"Geist des Curlings ist tot" – Olympia-Sportart im Strudel der "Dartifizierung"?

Gerade zu Beginn der Olympia-Tage rückt Curling in den Fokus der Spiele.
Gerade zu Beginn der Olympia-Tage rückt Curling in den Fokus der Spiele.REUTERS/Issei Kato

Marc Muskatewitz war hin und weg. Das Ramba-Zamba auf den holzvertäfelten Tribünen des altehrwürdigen Stadio Olimpico del Ghiaccio, das dieser Tage mehr an den Ally Pally beim Darts als an die passende Atmosphäre fürs Schach auf dem Eis erinnert, war für den deutschen Skip und seine Teamkollegen "ganz neu. Das ist natürlich extrem unterstützend, wenn man einen Stein spielt und hinten dran hat man Fangesänge wie im Stadion", sagte Muskatewitz im SID-Gespräch.

Auch wenn die Halbfinal-Träume bereits vor dem Abschluss der Round Robin am Donnerstag gegen China geplatzt sind, haben die Auftritte von Muskatewitz und Co. beim deutschen Olympia-Comeback nach zwölf Jahren wieder eines gezeigt: Curling ist in. Im Zeichen der olympischen Ringe mutiert ein Sport, der in Deutschland von gerade einmal rund 750 Aktiven ernsthaft betrieben wird, zum Publikumsmagneten, klettert aus seiner Vier-Jahres-Nische und produziert dabei ganz eigene Helden und Geschichten.

Tag für Tag pilgern Fans aus aller Welt ins Eisstadion von Cortina d'Ampezzo, in jene Arena, wo schon Roger Moore für einen James-Bond-Streifen vor der Kamera stand und Marika Kilius vor 70 Jahren als damals Zwölfjährige Eiskunstlauf-Geschichte schrieb, und feiern regelrechte Curling-Partys. Sie grölen lauthals die typische Darts-Melodie "Chase the sun" und bejubeln jeden der bis zu 19,96 Kilogramm schweren Steine, der auch nur annähernd ins Haus gecurlt (gedreht) wird. Und auch das Fernsehen macht mit, schaltet immer dann live drauf, wenn das olympische Programm nichts anderes hergibt.

Curling wird auch deswegen so geliebt, weil es im immer lauter werdenden Olympia-Kosmos normalerweise eher unspektakulär, entschleunigt daherkommt. Normal? Ist in Cortina kurz vor den Medaillenspielen am Freitag und Samstag allerdings nichts mehr. Seitdem der Schwede Oskar Eriksson seinen kanadischen Gegner Mark Kennedy des Betrugs bezichtigte, herrscht Aufruhr in der sonst so diskreten und beschaulichen Curling-Welt, die einem selbst auferlegten Ehrenkodex "Spirit of Curling" unterliegt.

"Der Geist des Curlings ist tot", schimpft Kennedy. Er selbst hatte den Zoff am vergangenen Freitag im Duell mit Olympiasieger Schweden erst mit ausgelöst, in dem er Eriksson ein herzhaftes "Verpiss Dich!" zurief. Schweden warf Kanada eine Doppelberührung und damit einen Regelverstoß vor. Seither ist in Anlehnung an das englische Wort für stupsen oder antippen vom "Boop-Gate" die Rede, ein Sündenfall angesichts des ausgeprägten Fairplay-Gedankens im Vorzeigesport.

Verlust der "Curling-Unschuld"?

Hat das Curling, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, tatsächlich seine Unschuld verloren? Die Schweden behaupten jedenfalls, dass Kanada schon seit längerer Zeit systematisch die Regeln umgehe. Das wiederum rief den kanadischen Spitzencurler Michael Fournier auf den Plan. Er rief Eriksson in einer Kolumne auf der Fachseite The Curling News zu: "Du solltest dich schämen!"

Während Kennedy die "Gier nach Medaillen" anprangert, die zu falschen Anschuldigungen führe, sinniert der zweimalige britische Weltmeister Hammy McMillan Jr. öffentlich über einen VAR-Einsatz oder das Hawk-Eye - beides käme wohl tatsächlich dem Verlust der Curling-Unschuld gleich.

Dass es (noch) anders geht, bewiesen Schweden und Deutsche am Montag. Als Wischer Johannes Scheuerl an gleich zwei schwedischen Steinen hängenblieb, einigten sich beide Teams lächelnd darauf, die Position der leicht verschobenen Steine zu korrigieren. "Curling", sagte Scheuerl danach, sei "ein Gentlemen-Sport". Und derart beliebt, so lange das so bleibt.