Von Lienz nach Italien
Lilli Tagger wurde am 17. Februar 2008 in Lienz geboren. Ihre Karriere begann nicht mit lautem Hype, sondern mit einem Weg, der für österreichische Talente typisch und gleichzeitig außergewöhnlich ist: Viel Eigeninitiative, frühe Entscheidungen und der Schritt hinaus aus dem gewohnten Umfeld. Mit 13 Jahren ging sie nach Italien, wo sie in der Nähe von Varese trainierte und später mit Francesca Schiavone arbeitete.
Dass ausgerechnet Schiavone eine zentrale Rolle in Taggers Entwicklung spielt, passt fast zu gut. Die Italienerin gewann 2010 die French Open, spielte selbst mit einer einhändigen Rückhand und steht für ein Tennis, das nicht nur über Kraft, sondern auch über Gefühl, Winkel und Mut funktioniert. Genau diese Mischung macht Tagger interessant. Sie ist groß, aufschlagstark, athletisch – und sie hat mit der einhändigen Rückhand einen Schlag, der im modernen Damentennis fast aus der Zeit gefallen wirkt.
Dabei war dieser Schlag keine zufällige Entwicklung. Tagger spielte ursprünglich mit beidhändiger Rückhand, wollte aber schon als Kind wechseln. Inspiriert wurde sie unter anderem von Roger Federer und Dominic Thiem. Später erzählte sie, sie habe mit ihrem Coach eine Art Wette abgeschlossen. Wenn sie ein Turnier gewinne, dürfe sie auf die einhändige Rückhand umstellen. Sie gewann und der Schlag wurde zu ihrem Markenzeichen.
Der Wechsel war mutig, weil eine einhändige Rückhand im Frauentennis selten geworden ist. Sie verlangt Timing, Stabilität und Vertrauen. Doch genau dieses Vertrauen scheint Tagger früh entwickelt zu haben. Ihr Spiel wirkt nicht wie das einer Spielerin, die nur Trends folgt, sondern es hat eine eigene Handschrift.
Der Paris-Moment
Der große Durchbruch im Nachwuchs kam 2025 in Roland Garros. Tagger reiste ungesetzt nach Paris und spielte ein Turnier, das im österreichischen Tennis einen besonderen Platz einnehmen wird. Sie gewann den Juniorinnen-Bewerb ohne Satzverlust, schlug auf dem Weg zum Titel mehrere gesetzte Spielerinnen und ließ im Finale gegen die Britin Hannah Klugman beim 6:2, 6:0 kaum Zweifel aufkommen.
Damit schrieb sie Geschichte. Tagger wurde zur ersten Österreicherin, die einen Juniorinnen-Grand-Slam-Titel gewann. Der Erfolg war nicht nur wegen des Titels bemerkenswert, sondern wegen der Art, wie sie ihn holte. Sie wirkte in Paris nicht wie eine Spielerin, die vom Moment überwältigt wurde. Sie spielte klar, mutig und reif – als hätte sie diesen Schritt schon länger vorbereitet. Nach dem Finale sagte sie bei ServusTV: "Das ist wirklich eigentlich ein Traum.“
Der Titel in Paris war mehr als ein Nachwuchserfolg. Er war ein Signal. Österreich hatte nach Jahren wieder eine Spielerin, die auf internationaler Ebene nicht nur mitspielte, sondern ein großes Turnier dominierte. Tagger wurde plötzlich nicht mehr nur als Talent wahrgenommen, sondern als mögliche Zukunft des österreichischen Damentennis.
Der schnelle Schritt zu den Profis
Nach dem Titel in Roland Garros ging für Tagger vieles sehr schnell. Schon im März 2025 hatte sie in Terrassa ihren ersten Profi-Titel auf ITF-Ebene gewonnen, später folgten weitere Erfolge. In Jiujiang erreichte sie schließlich ihr erstes WTA-Finale und zeigte, dass sie nicht nur bei den Juniorinnen, sondern auch auf der Profitour bestehen kann. Der Sprung bleibt trotzdem groß. Juniorinnen-Tennis und die WTA-Tour sind zwei verschiedene Welten. Bei den Profis reicht Talent allein nicht mehr aus. Dort zählen körperliche Stabilität, Erfahrung und die Fähigkeit, Woche für Woche gute Leistungen abzurufen.
Gerade deshalb ist Taggers Entwicklung so spannend. Anfang 2025 stand sie noch außerhalb der Top 700 und heute steht sie auf Rang 82 der Weltrangliste. Sie ist erst 18 Jahre alt und steht noch am Anfang ihrer Karriere. Abseits des Courts wirkt Tagger bodenständig. In ihrer WTA-Biografie werden Skifahren und Eishockey als Hobbys genannt, wenn sie im Winter zu Hause ist. Gleichzeitig lebt sie längst den Alltag einer internationalen Tennisspielerin – mit Reisen, Training, Turnieren und wachsendem Druck.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz ihrer Geschichte. Tagger ist sehr jung, aber ihr Weg wirkt nicht zufällig. Der Wechsel nach Italien, die Zusammenarbeit mit Francesca Schiavone, die einhändige Rückhand und der frühe Schritt zu den Profis zeigen: Sie hat nicht nur Talent, sondern auch eine klare Richtung.
