Aufmerksamen Beobachtern dürfte ein Detail nicht entgangen sein: Rybakina bestritt den Großteil des Turniers in einem auffälligen gelben Outfit – fast schon eine Anspielung auf den Radsport, wo die führende Kraft der Tour de France im Gelben Trikot fährt.
Auch in Flushing Meadows stand die Jagd nach dem Thron im Mittelpunkt. Der Kampf um die Nummer eins war während des gesamten Turniers das beherrschende Thema der Damenkonkurrenz – schließlich hatte Aryna Sabalenka die Rangliste zuvor 99 Wochen lang ununterbrochen angeführt. Rybakina nahm die Herausforderung an: Zu Beginn noch weitgehend unter dem Radar unterwegs, rückte sie von Runde zu Runde mehr in den Fokus und meisterte den Druck bravourös.
"Als ich hierherkam, habe ich damit überhaupt nicht gerechnet. Ich hatte zuvor noch mit einer kleinen Verletzung zu kämpfen. Aber irgendwie hat am Ende einfach alles gepasst", gestand sie im Anschluss.
Schlüsselmomente
Rybakina vs Zheng 3-6, 6-1, 6-4
Nach vier souveränen Siegen ohne Satzverlust wartete im Viertelfinale eine echte Reifeprüfung. Gegen die unberechenbare Chinesin – die im Laufe des Jahres zwar über 100 Ränge eingebüßt hatte, als Olympiasiegerin aber stets gefährlich blieb – stand für Rybakina viel auf dem Spiel: Sie wusste, dass ein Sieg den Sprung an die Weltspitze bedeutete.
Nach verlorenem Auftaktsatz stellte sie ihr Spiel um, agierte zunehmend präziser wie aggressiver und drehte die Partie souverän. Die Erleichterung nach dem geschafften Comeback war riesig.
"Ich war extrem nervös und habe nicht mein bestes Tennis gespielt. Umso glücklicher bin ich, dass ich es trotzdem geschafft habe. Ich bin einfach stolz auf mich", erklärte Rybakina gelöst nach ihrem erstmaligen Aufstieg zur Nummer eins der WTA-Welt.
Rybakina vs Gauff 3-6, 6-4, 6-4
Im Halbfinale musste sich Rybakina nicht nur gegen Coco Gauff, sondern auch gegen das lautstarke Heimpublikum behaupten. Erneut geriet sie durch einen Satzverlust ins Hintertreffen, bewahrte jedoch die Ruhe. Sobald die Kasachin ihren Rhythmus gefunden hatte und der erste Aufschlag verlässlich kam, verpuffte Gauffs Gegenwehr zusehends.
Im entscheidenden Durchgang glänzte Rybakina mit einer Erstaufschlagquote von 87 Prozent, setzte aber auch beim Return und in der kompromisslosen Defensive die entscheidenden Akzente.
"Es war ein extrem enger dritter Satz. Ich hatte das Gefühl, bei ihrem Aufschlag hier und da das nötige Quäntchen Glück zu haben", gab sie sich nach dem Match gewohnt bescheiden. Damit dämpfte sie die Hoffnungen des US-Publikums, war Gauff doch die letzte verbliebene Amerikanerin im Feld gewesen.
Rybakina vs Sabalenka 6-4, 5-7, 6-2
Und zum dritten Mal hieß es: Dreisatz-Krimi. Das Finale bot ein packendes Duell zweier Kontrahentinnen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten – die eiskalte Strategin trifft auf ihre impulsive, hochemotionale Rivalin. Es war ein Hochklasse-Match der beiden derzeit besten Spielerinnen der Welt.
Während Sabalenka viele Ballwechsel durch überstürzte Aktionen verschenkte, behielt Rybakina selbst nach dem Ausgleich im zweiten Satz die Nerven. Mit unerschütterlichem Pokerface wartete sie geduldig auf die Fehler der Gegnerin.
Zwei Breaks im dritten Satz ebneten schließlich den Weg zu einem erstaunlich abgeklärten Matchgewinn. Sabalenka verpasste damit das New-York-Triple und zertrümmerte vor der Siegerehrung frustriert ihren Schläger.
Rybakina hingegen untermauerte ihren Ausnahmestatus: Es war bereits ihr zehnter Sieg (bei einer 10:8-Bilanz) gegen eine amtierende Weltranglistenerste. Eine solch positive Bilanz können in dieser Kategorie neben ihr nur Steffi Graf und Serena Williams vorweisen.
Schlüsselzahlen
3 - Es war bereits Rybakinas dritter Grand-Slam-Titel – und jeder einzelne gelang auf einem anderen Belag bzw. Schauplatz: Nach Wimbledon 2022 und Melbourne im Januar folgte nun die Trophäe in New York. Bemerkenswert: Sie ist die erste Spielerin der Open Era, die ihre ersten drei Grand-Slam-Erfolge jeweils über die volle Distanz von drei Sätzen errang.
24–4 - Dass Rybakinas Spiel prädestiniert für Hartplatz ist, war bekannt. Ihre Bilanz auf den Freiluft-Hartplätzen Nordamerikas las sich in diesem Jahr jedoch schlicht herausragend: Von 28 Partien gewann sie 24. Neben den Finaleinzügen in Indian Wells und Kanada sowie dem Halbfinale in Miami markierte ein Viertelfinale in Cincinnati ihr "schlechtestes" Ergebnis. Der Triumph bei den US Open war das folgerichtige Ausrufezeichen hinter ihrer Dominanz auf diesem Belag.
54 - Auf dem Weg zum Titel servierte Rybakina insgesamt 54 Asse in sieben Matches. Doch es waren nicht nur die unerreichbaren Aufschläge: Kam ihr erster Aufschlag ins Feld, entschied sie den Ballwechsel in der überwältigenden Mehrheit der Fälle für sich (206 von 254 Punkten). Lediglich Alycia Parks verzeichnete eine noch höhere Quote (83 %), schied allerdings schon in der ersten Runde aus.
Bis zu diesem Jahr wollte es für Rybakina bei den US Open nie so recht klappen – bei sieben Teilnahmen kam sie nur ein einziges Mal über die dritte Runde hinaus. Doch diesmal überzeugte sie in Flushing Meadows auf ganzer Linie.
Womöglich gab auch der zusätzliche Anreiz den Ausschlag, mit dem Erreichen des Halbfinals den Thron der Tenniswelt zu besteigen.
"Ich komme jetzt seit fast zehn Jahren hierher, war aber nie wirklich erfolgreich. Gar nicht. Umso unglaublicher ist dieser Moment für mich. Ich verliebe mich mit jedem Tag mehr in New York", strahlte sie bei der Pokalübergabe. Mission vollbracht.
