Denn Spieler wie Adeyemi und Brandt galten mittlerweile als Sinnbilder des BVB-Versagens in entscheidenden Momenten, galten als phlegmatisch und inkonstant. Doch ihre Nachfolger fehlen bisher, und die harrende Anhängerschaft wird allmählich nervös. "Ich kann eine gewisse Ungeduld verstehen", befand Ricken. Wichtig sei allerdings, keine Transfers aus Aktionismus für "kurzfristigen Applaus" zu forcieren.
Doch was für eine Saison steht dem Vizemeister eigentlich bevor? Um was spielt jemand, der kaum etwas gewinnen, aber viel verlieren kann? "Natürlich wollen wir den nächsten Schritt machen", konstatierte Ricken, "von hinten ist ordentlich Dampf drauf, nach oben wollen wir ein angriffslustiger Herausforderer sein, ohne direkt die Meisterschaft auszurufen."
BVB will "Fans begeistern"
Beim Klub kämpfen sie gegen dieses Dortmund-Paradox, dass das Erwartbare kaum als Erfolg gefeiert werden kann. Ist bei Bayern München die Meisterschaft quasi eingepreist, sollte es beim BVB Platz zwei sein. Mehr ist angesichts der Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball kaum realistisch, weniger gleichzeitig nur schwer tolerabel.
Deshalb soll es in Dortmund nun verstärkt um den Spielstil gehen. Mit Stabilisator Niko Kovac hielt der Ergebnispragmatismus Einzug, künftig soll aber wieder BVB-Fußball drinstecken, wo BVB-Fußball draufsteht. "Unser Anspruch ist, unsere Fans zu begeistern", versicherte Ricken. Hauptverantwortlich neben Kovac dafür: Der neue Sportdirektor Ole Book.
Vor allem das blamable Champions-League-Aus gegen Atalanta Bergamo erschwert dem 40-Jährigen allerdings die Planungen: Dortmund fehlt das Geld für große Namen. Nicht vollends geklärt ist zudem, was aus Felix Nmecha und Serhou Guirassy wird. Nmecha, einer der wenigen Lichtblicke beim WM-Fiasko des DFB, soll einem Wechsel wie auch Guirassy nicht abgeneigt sein.
"Ein, zwei, drei Transfers", versprach Ricken, würden es aber bestimmt werden. Inwiefern spektakuläre Personalien in Books Überlegungen überhaupt eine Rolle spielen, bleibt fraglich. Immerhin wurde er vor allem wegen seines Elversberger Rufes als Perlentaucher von Ricken verpflichtet.
Kann Kovac Talente entwickeln?
Einst war die Borussia eine Art Durchlauferhitzer für europäische Supertalente, Book-Vorgänger Sebastian Kehl setzte dann aber auf gestandene Spieler. Erwachsener sollte der BVB werden, doch er wurde insgesamt biederer. Vorbei war die Zeit der Sanchos, Dembélés, Haalands und (Jude) Bellinghams. Nun also die Rolle rückwärts in der Transferstrategie: Mit den bereits verpflichteten Joane Gadou (19 Jahre), Justin Lerma (18) und Kaua Prates (17) gilt wieder "Jugend forscht" beim BVB.
In Kovac treffen die Neulinge indes auf einen Trainer, der zeit seines Daseins in Dortmund nur bedingt als Talent-Entwickler in Erscheinung getreten ist. Auch deshalb ist umstritten, wie kompatibel Trainer und Sportdirektor sind und ob das alte Erfolgsmodell Früchte trägt. Viele Anhänger beklagten nach wenig überzeugenden Siegen der Vorsaison ein Gefühl der Entfremdung zum Team. Es ist an Kovac, die Tristesse zu verbannen und das BVB-Profil wieder zu schärfen.
