Vor zwölf Monaten stand Florian Lipowitz am letzten Tour-Tag strahlend auf dem Podest in Paris. Diesmal saß er wehmütig mit frisch operiertem Schlüsselbein daheim auf der Couch: Das bittere Aus des Rundfahrstars stand sinnbildlich für eine Frankreich-Rundfahrt, die aus deutscher Sicht nur selten Lichtblicke bot.
Niemand unter den Top 50 des Gesamtklassement, zum fünften Mal in Folge kein Etappensieg: Die elf Deutschen abseits von Lipowitz blieben Statisten, wenngleich mitunter wertvolle.
"Nicht mehr so viele deutsche Weltklasse-Fahrer"
Immerhin durfte Nils Politt feiern: Der Kölner, der am 8. Juli 2021 als bislang letzter Profi aus Deutschland eine Tour-Etappe gewann, war nun zum dritten Mal in Serie unverzichtbarer Helfer von Gesamtsieger Tadej Pogacar. Den großen Ruhm, den einst Ullrich, Zabel, Greipel, Kittel oder zuletzt Lipowitz einfuhren, gab es dafür aber nicht.
"Ich würde gerne noch einmal eine Etappe gewinnen. Aber dieses Jahr hat's nicht zugelassen", sagte Politt.

"Es gibt einfach nicht mehr so viele deutsche Weltklasse-Fahrer. Die Spitze ist uns ein bisschen davongefahren", sagte Sprinter Phil Bauhaus, der auch bei seiner vierten Teilnahme leer ausging.
Politt und andere Fahrer wie Nico Denz (Red Bull-Bora-hansgrohe) sind als Helfer in ihren Weltklasse-Teams eingespannt.
Die deutschen Fans aber – die unter anderem im Elsass wieder zu Abertausenden die Straßen säumten – lechzen nach einem Erfolgserlebnis.

Verletzung von Lipowitz trifft Deutschland hart
Denn spätestens nach Lipowitz' Schlüsselbeinbruch war praktisch klar, dass es in diesem Jahr weder etwas wird mit einem Tagessieg, noch mit einer Topplatzierung im Gesamtklassement.
Die Sprinter haben ihre Chancen wieder einmal nicht genutzt. Marcel Kittel sorgte 2017 für den letzten Tour-Erfolg durch einen deutschen Sprinter – sein Erfolg in Pau markierte das Ende einer deutschen Ära, in der nach dem Vorbild von Sprint-Übervater Erik Zabel die Generation Kittel und André Greipel fast nach Belieben auf Flachetappen triumphierte.
Kanter macht leise Hoffnung
Ja, der schnelle Max Kanter war bei seiner Debüt-Tour mit einem zweiten und einem vierten Platz ein paar Mal nah dran. Doch im Duell mit Top-Sprintern wie Tim Merlier fehlte ihm die Endgeschwindigkeit.

Sein Sprinter-Kollege Bauhaus zweifelte nach mehreren verpassten Top-10-Platzierungen derweil sogar an einer weiteren Tour-Teilnahme. "Das sind keine Ergebnisse, bei denen man sagen kann: An mir kommt man nächstes Jahr nicht vorbei."
Und der Rest? Für Georg Zimmermann, der immer wieder als Helfer aufgerieben wurde und den am Ende stark fahrenden deutschen Meister Felix Engelhardt war mehr als das mutige Mitfahren in einer Spitzengruppe nicht drin.
