Der Weg zurück auf die große Bühne war für die Norweger jedoch steinig. Nur sechs Monate vor dem Start einer beeindruckenden Qualifikationskampagne für die WM 2026, in der sie acht Siege in Folge feierten, verpasste das Team von Stale Solbakken die EURO 2024. Der Grund: wiederkehrende Defensivschwächen, die der Mannschaft immer wieder zum Verhängnis wurden.
Obwohl Solbakkens Kader mit Weltklasse-Offensivkräften wie Erling Haaland und Martin Ødegaard gespickt ist, verspielte er nach Führungen regelmäßig sicher geglaubte Punkte – meist bedingt durch fatale Konzentrationsfehler in der Hintermannschaft. Besonders schmerzhaft zeigte sich dies im Heimspiel gegen Schottland, als eine 1:0-Führung in den letzten drei Minuten noch in eine 1:2-Niederlage umschlug.
Solbakken erinnert an 90er-Jahre
"Mit den Spielern, die uns zur Verfügung stehen, müssen wir versuchen, das Spiel selbst zu bestimmen", erklärte Solbakken in einem Interview mit TV2 Sport. "Die Talentförderung in Norwegen hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass wir die Defensivarbeit etwas vernachlässigt haben. Große individuelle Fehler haben uns letztlich die Teilnahme an der EURO 2024 gekostet. Dennoch bin ich froh, dass wir standhaft geblieben sind und uns nicht dazu verleiten ließen, wieder wie in den 90er-Jahren zu spielen."
Damit spielte Solbakken auf eine Ära an, in der Norwegen nach 60 Jahren sportlicher Bedeutungslosigkeit plötzlich die Weltspitze stürmte. Dank einer pragmatischen, extrem disziplinierten Raumdeckung, die gezielt darauf ausgelegt war, die großen Fußballnationen zu entnerven, qualifizierten sich die Skandinavier für die Weltmeisterschaften 1994 und 1998.
Der Kopf hinter dieser Philosophie war Egil "Drillo" Olsen. Ironischerweise war Olsen in seiner aktiven Zeit selbst ein hochtalentierter, technisch versierter Flügelspieler gewesen, der 16 Länderspiele für Norwegen bestritt und seinen Spitznamen eben jenen außergewöhnlichen Dribblings verdankte. Als Trainer setzte er jedoch kompromisslos auf strukturelle Disziplin, Risikominimierung und kompakte Ketten statt auf individuelle Zauberei.
Olsen führt Norwegen ins Achtelfinale
Als er die Nationalmannschaft im Oktober 1990 zunächst interimsweise übernahm, lag der norwegische Fußball nach einer Reihe enttäuschender Ergebnisse unter Vorgänger Ingvar Stadheim am Boden. Das Team galt als drittklassig und besaß keinerlei taktische Identität. Die Mannschaft kam gerade aus Niederlagen gegen die Sowjetunion sowie Schweden und hatte sich seit 1938 für kein großes Turnier mehr qualifiziert.
Doch "Drillo" revolutionierte das Team mit einem datenbasierten Ansatz: Ein starres 4-5-1-System, extreme körperliche Fitness, blitzschnelle Konter und lange Bälle in die Spitze verwandelten die graue Maus in ein internationales Top-Team. In insgesamt 88 Spielen unter seiner Regie holte Norwegen eine beeindruckende Bilanz von 46 Siegen, 26 Unentschieden und nur 16 Niederlagen – und kletterte zeitweise bis auf Platz zwei der FIFA-Weltrangliste.
Der emotionale Höhepunkt folgte bei der WM 1998 in Frankreich. In Marseille besiegte Norwegen sensationell den amtierenden Weltmeister Brasilien mit 2:1 und zog ins Achtelfinale ein, wo man sich erst Italien knapp geschlagen geben musste.
Charakter eckt auch in England an
Während Olsen, der von 2009 bis 2013 ein zweites Mal als Nationaltrainer arbeitete, in seiner Heimat seither als Legende verehrt wird, blieb sein Ruf außerhalb Norwegens gespalten. Seine radikale Taktik – tiefe Abwehrreihen, lange Bälle und der bewusste Verzicht auf Ballbesitz – stieß bei Fußball-Ästheten wie Johan Cruyff, Morten Olsen und Bobby Robson auf harsche Kritik.
Auch abseits des Platzes eckte der bekennende Marxist an. Als überzeugter Kommunist verzichtete er strikt auf Alkohol und Autos. Während seiner Trainerstation beim englischen Club FC Wimbledon zwang er seine Profis bisweilen dazu, zu Fuß zum Training zu gehen. Zudem scheute er sich nicht, Passanten auf offener Straße wegen ihres Zigarettenkonsums zu maßregeln. Kultstatus erreichten auch seine grünen Gummistiefel, die er an der Seitenlinie trug, um den Symptomen seiner Rheumaerkrankung entgegenzuwirken.
Olsens Ära beim Verband endete 2013 mit einem handfesten Skandal. Kurz vor einem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel wurde er auf chaotische und sehr öffentliche Weise durch Per-Mathias Høgmo ersetzt. Erst Jahre später sah sich der norwegische Verband gezwungen, sich offiziell bei der Trainerlegende für den unschönen Umgang zu entschuldigen.
Nun schließt sich der Kreis: Am Sonntagabend um 22:00 Uhr MEZ (MagentaTV und Flashscore-Audioreportage) trifft Norwegen im Achtelfinale der laufenden Weltmeisterschaft im New Yorker MetLife Stadium erneut auf Brasilien. Das Ziel ist klar: Die Mannschaft will ein neues Kapitel schreiben und den zweiten historischen Sieg gegen die Seleção einfahren.
Zum Match-Center: Brasilien vs. Norwegen
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