Mit seinen pechschwarzen langen Haaren erinnerte Carlos Alcaraz eher an Antonio Banderas in Zorro als an den gewohnten Tennisfighter mit der raspelkurzen Wettkampffrisur. Dass bei den in kaum mehr als einer Woche beginnenden US Open der altbekannte Carlitos auf dem Platz stehen wird, daran ließ Alcaraz bei seiner knackigen Comeback-Ankündigung für das letzte Major-Turnier des Jahres keinen Zweifel: "Ich komme zurück. Here we go!" meldete er mit erhobenem Kinn in die Kamera - kühn und selbstsicher wie Masken-Rächer Zorro.
Das Selbstvertrauen beim siebenmaligen Major-Champion scheint intakt. Wie es um sein Handgelenk steht, das weiß allerdings nur Alcaraz selbst. Wenn überhaupt: Denn nach mehr als vier Monaten Verletzungspause wegen seiner maladen Schlaghand und zwei verpassten Grand-Slam-Turnieren geht der 23-Jährige mit einer gewissen Ungewissheit ins Projekt Titelverteidigung.
Seit dem 14. April, als er beim Heimspiel in Barcelona den Finnen Otto Virtanen bezwang, hat Alcaraz kein Match mehr bestritten, fehlte bei den French Open und in Wimbledon. Wie schwer seine Verletzung wirklich war? Darüber schwieg er sich aus, Woche für Woche, befeuerte damit Spekulationen. Vielversprechende Trainingsbilder wechselten sich mit immer neuen Absagen ab, zuletzt für die Hartplatz-Masters in Montréal und Cincinnati.
Flushing Meadows, wo er 2022 seinen ersten Grand-Slam-Titel gewann und vor einem Jahr zum zweiten Mal triumphierte, wird für Alcaraz nun zum Kaltstart. Zumal die knüppelharte Hartplatz-Bolzerei nur mit restlos ausgeheiltem Handgelenk heil zu überstehen ist. Das Beispiel des früheren argentinischen US-Open-Champions Juan Martín del Potro ist ein warnendes: Der Turm von Tandil bekam seine Probleme an der notorischen Schwachstelle eines Tennisspielers über Jahre nicht in den Griff.
Direkt im Favoritenkreis
Alcaraz, so ist zu vernehmen, geht nun mit seiner Rückkehr kein oder zumindest nur ein geringes Risiko ein. Wie der bestinformierte Marca-Journalist Germán Abril berichtet, trainiert Alcaraz derzeit noch bis zu vier Stunden täglich im spanischen Murcia mit dem Schläger, simuliert bei bis zu 40 Grad mit Trainingspartner Holger Rune die Intensität und die Bedingungen des New Yorker Turniers - Probleme habe er dabei nicht, könne also guten Gewissens in der kommenden Woche in den Flieger Richtung USA steigen.
Pause hin, Fragen her: Bei den US Open wird Alcaraz natürlich und gleichwohl zu den Favoriten gehören. Zumal die beiden Spieler, die in seiner Absenz die Major-Titel holten, keineswegs sorgenfrei unterwegs sind. French-Open-Sieger Alexander Zverev schied in Montréal wie Cincinnati früh aus, der Weltranglistenerste Jannik Sinner sagte für die Härtetests ab, trainiert aber nach (oder trotz) Knieproblemen wieder.
Was den so positiven Alcaraz negativ stimmen könnte? Nun: In einer kuriosen Kollaboration ließ er den italienischen Fußballtransfer-Propheten Fabrizio Romano sein Comeback anteasern. Romanos kreischerische Alarm-Phrase "Here we go!", die sich Alcaraz nun aneignete, hatte zuletzt allerdings an Verlässlichkeit eingebüßt.
