Zwei Gegensätze, ein Ziel: Seahawks-Defense gegen Patriots-Offense im Super Bowl

Seattles Leonard Williams feiert den Einzug seiner Seahawks in den Super Bowl.
Seattles Leonard Williams feiert den Einzug seiner Seahawks in den Super Bowl.STEPH CHAMBERS / GETTY IMAGES VIA AFP

Diese NFL-Saison bot das offenste Rennen um den Super Bowl seit Jahren. Nach fünf Monaten und 285 Spielen ist die Bühne bereitet, die Lombardi Trophy zum Greifen nah. Schon bald wird ein Franchise den Gipfel des Footballs erklimmen und sich für immer als Super-Bowl-Champion verewigen. Doch bevor es so weit ist, wartet ein Duell, das kaum kontrastreicher sein könnte.

Eine mutige, kreative Offense trifft auf eine messerscharfe, erdrückende Defense. Wenn die New England Patriots und die Seattle Seahawks aufeinandertreffen, prallen zwei Philosophien des Footballs frontal aufeinander.

Die Patriots zermürbten ihre Gegner in dieser Saison mit ausgeklügelten Spielzügen und scheinbar müheloser Effizienz. Seattle hingegen machte gegnerischen Offenses das Leben zur Hölle: Raumgewinn war selten, Fehler wurden gnadenlos bestraft.

Beide Teams beendeten die reguläre Saison mit identischer Bilanz von 14–3 und beide waren auswärts sogar stärker als im eigenen Stadion. Die Seahawks holten im Lumen Field sechs Siege bei zwei Niederlagen, gewannen auswärts jedoch acht ihrer neun Spiele. New England kassierte alle drei Niederlagen zuhause und blieb in fremden Stadien ungeschlagen. Ein Vorteil des Heimrechts? Für keines der beiden Teams ein entscheidender Faktor.

Der Super Bowl steigt im Levi’s Stadium, der Heimstätte der San Francisco 49ers. Für Seattle schließt sich damit ein Kreis: Die Saison begann mit einer Niederlage gegen San Francisco, nun bietet sich die Chance auf Wiedergutmachung. So begann alles. Jetzt kann es hier enden.

Seahawks mit Defense-Triple

Die zentrale Frage ist so simpel wie entscheidend: Kann Seattles dominante Defense der unermüdlichen Offense von New England standhalten?

Seattle gelang in dieser Saison ein seltenes Defensiv-Triple. In nahezu allen relevanten Statistiken stellten die Seahawks die beste Defense der Liga. Mit nur 292 zugelassenen Punkten waren sie NFL-Spitze, im Schnitt erlaubten sie lediglich 17,2 Punkte pro Spiel.

Auch bei den zugelassenen Estimated Points Added (EPA) rangierte Seattle ganz oben. Diese fortschrittliche Statistik bewertet jeden Spielzug danach, wie stark er die erwarteten Punkte eines Teams verändert. Wer hier defensiv führt, liefert Woche für Woche auf höchstem Niveau ab.

Dasselbe Bild zeigt der Defense-adjusted Value over Average (DVOA). Diese komplexe Kennzahl misst – angepasst an Gegner und Spielsituation – die Effizienz eines Teams im Vergleich zum Liga-Durchschnitt. Wieder einmal standen die Seahawks an der Spitze. Dazu ließen sie ligaweit die zweitwenigsten Rushing Yards zu. Die NFC-Champions verfügen ohne Zweifel über eine absolute Elite-Defense.

Seattles leicht getrübte Dominanz

Und sie überzeugte nicht nur auf dem Statistikbogen. Harte Hits, enge Coverage und spielentscheidende Stops prägten Woche für Woche das Bild dieser Einheit.

Ganz ohne Fragezeichen kommt Seattles Dominanz jedoch nicht aus. Der Spielplan bot nur wenige Gegner mit wirklich explosiver Offense. Mehrere Teams gehörten beim Scoring zu den Schlusslichtern der Liga, andere rangierten bestenfalls im unteren Mittelfeld.

