Exklusives Interview mit Fußballprofi Johannes Wurtz: "Echt happy" in Finnland

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Aufstiegsdrama und Abenteuerlust - Finnland-Legionär Johannes Wurtz "echt happy"
Aktualisiert
Exklusiv-Interview mit Finnland-Legionär Johannes Wurtz.
Exklusiv-Interview mit Finnland-Legionär Johannes Wurtz.
Profimedia/Flashscore
Veikkausliiga statt 2. Bundesliga: Im August 2023 verlor Wehen Wiesbaden einen Kapitän und Führungsspieler. Johannes Wurtz hatte Lust auf ein neues Abenteuer. Er wechselte in die finnische erste Liga, zum FC Honka. Ein Schritt, den der 31-jährige Stürmer in keinster Weise bereut. Im Exklusiv-Interview mit Flashscore News sprach Wurtz über seine ersten Eindrücke aus Finnland und darüber, wie man es schafft, trotz langer Profikarriere mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben - und auch über seinen Ex-Verein Wehen Wiesbaden.

Auf Johannes Wurtz und den FC Honka wartet eine besondere Herausforderung. Am Mittwoch unterlag man dem Tabellenführer und Rekordmeister unglücklich mit 0:3, am Samstag findet im Olympiastadion in Helsinki das Pokalfinale gegen den FC Ilves statt.

Rückblick auf die Zeit bei Wehen Wiesbaden

An Druck ist der 31-Jährige längst gewöhnt. Im Vorjahr führte er Wehen Wiesbaden als Kapitän zum dritten Mal in die 2. Bundesliga - auf höchst dramatische Weise. Am letzten Drittliga-Spieltag 22/23 besiegte man den Hallescher FC zuhause mit 1:0. Fans und Spieler umarmten sich, der Aufstieg schien beschlossene Sache zu sein. “Ich hatte schon das Bierglas in der Hand, war schon am Jubeln, dann hat Osnabrück noch zwei Tore in der Nachspielzeit geschossen”, erzählt Wurtz mit einem Lächeln im Gesicht. 

Statt der verdienten Sommerpause war plötzlich die Relegation gegen Arminia Bielefeld angesagt. Sofort legte die Mannschaft den Fokus auf die neue Aufgabe. Statt Trübsal zu blasen, war man “dankbar” für die Möglichkeit, sich doch noch für die 2. Bundesliga qualifizieren zu können: “Am nächsten Tag herrschte in der Kabine anfangs eine seltsame Stimmung. Man war ein bisschen verwirrt und enttäuscht. Dann kam der ein oder andere witzige Spruch. Wir hatten unser Spiel gewonnen, alles Weitere konnten wir nicht beeinflussen. In den Wochen zuvor hatten wir schon den einen oder anderen Rückschlag erlitten.”

Schon die gesamte Saison über habe in der Mannschaft gute Stimmung geherrscht, im Kader gab es einen “super Mix” aus jungen Talenten und erfahrenen Spielern. Wurtz selbst hat und hatte klare Vorstellungen, wie er sich als Kapitän und Führungsspieler verhalten soll: “Nicht das Haar in der Suppe suchen. Ich denke, das ist der falsche Weg. Allen auf Augenhöhe begegnen. Keiner macht absichtlich Fehler. Es gibt auch Spieler, die innerhalb ihrer Karriere in einer schwierigen Phase stecken. Da draufzuhauen, wäre falsch.”  

Die Mannschaft nahm die Aufgabe Relegation sofort an.
Profimedia

Auch Trainer Markus Kauczinski erzog seine Truppe durch “den einen oder anderen flotten Spruch” dazu, Rückschläge rasch zu überwinden. Die gesunde Mischung aus Empathie, Ehrgeiz und Leichtigkeit beflügelte den SVWW: Man schlug Relegationsgegner Bielefeld mit einem Gesamtscore von 6:1. Im Hinspiel erzielte Johannes Wurtz das richtungsweisende Tor zum 2:0. 

