafür: In Paris ein Champion, auf Gras aber nie wirklich zu Hause.

Umso besonderer sind jene österreichischen Wimbledon-Momente, die tatsächlich Spuren hinterlassen haben. Im Damen-Einzel war Tamira Paszek die große rot-weiß-rote Protagonistin. Die Vorarlbergerin erreichte 2011 und 2012 jeweils das Viertelfinale und spielte sich damit zweimal in Folge in die zweite Wimbledon-Woche. Mit ihrer Mischung aus Mut, Athletik und flachem Schlagtempo fühlte sie sich auf Rasen sichtbar wohl – ein seltener Vorteil aus österreichischer Sicht.

Bei den Herren sind die ganz großen Einzelläufe in Wimbledon seltener. Dominic Thiem, Österreichs US-Open-Champion von 2020, erreichte 2017 das Achtelfinale – sein bestes Resultat an der Church Road. Jürgen Melzer stand ebenfalls in der vierten Runde, musste dort 2010 gegen Roger Federer die Segel streichen. Doch Melzers Wimbledon-Geschichte endete nicht im Einzel.

Im Doppel schrieb der Niederösterreicher eines der schönsten österreichischen Kapitel auf Rasen. 2010 gewann Melzer gemeinsam mit Philipp Petzschner den Herren-Doppeltitel. Ein Jahr später legte er im Mixed nach und triumphierte mit Iveta Benesova erneut im All England Club. Dazu kommt Alexander Peya, der 2018 an der Seite von Nicole Melichar den Mixed-Bewerb gewann. Wimbledon mag für Österreich im Einzel oft ein steiniger Boden gewesen sein – im Doppel aber gab es sehr wohl goldene Momente.

Herren-Favoriten: Sinner als Maßstab, Djokovic als ewige Gefahr

Bei den Herren führt der Weg zunächst über Jannik Sinner. Der Italiener kommt als Titelverteidiger und Nummer eins der Setzliste nach Wimbledon. Im Vorjahr holte er auf dem Centre Court seinen ersten Titel an der Church Road und bewies damit, dass sein kompaktes, druckvolles Spiel auch auf Rasen perfekt funktionieren kann. Sinner nimmt den Ball früh, serviert stabil und bewegt sich effizient.

 

 

Ganz frei von Fragezeichen reist der Südtiroler dennoch nicht nach London. Nach seinem frühen Aus bei den French Open verzichtete er auf klassische Rasenvorbereitungsturniere und setzte stattdessen auf Training. Das kann ein Vorteil sein, weil er frischer wirkt. Es kann aber auch zum Risiko werden, weil Matchrhythmus auf Gras schwer zu simulieren ist. Trotzdem bleibt Sinner der Mann, an dem sich das Feld orientiert.

Alexander Zverev ist als Nummer zwei gesetzt und kommt mit dem Rückenwind seines ersten Grand-Slam-Titels in Roland Garros. Auf Rasen war der Deutsche bislang nicht so dominant wie auf Hartplatz oder Sand, doch sein Aufschlag, seine Länge und seine verbesserte Stabilität machen ihn gefährlich. Wenn Zverev die ersten Runden sauber übersteht, kann er in London wachsen.

Und dann ist da natürlich Novak Djokovic. In Wimbledon darf man ihn nie nur nach Formkurve bewerten. Der Serbe kennt jeden Grashalm auf dem Centre Court, hat das Turnier siebenmal gewonnen und jagt weiter historische Marken. Auch mit 39 Jahren bleibt Djokovic in Best-of-Five-Matches auf Rasen ein Gegner, den niemand früh im Turnier sehen möchte. Sein Return, seine Balance und seine Fähigkeit, große Punkte zu lesen, machen ihn auch 2026 zu einem der gefährlichsten Spieler im Feld.

Dahinter lauert eine Gruppe, die auf Gras besonders unangenehm werden kann. Ben Shelton bringt mit seinem Aufschlag und seiner Explosivität alles mit, um auf Rasen Schaden anzurichten. Taylor Fritz ist einer der konstantesten Rasenspieler der vergangenen Jahre, Alex de Minaur lebt von Tempo, Beinarbeit und flachen Bällen. Daniil Medvedev bleibt mit seiner unorthodoxen Spielweise schwer zu greifen, während Felix Auger-Aliassime und Alexander Bublik an guten Tagen ebenfalls weit kommen können.

Damen-Favoritinnen: Offenes Rennen um die Venus Rosewater Dish

Bei den Damen ist die Ausgangslage deutlich offener. Aryna Sabalenka führt die Setzliste an und bringt auf jedem Belag genügend Wucht mit, um ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Ihr Aufschlag, ihre Vorhand und ihre brutale Schlaghärte können auf Rasen besonders belohnend sein. Gleichzeitig wartet Sabalenka in Wimbledon noch auf den ganz großen Durchbruch. Sie war bereits nahe dran, aber der Finaleinzug blieb ihr bislang verwehrt.

Elena Rybakina ist auf Gras vielleicht die natürlichste Kandidatin. Die Kasachin gewann Wimbledon bereits 2022 und verfügt über genau jenes Spiel, das auf diesem Untergrund sofort funktioniert. Wenn Rybakina körperlich stabil ist, gehört sie automatisch zum engsten Favoritenkreis. Ihre Matches können unspektakulär wirken, bis man merkt, dass sie ihre Gegnerinnen mit scheinbarer Leichtigkeit aus dem Turnier serviert.

Titelverteidigerin Iga Swiatek kommt in einer besonderen Rolle nach London. Lange galt Wimbledon als jener Grand Slam, der am wenigsten zu ihrem Spiel passte. Doch 2025 änderte sie diese Erzählung eindrucksvoll und gewann erstmals im All England Club. Swiateks Stärke liegt weniger im klassischen Rasentennis als in ihrer Anpassungsfähigkeit. Wenn sie gut returniert, die Ballwechsel früh kontrolliert und ihre Bewegung auf dem Untergrund findet, ist sie auch in Wimbledon eine Titelkandidatin.

 

 

Besonders spannend ist Mirra Andreeva. Die junge Russin kommt als French-Open-Siegerin nach London und hat sich endgültig aus der Kategorie Talent in die Kategorie Titelkandidatin gespielt. Ihr Spielverständnis, ihre Ruhe und ihre Variabilität sind außergewöhnlich.

Preisgeld & TV-Übertragung in Österreich

Auch finanziell setzt Wimbledon 2026 neue Maßstäbe. Insgesamt werden 64,2 Millionen Pfund ausgeschüttet. Die Siegerin und der Sieger im Einzel erhalten jeweils 3,6 Millionen Pfund, die Finalistinnen und Finalisten jeweils 1,8 Millionen Pfund. Bereits der Start im Einzel-Hauptfeld bringt 80.000 Pfund ein. Damit bleibt Wimbledon nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich eines der größten Turniere der Tenniswelt.

In Österreich läuft Wimbledon weiterhin bei Sky. Der Pay-TV-Sender hält die exklusiven Live-Rechte und zeigt das Turnier im Fernsehen sowie über Sky Go und Sky X. Für Tennisfans bedeutet das: Zwei Wochen Rasentennis aus London, dazu die täglichen Highlights, Analysen und die wichtigsten Matches vom Centre Court, Court No. 1 und den weiteren Showcourts.