Vor dem WM-Auftakt der DFB-Elf am Sonntag (19 Uhr/ARD und MagentaTV) gegen den krassen Außenseiter Curacao hat Julian Nagelsmann "nur einen Wunsch" an seinen Kapitän. In einer kürzlich ausgestrahlten ZDF-Doku verlangte der Bundestrainer von Joshua Kimmich, dass er "ein neues Buch aufmachen und es neu schreiben" müsse. "Ohne Vorgeschichte" wohlgemerkt.
Was damit gemeint ist? Kimmich gilt in Deutschland als das Gesicht einer titellosen Generation. Dass die Jahrgänge 1995/1996 über großes Talent verfügen – Leroy Sané, Serge Gnabry oder Leon Goretzka haben auf Vereinsebene schon etliche Titel gewonnen – ist ebenso unbezweifelbar, wie die Tatsache, dass die genannten Spieler im DFB-Trikot regelmäßig enttäuscht haben.

2018 und 2022 ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bereits in der Gruppenphase gescheitert. Nach dem Ausscheiden in Katar sprach Kimmich unter Tränen vom "schwierigsten Tag meiner Karriere". Diese historischen Fehlschläge seien "nichts, wofür man stehen möchte".
Vier Jahre später führt Kimmich die Nationalmannschaft zum ersten Mal als Kapitän in ein großes Turnier – und womöglich auch in eine bessere Zukunft. "Ich will auf jeden Fall Weltmeister werden", sagt der 31-Jährige. Auch wenn "der Weg dorthin brutal ist".
DFB-Gegner im Check
Curaçao in der Analyse | Elfenbeinküste | Ecuador

Verbesserte Führungsqualität
Der ehrgeizige Kimmich – der seine Mitspieler einst mit Verbesserungsvorschlägen via WhatsApp nervte – hat dazugelernt. "Seine Führungsfähigkeit", schwärmte Vincent Kompany kürzlich. Der Cheftrainer vom FC Bayern betonte, dass Kimmich inzwischen besser erkennt, wann der richtige Moment für Kritik gekomen ist – oder auch für ein laut ausgesprochenes Lob.
"Ziel ist nicht: Ich bin sauer und schreie jemanden an", sagt Kompany, "Ziel ist: Dein Kollege muss besser kicken." Das habe Kimmich verinnerlicht.
Kompany war der Schlüssel dafür. "Ich habe noch nie ein so großes Vertrauen bei einem Trainer gespürt", sagt Kimmich. Das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Kimmich, der im Herbst 2024 schon zu "95 Prozent" weg war aus München und vor einem Wechsel zu Paris Saint-Germain stand, bei den Bayern verlängert hat.

Guter Draht zu Nagelsmann
Auch zu Nagelsmann pflegt er eine besondere Beziehung, wie im WM-Quartier in Winston-Salem zu sehen war. Beim ersten Training nahm der Chef seinen leitenden Angestellten für ein langes Vier-Augen-Gespräch zur Seite. "Er ist ein herausragend guter Kapitän", sagt Nagelsmann, "einer, der auch die Menschen beachtet, die nicht so im Rampenlicht stehen".
Auf dem Platz schätzt Nagelsmann an Kimmich die "weltweit beste Flanke aus dem Lauf heraus", die berühmten "Chipbälle" und dessen Biss. "Er ist nicht schnell wie Usain Bolt oder groß wie Dirk Nowitzki. Er hat sich viele Dinge, die ihn zu einem Weltstar gemacht haben, erarbeitet."