"Fest davon überzeugt", dass Wiesbaden den Klassenerhalt schafft

Für Wiesbaden geht das Abenteuer ohne den ehemaligen Kapitän weiter. Schon im Winter hatte Wurtz dem Verein gegenüber kommuniziert, seinen Vertrag nicht zu verlängern, sondern stattdessen die vielleicht “letzte Chance auf ein Auslandsabenteuer” nutzen zu wollen. Die privaten Umstände ließen den Schritt auch zu. Im April wurde er erstmals Vater, seine Frau schloss ihre Doktorarbeit mit Erfolg ab.

Den Werdegang seines Ex-Vereins verfolgt der fünffache U20-Nationalspieler weiterhin. Mit einigen Wiesbadenern ist er in regelmäßigem Austausch. Vor dem Pokalspiel gegen RB Leipzig traute er der Mannschaft “alles zu. Sie werden immer wieder Akzente setzen. Auch die neuen Spieler, die hinzugekommen sind, haben große Qualität.” So sollte es auch kommen. Wiesbaden kämpfte bis zur letzten Minute, unterlag RB aber schließlich mit 2:3

Mit dem Abstieg in die 3. Liga muss man sich laut Wurtz nicht beschäftigen: “Es ist ein ausgeglichener Kader. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie den Klassenerhalt schaffen. Der Start war top, die letzten zwei Spiele waren bisschen unglücklich.” 

Neues Abenteuer in Finnland: "Wir sind echt happy hier"

Ein Wechsel nach Skandinavien sei aufgrund der tollen Infrastruktur immer schon ein Thema gewesen. Sein Beraterteam B360 Sports wirft stets einen Blick über den Tellerrand und stellte problemlos den Kontakt nach Finnland her. Die endgültige Entscheidung traf er zusammen mit seiner Ehefrau: “Als es konkreter wurde, haben wir beide gesagt, wir können uns das richtig gut vorstellen. Neue Erfahrungen, neue Blickwinkel. Wir sind echt happy hier, bereuen es in keinster Weise.” Bislang sei das Klima "sehr angenehm", aber vor dem nahenden Winter hat die junge Familie großen Respekt: “Da kann es schon ungemütlich werden, denke ich.”

Der Verein kümmert sich gut um das Wohlergehen seiner Spieler, hat der Familie Wurtz eine schöne Wohnung in Helsinki organisiert. Die zahlreichen Freizeitangebote - Baby-Yoga, Schwimmkurse, Tanzkurse - werden dankbar genutzt. Seinen sportlichen Ehrgeiz hat der Angreifer aber nicht verloren. “Morgen geht es schon los gegen den Tabellenführer. Da möchte ich bestmöglich performen. Ich habe einen guten Fitnesszustand”, erklärte er einen Tag vor dem Spitzenspiel gegen HJK.

Auch in Finnland hat Johannes Wurtz seine Treffsicherheit nicht verloren.
Juhani Järvenpää

Das Vertrauen von der Vereinsführung habe er “von Anfang an gespürt. Ich wurde super aufgenommen von allen.” Im August feierte Johannes Wurtz sein Debüt zunächst als Einwechselspieler, mittlerweile hat er sich in die Startelf gekämpft. Zusammen mit dem FC Honka erreichte er das Pokalfinale, beim 2:1-Sieg gegen den Ligarivalen SJK Seinäjoki vor eineinhalb Wochen erzielte der 31-Jährige einen Doppelpack.

Bald endet die Saison, der Verein hat das große Ziel, sich fürs europäische Geschäft zu qualifizieren. Auch bei seinem neuen Arbeitgeber geht Johannes Wurtz als Leader voran. Eine Rolle, die zu ihm passt, schon in der A-Jugend beim FC Saarbrücken war er Kapitän seiner Mannschaft.