Dreimal traf Seattle auf die ligaweit beste Offense der Los Angeles Rams, dabei kassierten sie 37, 27 und 19 Punkte. Werte, die über ihrem saisonalen Schnitt lagen. Dennoch wäre es falsch, die Leistung der Seahawks kleinzureden. Gegen eine ausgewogene Jaguars-Offense ließen sie nur 12 Punkte zu, und gegen San Francisco (im Schnitt 25,7 Punkte pro Spiel) erlaubten sie in drei Begegnungen lediglich 13, 3 und 6 Punkte.

Maye als Schlüssel für die Patriots

Nun aber wartet die bislang größte Herausforderung. Die Patriots stellen eine der explosivsten und variabelsten Offenses der Liga, angeführt von MVP-Kandidat Drake Maye.

New England belegt ligaweit Platz drei bei den erzielten Punkten, Rang zwei bei Punkten pro Spiel sowie bei den Rushing Yards. Mit einer Completion Percentage von beeindruckenden 71,9 Prozent führten sie zudem die NFL an.

Maye überzeugt nicht nur als Passer, sondern auch mit seiner außergewöhnlichen Athletik. Kein Quarterback lief in dieser Saison häufiger selbst mit dem Ball. Und der aufstrebende Superstar ist überzeugt, dass das Beste noch kommt.

"Ich glaube, wir haben in diesen Playoffs noch nicht unseren besten Football gespielt", sagte Maye. "Ich freue mich darauf, das im Super Bowl zu zeigen. Hoffentlich klappt es. Das wäre ziemlich cool."

New England beeindruckt gegen Houston

Maye spielt furchtlos. Er sucht nicht den einfachen Weg, sondern übernimmt Verantwortung, wenn es darauf ankommt. Seine schnelle Entscheidungsfindung macht ihn unberechenbar, und regelmäßig einen Schritt weiter als die gegnerischen Defensivpläne.

Auch die Patriots profitierten von einem günstigen Spielplan. In der regulären Saison trafen sie nur auf zwei Playoff-Teams, viele Gegner gehörten defensiv zur unteren Tabellenhälfte. Doch New England bewies, dass sie auch gegen Elite-Defenses bestehen können.

In der Divisional Round fanden sie einen Weg zum Sieg gegen Houston, das seinerseits eine Defense mit Werten hatte, die mit denen Seattles vergleichbar sind, inklusive ligaweit bester Passverteidigung.

Am Sonntag werden nun die größten Stärken beider Teams auf die Probe gestellt. Kann Drake Maye der aggressiven Defensive Line der Seahawks entkommen? Oder bestätigt sich erneut die alte Football-Weisheit, dass Defense Meisterschaften gewinnt?

Die Welt hat dieses Szenario schon einmal gesehen. Vor elf Jahren standen sich beide Teams bereits im Super Bowl gegenüber. Seattle mit der besten Defense der Liga, New England angeführt von Tom Brady. Eine Minute vor Schluss lag Seattle vier Punkte zurück. Sie marschierten bis an die Fünf-Yard-Linie – vier Versuche trennten sie vom Titel. Marshawn Lynch erlief vier Yards, die Seahawks waren nur noch einen Yard vom Konfetti entfernt.

Dann kam der Moment, der Geschichte schrieb. Statt eines Laufs entschied sich Seattle überraschend für einen Pass. Doch Patriots-Cornerback Malcolm Butler antizipierte genau das. Mit 29 Sekunden auf der Uhr fing er den Pass in der Endzone ab. Die Interception besiegelte den Sieg für New England und wurde zu einer der ikonischsten Szenen der NFL-Historie.

"Ich konnte gar nichts fühlen, alles ging so schnell", erinnerte sich Butler später. "Aber ich habe noch nie so viele erwachsene Männer weinen sehen."

Damals war es die Defense der Patriots, die den Titel holte. 2026 sind die Stärken beider Teams noch immer dieselben. Doch diesmal will Seattle ein anderes Ende schreiben. Die Seahawks wollen Wiedergutmachen. New England will Geschichte wiederholen. Zwei Gegensätze prallen aufeinander.