DFL-Investoreneinstieg: Die wichtigsten Fragen und Antworten, einfach erklärt

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Mehr
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Experte: DFL-Neuabstimmung möglich - Fadenkreuz "aus dem Zusammenhang gerissen"
Ein Transparent der Fans vom VfL Bochum.
Ein Transparent der Fans vom VfL Bochum.
Profimedia
Dr. Stephan Dittl ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht. Darüber hinaus ist er auch im Sportrecht tätig. Den Plan der DFL, einen Investor ins Boot zu holen und die dadurch entstandenen Fan-Proteste hat er intensiv mitverfolgt. Zwar hält er die angekündigten Maßnahmen für “eigentlich nicht besonders gefährlich”, doch er hat für die Sorgen der aktiven Fanszene großes Verständnis. Um eine unnötige Eskalation zu verhindern, sei es dringend Zeit, ein gemeinsames Gesprächslevel zu finden. Denn ”wenn die Fans nicht da sind, werden die Vereine kein Geld verdienen - auch der Investor nicht.”

Den geplanten Investorendeal fasste er im exklusiven Gespräch mit Flashscore News folgendermaßen zusammen: “Was sich die DFL ausgedacht hat: Eine Tochtergesellschaft zu gründen und in diese Tochtergesellschaft ihre Medienrechte einzubringen. An dieser Tochtergesellschaft soll sich ein Investor beteiligen.” Dieser soll maximal 8 Prozent vom Kuchen bekommen, der Deal wäre wohl auf 20 Jahre befristet. “Das ist das grobe Modell, wie es im Einzelnen gestaltet ist, muss man abwarten,” erklärte Dr. Stephan Dittl.

Am Dienstagabend wurde bekannt, dass sich die US-Investorengruppe Blackstone von den Verhandlungen zurückgezogen hat, wodurch das Luxemburger Finanzunternehmen CVC letzter Verhandlungspartner der DFL ist. 

Im Fokus der vorgestellten Pläne stehen Internationalisierung und Digitalisierung. In der Sommerpause könnten Spitzenvereine wie der FC Bayern München, Borussia Dortmund oder Bayer 04 Leverkusen zusammen auf Tour gehen und in Asien oder Nordamerika Werbung für die Bundesliga machen.

Leverkusen auf Marketing-Reise? Bislang gab es das nicht.
AFP

Auch eine Modernisierung der hauseigenen Social-Media-Kanäle spielt eine große Rolle. Insgesamt soll das Investitionsvolumen rund eine Milliarde Euro betragen, welche in Tranchen bezahlt werden. Rund 30 Prozent dieser Einnahmen sollen dazu genutzt werden, das Loch zu stopfen, welches die Veräußerung der Medienrechte ins DFL-Budget reißen würde.

Mitspracherecht für den Investor?

Diese angekündigten Maßnahmen betrachtet Dr. Stephan Dittl als “eigentlich nicht sonderlich gefährlich”, denn die geplanten acht Prozent seien “eine absolute Minderheitsbeteiligung.” Zudem hat die DFL sogenannte “Rote Linien” schriftlich festgelegt. Laut den DFL-Geschäftsführern Marc Lenz und Steffen Merkel müssen diese vom möglichen Investor unbedingt akzeptiert werden. Ansonsten werde es keine erfolgreichen Verhandlungen geben. Kurzum: ”Inhaltlich soll der Investor kein Mitspracherecht haben.”

Dass die aktive Fanszene die Interessen der Stadionbesucher gefährdet sieht und sich sorgt, dass die von der DFL gemachten Versprechungen in der Realität keine große Rolle spielen werden, kann der Frankfurter Rechtsanwalt aber nachvollziehen: “Jemand, der Geld gibt, der Inhaber von Gesellschaftsanteilen ist, hat natürlich Interesse daran, dass sich seine Investition rentiert und wird gewisse Vorstellungen haben, die er auch einbringt.”

Neue Anstoßzeiten, steigende Pay-TV-Preise und ein immer größerer Fokus auf den ausländischen Markt versetzen zahlreiche Fans in Angst und Schrecken.

Die Proteste sorgten in den Bundsligen bereits für zahlreiche Spielunterbrechungen.
Profimedia

Zwar sei die Idee, durch einen Investor neue Gelder zu lukrieren, “inhaltlich - angesichts der Beteiligungen an den Vereinen selbst - weder etwas Neues, noch etwas besorgniserregendes”, doch Dittl vermutet, dass die Diskussion vor allem “symbolisch ein großes Thema” ist. Die Fans hätten möglicherweise “die Befürchtung: Wenn wir einmal damit anfangen (...), dann ist das möglicherweise in fünf Jahren wieder so. Und irgendwann haben die Vereine - und damit wir - gar nichts mehr zu sagen.” 

Neuabstimmung wäre möglich, “wenn man will”

Die Rufe nach einer Neuabstimmung werden immer lauter. Am Montag hatte DFL-Präsidiumsmitglied Axel Hellmann diese kategorisch ausgeschlossen. Der getroffene Beschluss sei “rechtsgültig”, erklärte der 52-Jährige in einem Gespräch mit Welt TV.  In der Zwischenzeit hat Axel Hellmann diese Aussage wieder zurückgenommen. Grundsätzlich sei “die Aussage, da könne man nichts mehr machen, sicherlich falsch. Man könnte schon, wenn man will”, so Dittl.

Was Hellmann wohl sagen wollte: “Wenn Martin Kind die 24. Stimme wäre, dann wäre sie rechtsgültig und der Beschluss ist erst einmal in der Welt.

