Harry ist heiser, Tuchel stolz: England erobert Mexikos Festung Aztekenstadion

Harry Kane (l.) brach im Interview nach dem Spiel mehrfach die Stimme weg.
Harry Kane (l.) brach im Interview nach dem Spiel mehrfach die Stimme weg.REUTERS/Raquel Cunha

Harry Kane hatte seine Stimme verloren, doch das war dem König der Löwen an diesem denkwürdigen Abend im Aztekenstadion herzlich egal. Endlos lang hatte Kane in der Kurve mit den Fans der Three Lions aus vollstem Herzen "Wonderwall" gebrüllt, nun krächzte er nur noch ins Mikrofon der BBC: "Es ist unglaublich. Ein verrücktes Spiel. Mein Gott, wir haben so gekämpft", stammelte er: "Unglaublich, die Mannschaft, alles, das ist so unglaublich."

In den Katakomben des riesigen Nationalstadions versuchte unterdessen Trainer Thomas Tuchel die "heroische Leistung" der Engländer beim 3:2 (2:1) gegen Gastgeber Mexiko in Worte zu fassen. "Es fühlt sich fast so an, als hätten wir ein Finale gewonnen", sagte Tuchel bewegt und gab den 90 Minuten plus ewig langer Nachspielzeit ein besonderes Prädikat: "Dieses Spiel", sagte Tuchel, "gehört für mich zu den größten Momenten meiner Trainerlaufbahn."

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Seine Erkenntnis des Abends: "Diese Mannschaft hat ein Herz!" Nach der 54. Minute, als Jarell Quansah mit Rot vom Platz geflogen war, spielte England in Unterzahl. Welle um Welle rollte auf das Tor von Jordan Pickford zu, doch die dezimierten Löwen warfen sich in jeden Schuss, verteidigten den knappen Vorsprung im WM-Achtelfinale und eroberten so die lange uneinnehmbare Festung der Mexikaner. In der Heimat feierten die Medien die "26 Helden" - der Traum vom Titel nach 60 Jahren voller Leiden lebt.

Tuchel will "ganzen Tag ohne Fußball verbringen"

Doch nach diesem Thriller in der dünnen Höhenluft von Mexiko-Stadt mussten alle erst einmal durchatmen. "So viel Drama sollte niemand jemals um vier Uhr morgens erleben", schrieb die BBC. Für Tuchel und seine Matchwinner Kane und Jude Bellingham war es an der Zeit, zu genießen und schnellstmöglich zur Ruhe zu kommen. Denn die nächste große Herausforderung wartet bereits am Samstag (23.00 Uhr MESZ) in Miami, wenn es gegen Norwegen geht.

Davon wollte Tuchel am Abend des Triumphs aber nichts wissen. "Ich sage Ihnen etwas: Ich werde mir unser Spiel nicht noch einmal ansehen und mir in den nächsten 24 Stunden auch nichts über Norwegen anschauen", sagte Tuchel und kündigte an: "Ich werde einen ganzen Tag ohne Fußball verbringen." Erst dann soll es um das Viertelfinale und einen Plan für Superstürmer Erling Haaland gehen. Denn: Der Sieg über Mexiko war nur "ein weiterer Schritt".

Allerdings einer, der England schweben lässt. "Wir haben jedes Hindernis überwunden. Ich bin unfassbar stolz auf den Charakter und den Willen dieses Teams", sagte Tuchel. Bellingham (36./38.) hatte seine Elf mit einem Doppelpack innerhalb von 98 Sekunden in Führung geschossen, Kane (60.) traf per Foulelfmeter zum sechsten Mal im Turnier. Da Mexiko aber durch Julian Quinones (42.) und Raúl Jiménez (69., Foulelfmeter) dran blieb, entwickelte sich ein Thriller mit einem Happy End - allerdings nicht für alle Engländer.

Jordan Henderson, den Tuchel als wichtigen Mannschaftsspieler überraschend in den WM-Kader berufen hatte, stürzte beim Feiern über eine Werbebande auf das Handgelenk. "Es handelt sich um eine ziemlich ernste Verletzung", sagte Tuchel auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Für Henderson endete der Abend in Mexiko-Stadt im Krankenhaus, für alle anderen Engländer im Fußball-Himmel. Noch drei Siege fehlen zum erlösenden Titel.