Jódar und Landaluce: Spaniens Tennis-Nachwuchs im Schatten von Carlos Alcaraz

Rafael Jódar in Rom
Rafael Jódar in RomTIZIANA FABI / AFP

Ohne Carlos Alcaraz muss Spanien bei diesen French Open neue Identifikationsfiguren finden. Für die beiden Madrilenen Rafael Jódar und Martín Landaluce bietet sich nun die perfekte Bühne, um den nächsten großen Karriere-Schritt zu machen.

Rafael Jódar – Eine echte Versprechung

Sein Vorname weckt Erinnerungen an die glorreichsten Epochen an der Porte d'Auteuil. Sein Nachname klingt fast wie ein Ausruf. Rafael Jódar ist das jüngste Juwel einer stolzen Tennisnation, die sich seit über zwei Jahrzehnten wahrlich nicht über mangelnden Nachwuchs beklagen kann. Als der Madrilene geboren wurde, hatte Rafael Nadal bereits zweimal in Roland Garros triumphiert. Jódar ist mit dem Blick auf diese Legende aufgewachsen – und falls es noch eines zusätzlichen Ansporns bedurft hätte, zeigt ihm nun Carlos Alcaraz den Weg.

Sogar von Toni Nadal gab es bereits den Ritterschlag: In einem Interview mit Men's Health adelte er ihn als "den Besten der neuen Generation". Mit seinen 19 Jahren hat Jódar einen kometenhaften Aufstieg auf der Tour hingelegt. Innerhalb kürzester Zeit wandelte er sich vom unbeschriebenen Blatt, das sich durch Challenger- und Vorbereitungsturniere kämpfte, zum Top-10-Schreck und ernsthaften Prüfstein für Jannik Sinner. Er agiert mit enormem Selbstvertrauen und reift von Turnier zu Turnier.

Nachdem er die Saison 2026 noch in den Qualifikationsrunden beginnen musste, reist er mittlerweile als Nummer 27 der Setzliste nach Paris. Seine jüngsten Sandplatz-Resultate sprechen Bände: Turniersieg beim ATP 250 in Marrakesch, Halbfinale beim ATP 500 in Barcelona sowie die Viertelfinal-Teilnahmen bei den Masters-Events in Madrid und Rom.

"Ich versuche einfach, bei jedem Turnier mein Spiel durchzuziehen. Wenn es mal nicht klappt, akzeptiere ich das", erklärte er am Freitag beim Medientag, stilecht im Trikot der Roja mit dem Flock von Nationalspieler Rodri auf dem Rücken. "Dieser Spielstil hat mich erst hierher gebracht. Wenn ich auf dem Platz Spaß habe und mein Bestes gebe, bin ich hier in Paris absolut zufrieden."

Trotz Platz 29 in der Weltrangliste wirkt Jódar wie der Junge von nebenan. Als Sohn von Lehrern wählte er den klassischen Bildungsweg über ein öffentliches Gymnasium statt einer elitären Sportschule. Ein Teenager, der in Paris zur echten Gefahr werden kann. Auch wenn ein Grand Slam mental wie physisch eine völlig andere Dynamik besitzt, meinte es die Auslosung gut mit ihm: In seinem Viertel ist mit der Nummer 7 der Setzliste, Taylor Fritz, bereits ein dicker Brocken vorzeitig ausgeschieden.

Martín Landaluce – Nichts zu verlieren

Mit gerade einmal 16 Jahren gewann er die Junioren-US-Open und feilt seither in Manacor an der Rafa Nadal Academy an seiner Karriere: Martín Landaluce steht schon lange auf den Notizzetteln der Experten und biegt nun langsam auf die Zielgerade seiner Entwicklung ein.

Ähnlich wie Jódar startete auch er seine Saison in der australischen Qualifikation. Der endgültige Durchbruch gelang ihm beim Masters in Indian Wells. Nach dem Sprung ins Hauptfeld räumte er nacheinander Marcos Giron, Luciano Darderi, Karen Khachanov und Sebastian Korda aus dem Weg, ehe er sich im Viertelfinale erhobenen Hauptes Jiri Lehecka geschlagen geben musste.

Die anschließende Sandplatzsaison glich einer Achterbahnfahrt (Halbfinale beim Challenger in Monza, gefolgt von frühen Niederlagen gegen Lorenzo Musetti in Barcelona und Adam Walton in Madrid sowie einem Zweitrunden-Aus beim Challenger in Aix). Doch das Masters-Turnier in Rom wurde zu einer perfekten Symbiose aus Tennis-Märchen und Talentbeweis: Als Lucky Loser schaltete er Marin Cilic, Mattia Bellucci und Hamad Medjedovic aus, bevor er Daniil Medvedev im Viertelfinale über drei Sätze alles abverlangte.

Abseits des Platzes studiert Landaluce Betriebswirtschaft an der Universität La Rioja, liest die philosophischen Werke Senecas und verzichtet komplett auf Social-Media-Apps auf seinem Smartphone. Um Sport und Ausbildung zu vereinbaren, streckt er sein Studium auf acht statt der üblichen vier Jahre.

"Wenn man erfolgreich spielt, ballen sich die Matches, Hausaufgaben und Online-Prüfungen – das kostet extrem viel Energie. Allein für Gruppenprojekte die Kommilitonen zu koordinieren, ist unheimlich zeitaufwendig und fordernd. Manchmal ist es hart, aber an freien Tagen versuche ich einfach, drei oder vier Stunden am Stück aufzuholen."

Seine French Open wären bereits ein voller Erfolg, sollte er die dritte Runde erreichen – dort würde laut Setzliste wohl Jannik Sinner warten. Zuvor könnte es in der zweiten Runde zum Duell mit Corentin Moutet kommen; ein Match, das in der Pariser Kulisse eine hochemotionale Atmosphäre verspricht.