DFL-Präsidiumsmitglied Hellmann ließ mit interessanten Aussagen aufhorchen - revidierte diese aber später wieder.
Profimedia

Hannovers Geschäftsführer Martin Kind hatte vom Verein die Weisung bekommen, nicht für den geplanten Investorendeal zu stimmen. Dies hatte Hannover 96 bereits im Vorfeld der Abstimmung im vergangenen Dezember bekannt gegeben. Kind wird verdächtigt, sich nicht an diese Vorgabe gehalten zu haben. “Er darf es im Grunde genommen nicht, aber wenn er es tut, ist die Stimme wirksam”, erklärte Dittl. 

In ihrer Rolle als Wächter und Hüter der 50+1-Regel hätte die DFL aber die Verantwortung gehabt, Martin Kind darauf hinzuweisen, dass eine Stimme entgegen der Vorgaben seines Vereins nicht den Statuten entspreche: “Das könnte dazu führen, dass an dieser Stimmabgabe rechtlich etwas wackelig ist.” 

Die Frist für eine Anfechtung der Abstimmung sei aber bereits abgelaufen, damit “ist der Beschluss als solcher erst einmal wirksam.” Doch “auf einem völlig anderen Blatt steht, ob die Gesellschafter nicht sagen - weil sie schlauer geworden sind oder weil sie eine andere Auffassung haben: Wir wollen noch einmal neu abstimmen.” Der alte Beschluss könnte also theoretisch durch einen neuen Beschluss aufgehoben werden.

Fadenkreuz-Transparent wurde aus dem Zusammenhang gerissen  

In den Wochen nach der Generalversammlung wurde Martin Kind zum Feindbild innerhalb der aktiven Fanszene. Dies mündete am vergangenen Freitagabend in eine viel diskutierte Szene. Hannover-Fans sorgten mit einigen Bannern im Hamburger Volksparkstadion für Aufsehen. Das Konterfei von Martin Kind war in der Mitte eines Fadenkreuzes abgebildet. Darüber ein weiteres Transparent, auf dem unter anderem zu lesen war: “Konsequentes Handeln bei personifizierten Gewaltandrohungen: Spielabbruch jetzt!

Die erwähnten Banner.
Profimedia

Stephan Dittl warnte davor, das Fadenkreuz-Symbol ohne den zugehörigen Kontext zu interpretieren. Seiner Meinung nach gehören die beiden genannten Banner “zusammen. Das darf man meiner Meinung nach nicht auseinanderreißen - weil sonst nur die Hälfte der Aussage transportiert wird.” 

Offenbar wollten die Anhänger der 96er einen Spielabbruch provozieren und nahmen dabei Bezug auf die Handreichung des DFB zu dem von der UEFA initiierten Dreistufenplan, welcher bei Gewaltandrohungen im Stadion eine Spielunterbrechung und sogar einen Abbruch nach sich ziehen kann. Die Hinweise des DFB erwähnen ausdrücklich “personifizierte Gewaltandrohungen” und ein Fadenkreuz-Symbol.

In diesem Zusammenhang kritisierte Dittl “Sportjournalisten und Fernsehkommentatoren”, welche die Aussagen nur verkürzt transportiert hatten, aber eigentlich “in der Lage” sein müssten, “das Gesamtbild zu sehen.” 

Dittl glaubt nicht, dass das Gesamtbild die Rechte von Martin Kind verletzt. Seines Erachtens war “lediglich der Spielabbruch bezweckt.” Doch er sei sich bewusst, dass man das auch anders sehen könne. Unzulässig sei jedenfalls eine Diskussion, die ausschließlich das Fadenkreuz zum Thema nimmt.

Angst vor einem Spielabbruch?

Sollte es in den kommenden Wochen in einem Stadion der Bundesliga oder 2. Bundesliga zu einem Spielabbruch komme, könnte das auch dazu führen, dass die betroffenen Vereine “Punkte abgezogen” bekommen. Für die zahlreichen Spielunterbrechungen an den vergangenen Spieltagen werden von der DFL wohl nur Geldstrafen ausgesprochen. Diese führe auch zu der absurden Situation, dass Hannover 96 dafür bestraft werden könnte, “dass die Fans den eigenen Geschäftsführer möglicherweise beleidigt haben. Martin Kind würde dann dafür bestraft werden, dass er selbst beteiligt wurde.”

Dr. Stephan Dittl glaubt, dass die Fans aktuell keinen Spielabbruch erzwingen wollen. Denn damit würden sie ihre eigenen Vereine sportlich bestrafen. Ein Punktabzug könnte dazu führen, dass man die sportlichen Ziele verpasse - ob das nun die deutsche Meisterschaft, die Qualifikation fürs europäische Geschäft oder der Klassenerhalt ist. Gegen Saisonende, wenn es sportlich um nichts mehr geht, könnte das aber anders aussehen. 

Die Proteste haben womöglich ihren vorläufigen Höhepunkt bereits erreicht.
AFP

Dittl hat Hoffnung, dass der Konflikt ohne ganz große Eskalation endet. Denn Fans, Vereine und die Verbände befinden sich in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Ein Dialog ist also im Interesse aller Beteiligten: “Wenn die Fans nicht da sind, werden die Vereine kein Geld verdienen - auch der Investor nicht.” Das größte Rätsel für den Frankfurter Rechtsanwalt sei, dass “es beide Seiten seit Jahren nicht hinbekommen, ein gemeinsames Gesprächslevel zu finden.”

Vor etlichen Jahren wurden die gemeinsamen Gespräche abgebrochen, damals stand das Thema Pyrotechnik im Mittelpunkt. Seitdem herrscht zwischen den Kurven und der DFB/DFL weitestgehend Funkstille. Nun sei es höchste Eisenbahn, wieder zueinander zu finden, sagt Dittl: “Wann, wenn nicht jetzt?