27 Grad zeigte das Thermometer am Samstagvormittag Ortszeit in Campinas unweit von Sao Paolo, als Alessandra Pinheiro Castro vor dem Fernseher saß und sah, wie ihr Sohn brasilianische Wintersportgeschichte schrieb.
Im rund 10.000 Kilometer Luftlinie entfernten Bormio lag dieser in den Armen seines Vaters Björn, beide hatten Tränen in den Augen. Und als im Hintergrund das Erkennungslied der Formel-1-Legende Ayrton Senna erklang und in Mailand die "Casa Brasil" bebte, war endgültig klar: Das südamerikanische Land hat in dem Skirennfahrer Lucas Pinheiro Braathen einen neuen Nationalhelden.
An Ikonen des Sports mangelt es Brasilien nicht. Außer dem dreimaligen Weltmeister und 1994 verstorbenen Senna verehrt das Land insbesondere seine Fußballlegenden wie Pelé oder Ronaldo. Wintersportler aus dem Land hingegen traten bislang zumeist als Exoten in Erscheinung. Erst 1992 nahm in Albertville erstmals eine brasilianische Mannschaft an Olympischen Winterspielen teil.
"Alles ist möglich"
Am Samstag nun, als Lucas Pinheiro Braathen nach dem olympischen Riesentorlauf mit der Goldmedaille um den Hals ganz oben auf dem Podest stand, hing die brasilianische Fahne im Zielraum der Pista Stelvio höher als alle anderen.
Kurz zuvor hatte Braathen, erster Medaillengewinner eines südamerikanischen Landes bei Olympischen Winterspielen, eine Botschaft an seine Landsleute gerichtet: "Egal, wo du bist, deine Kleidung, deine Hautfarbe, was zählt, ist in dir drin", sagte der 25-Jährige, "wenn du so fährst, wie du bist, ist alles möglich."
Braathen fuhr, wie er ist. Für Brasilien. Und nicht für Norwegen, das Land, in dem er geboren wurde. Das Land, aus dem sein Vater stammt. Das Land, unter dessen Flagge Braathen im Dezember 2018 sein Debüt im Weltcup feierte und in der Saison 2022/23 die Kristallkugel für den besten Slalomfahrer gewann.
Streit mit Norwegen führte zu Bruch
Das Land, dem er den Rücken kehrte – weil er sich mit dem norwegischen Skiverband über seine Vermarktungsrechte zerstritten hatte. Im Oktober 2023 hatte Braathen deshalb das Ende seiner Karriere bekannt gegeben.
Ein Jahr später kehrte der extrovertierte Technikspezialist zurück in den Weltcup. Mit Partnern und Sponsoren hatte er ein persönliches Team zusammengestellt, mit Vater Björn an der Spitze.
Braathen startet nun für Brasilien, das Herkunftsland seiner Mutter, als Kind hatte er dort immer wieder Zeit verbracht. Nun konnte er Kooperationen mit Modefirmen eingehen – und mit lackierten Fingernägeln und Tänzchen den Samba zurück in den Weltcup bringen.