Integrationshelfer aus der Hertha-Jugend

Fußball spiele in Finnland immer noch eine untergeordnete Rolle, doch, wie Wurtz bekräftigt, Spielkultur und Infrastruktur entwickeln sich “in die richtige Richtung.” Einen typisch finnischen Spielstil gebe es nicht, jede Mannschaft hat ihre eigenen Stärken. Allerdings wird aufgrund des rauen Klimas in etlichen Stadien auf Kunstrasen gespielt: “Da werden oft eher spielerische Lösungen gesucht. In Deutschland ist es aggressiver, vielleicht gepusht durch die Zuschauer. Da geht es härter zur Sache, das ist mir gleich aufgefallen.” 

Bei der Integration waren seine deutschen Teamkollegen Florian Krebs (seit Januar 2022 in Finnland) und Florian Baak (seit Sommer 2022) extrem hilfreich, erzählt Wurtz. Anfangs lebte er sogar im selben Wohnkomplex wie die beiden Ex-Herthaner. Sie gaben verschiedene Tipps zum Alltag im Verein und zu den Abläufen im Training. Trotzdem bemühte sich Wurtz sofort, die gesamte Mannschaft kennenzulernen: “Es ist immer doof, wenn Gruppen verschiedener Nationalitäten entstehen.” Mannschaftsintern wird Englisch gesprochen, auch Spieler aus Südamerika oder den Niederlanden befinden sich im Kader.  

Wurtz möchte beim FC Honka als Führungsspieler vorangehen.
Juhani Järvenpää

Sein Vertrag beim FC Honka endet im Jahr 2024. Eine Rückkehr nach Deutschland ist für den Familienvater nicht ausgeschlossen. 148 Einsätze (18 Tore) in der 2. Bundesliga und 115 Einsätze (23 Tore) in der 3. Liga dienen ihm als Empfehlung für künftige Aufgaben. Neben Saarbrücken und Wiesbaden stand er auch schon bei Werder Bremen, Paderborn, Greuther Fürth und dem VfL Bochum unter Vertrag. Vorerst gilt sein voller Fokus aber Finnland.

"Klar wird viel Show gemacht. Aber hinter jedem Fußballer steckt auch ein Mensch."

Trotz zwölf teils kräfteraubender Jahre im Profifußball wirkt Wurtz glücklich und zufrieden. Das habe er in erster Linie seinem Umfeld zu verdanken: “Die Erwartungshaltung meiner Eltern und meiner Frau war nicht übertrieben groß. Ich bin mir im Klaren darüber, dass sie mich lieben, egal, ob ich Profi bin oder nicht. Das Gefühl haben mir meine Eltern vermittelt, von früh auf. Gib dein Bestes, schau, was du erreichen kannst, aber wenn es nicht funktioniert: Auch nicht schlimm.” Nach Rückschlägen sei ihm nie ein schlechtes Gefühl gegeben worden: "Bei anderen Spielern ist das ganz anders, da wird von zuhause großer Druck aufgebaut.”

Mit Misserfolgen umzugehen, das ist vielleicht die Königsdisziplin im Haifischbecken Fußball-Business. Als junger Spieler müsse man “geduldig” sein und auf seine Chance warten. Medial werden junge Spieler, die auf Einsatzzeit drängen, oft als arrogant wahrgenommen. Wurtz warb um Verständnis. Der ein oder andere besitze vielleicht nicht das nötige Selbstwertgefühl, um die Entscheidungen des Trainers richtig einzuordnen: “Klar wird viel Show gemacht, mit Haare abrasieren, Tattoos, Sonnenstudio, jeder ist ein Kämpfer und Krieger. Aber hinter jedem Fußballer steckt auch ein Mensch.” 

Grundsätzlich betonte Wurtz, vor Ersatzspielern “riesigen Respekt” zu haben: “Diese Rolle muss mehr wertgeschätzt werden.” Denn Erfolg - das weiß der gebürtige Saarländer - kann immer nur als Mannschaft erreicht werden: ”Es gibt verschiedene Puzzleteile, verschiedene Charaktere. Es ist wichtig, dass man erfahrene Spieler hat, die Empathie haben und nicht die Schuld auf andere schieben.”