Zum Hauptinhalt springen

"Gewünscht, dass Josh gewinnt": Pogacar denkt nach Vuelta-Auftakt an Tarling

Pogacar (r.) fährt von Anfang an in Rot
Pogacar (r.) fährt von Anfang an in RotREUTERS/Manon Cruz

Plötzlich waren Tadej Pogacar das so herbeigesehnte Rote Trikot und der nächste Meilenstein seiner Traumkarriere völlig egal. Im kleinen Raum hinter dem Siegerpodest der Vuelta führte der erste Weg des Slowenen zu Joshua Tarling, der eine Woche zuvor bei einem fürchterlichen Rennunfall in Portugal seinen kleinen Bruder Finlay verloren hatte. Pogacar beugte sich hinab, nahm Tarling fest in den Arm und flüsterte dem bewegten Briten ganz persönliche Worte ins Ohr.

"Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass Josh gewinnt", sagte Pogacar über Tarling, der beim Sieg des Superstars im packenden Auftaktzeitfahren von Monaco geschlagen Dritter geworden war: "Ich habe Josh wirklich die Daumen gedrückt." Der junge Brite nahm die Worte des Weltmeisters gerührt und dankbar auf: "Ich bin so glücklich, wie ich sein kann."

So sehr sich Pogacar nach dem Rennen als Champion zeigte, so sehr hatte er das bereits im Rennen gezeigt. 28 Tage nach seinem fünften Tour-Sieg machte er bei seinem ersten Vuelta-Start seit sieben Jahren dort weiter, wo er in Frankreich aufgehört hatte. Statt in Gelb nun eben in Rot, erstmals in seiner Karriere. In dem Trikot, das er auch in drei Wochen in Granada tragen will, um mit dem Vuelta-Sieg seine Rundfahrt-Sammlung zu komplettieren.

Pogacar gewinnt hauchdünn vor Hayter

Mit neun Hundertsteln Vorsprung auf den Briten Ethan Hayter gewann Pogacar das 9,4 km lange Zeitfahren quasi vor seiner Haustür in der Wahlheimat Monte Carlo - im Radsport, wo im Regelfall nicht einmal in Zehntelsekunden gemessen wird, eine unerhörte Winzigkeit. Tarling wurde mit vier Sekunden Rückstand Dritter. Bei Pogacars Zieldurchfahrt fiel Hayter, bei der letzten Zwischenzeit noch drei Sekunden voraus, vor Fassungslosigkeit fast mit seinem Sessel in der Leader's Box um.

"Ich glaube, die 0,09 Sekunden habe ich herausgeholt, als ich an meinem Appartement vorbeigefahren bin", witzelte Pogacar, da kenne er sich halt am besten aus. Unvergleichlich flog er über den Schlusspart der legendären Formel-1-Strecke, kämpfte bis zum Anschlag. Dass es bei dieser Vuelta letztlich wohl nicht auf Sekunden ankommen wird, weil Pogacar auf den vielen Bergetappen hoch überlegen sein dürfte: Kümmerte ihn nicht - Pogacar wollte diesen Sieg unbedingt, "und es fühlt sich schön an".

Pogacar nimmt Kurs auf das Grand-Tour-Triple

Pogacar genoss das Gefühl dieses historischen Siegs - seit die Vuelta 1995 auf den Termin direkt nach der Tour rückte, hatte noch nie ein Tour-Champion sogleich die Vuelta-Führung übernommen - in vollen Zügen. Und er musste sich auf dem Podest am noblen Port Hercule vor der Traumkulisse der Cote d'Azur wie ein Topmodel bei einer Edelmodenschau fühlen.

Fürst Albert stülpte seinem "Wahl-Landsmann" einigermaßen unbeholfen das knallrote Leader-Trikot über und drückte ihm dann ein Fußball-Shirt der AS Monaco an die Brust, zwei Minuten später schlüpfte Pogacar ins blaugepunktete Berg- und schließlich ins grüne Sprintertrikot. Uff.

Nur das weiße Trikot des besten Jungprofis, das durfte sich sichtlich bewegt Joshua Tarling überstreifen. Und das freute Pogacar an diesem denkwürdigen Tag mindestens so wie sein eigener Erfolg.