Er sei sich sicher, hat Paul Breitner einmal lachend gesagt, "wenn ich auf'm Sterbebett lieg', na kommt irgendoana daher und sagt: 'Hey Paul, bevorst obkratzt, bitt'schön, erzähl mir nochmal die G'schicht vom Öifmeta!' Hundert pro." Dabei ist die Geschichte vom Elfmeter im WM-Finale 1974 nur eine von vielen, die Breitners Leben nachhaltig prägten - allerdings eine, die den Fußballer wie den Menschen Breitner gut erklärt.
Olympiastadion München, die DFB-Elf liegt gegen die Niederlande 0:1 zurück, als Bernd Hölzenbein im Strafraum gefoult wird. Einen Elfmeterschützen hat Bundestrainer Helmut Schön nicht bestimmt, und so schnappt sich der 22-jährige Breitner den Ball. Als Wolfgang Overath fragt, ob das sein Ernst sei, schickt Breitner ihn mit einem zischenden "Schleich di!" weg, verwandelt - und legt den Grundstein zum zweiten deutschen WM-Triumph.
Eine Kindheit mit Höhen und Tiefen
Dabei, sagte Breitner in der BR-Doku "Einfach Paul", sei er gar "nicht geboren zum Helden" gewesen. Breitner, geboren am Samstag vor 75 Jahren im oberbayrischen Kolbermoor, polarisierte, eckte an. War Revoluzzer und Exot. Oder, wie er es jetzt im Bayern-Magazin 51 formulierte: Individualist mit Haltung. "Ich habe immer gesagt: Jeder nach seiner Fasson – aber bitte ich nach meiner."
Das setzte er mit bemerkenswerter Konsequenz in die Tat um. Auf dem Platz als Exzentriker mit Afro-Frisur und heruntergezogenen Stutzen, daneben als Rebell mit starker Meinung oder dem berühmten Foto mit der Mao-Bibel.
Woher der kritische Geist stammt? Weil seine Eltern aufgrund ihrer Berufstätigkeit in seiner Kindheit wenig präsent waren, sei er "in erster Linie bei Tante und Onkel aufgewachsen", erzählte Breitner. Die Tante, im Krieg Krankenschwester, sei "eine ganz starke, warmherzige Frau" gewesen, die stets gesagt habe: "Paule, lass dir nichts gefallen. Frag nach. Und dann entscheide." Das habe aus ihm "den Menschen gemacht, der ich geworden bin".
Seine Erfolge sprechen für sich. Europameister 1972, Weltmeister 1974, dazu neben den Brasilianern Pelé, Vavá sowie den Franzosen Zinédine Zidane und Kylian Mbappé einer von nur fünf Spielern, die in zwei WM-Finals trafen. Mit den Bayern wurde er als dynamischer Außenverteidiger und später laufstarker Mittelfeldstratege fünfmal Meister und zweimal Pokalsieger, gewann den Europacup der Landesmeister und wurde 1981 Fußballer des Jahres, mit Real Madrid zweimal Spaniens Champion.
Ein Mann für die Menschen - aber nicht für Hoeneß
Auch nach der aktiven Karriere ging Breitner oft mit der Fußballwelt auf Konfrontationskurs, als Zeitungskolumnist. An seiner Meinungsfreude scheiterte ein Engagement als Bundestrainer 1998. Reue? "Es gibt für mich kein Hätte, Täte, Wäre."
Immer wieder attackierte Breitner auch seinen Kumpel und einstigen Zimmerkollegen Uli Hoeneß, beide sprachen nach einem Zerwürfnis 1983 zehn Jahre lang kein Wort miteinander. Nach einer (kurzfristigen) Versöhnung arbeitete Breitner bis 2017 zehn Jahre lang als Markenbotschafter für den Rekordmeister, ehe seine Kritik an der denkwürdigen Wut-Pressekonferenz von Hoeneß und Karl-Heinz-Rummenigge 2018 zum erneuten Bruch führte.
"Er hat sich ein Stück um seine eigene Karriere geredet", sagte Rummenigge einmal. "Im Moment", sagte Hoeneß am Montag, sei das Verhältnis "sehr gut. Er weiß, wenn er mich braucht, bin ich da."
Breitner selbst, der Humanist, der sich einst mit Franz-Josef Strauß auf Latein unterhielt und Homers Odyssee im Original las, ist für die Bedürftigen da. Mit seiner Frau Hilde, mit der er seit 55 Jahren verheiratet ist, engagiert er sich jeden Montag bei der Münchner Tafel. Dort verteilen sie Lebensmittel, bei Regen, Schnee oder Sonne.
"Das macht mich sehr zufrieden mit meinem Leben", sagte Breitner. Und dabei wird er hin und wieder sicher auch die Geschichte vom "Öifmeta" erzählen.
