Im Frühsommer 2024 war die Fußballwelt beim FC St. Pauli vollkommen. Der Klub hatte gerade den Aufstieg in die Bundesliga eingetütet, Jackson Irvine tanzte ekstatisch durch die Kabine, und der ganze Kiez lag seinem Publikumsliebling zu Füßen. Gut zwei Jahre später aber ist man zurück in der zweiten Liga - und die einstige Traum-Ehe mit dem australischen Kapitän? Geschieden.
"Wir danken Jacko für den Einsatz in den vergangenen Jahren und wünschen ihm sowie seiner Familie für die Zukunft alles Gute." Mit diesen Worten wurde Irvine, dieser prägendste Spieler der jüngeren Vereinsgeschichte, von Sportchef Andreas Bornemann in Richtung Japan verabschiedet. Der Herzschmerz, den viele Fans dieser Tage empfinden, er war aus diesen Zeilen nicht herauszulesen. Aus Klubsicht stellte der Transfer nach einer komplizierten Saison schließlich die wohl beste Lösung dar.
Er habe nach seinem Urlaub "sehr schnell gesagt, dass er den Verein verlassen will", bestätigte Trainer Marcel Rapp, der "nur Positives" aus den wenigen Gesprächen mit Irvine mitgenommen habe: "Wir sind uns sehr offen und ehrlich begegnet. Er hat hier seine Spuren hinterlassen. Aber wir können auch ohne Jackson Irvine erfolgreich sein."
Und so kommen die Hamburger vor dem Zweitliga-Auftakt gegen Greuther Fürth am Sonntag (13.30 Uhr/Sky) im gänzlich neuen Gewand daher. Rapp hat vom glücklosen Alexander Blessin den Platz an der Seitenlinie, David Nemeth von Irvine die Regenbogenbinde übernommen, und auch sonst ist vieles anders.
Match-Center: FC St. Pauli vs. Greuther Fürth
Rapp soll Offensivfußball auf den Kiet bringen
Weitere Leistungsträger wie Torhüter Nikola Vasilj, Hauke Wahl, Karol Mets und Andreas Hountondji haben die Mannschaft verlassen. Der schwedische Nationalspieler Eric Smith könnte folgen. Im Gegenzug wechselten etwa Offensiv-Allrounder Branimir Hrgota vom Auftaktgegner aus Fürth und der isländische Nationalspieler Gisli Thordarson ans Millerntor. Ein klarer Aufstiegskandidat ist St. Pauli mit dem aktuellen Kader gewiss nicht.
"Es ist die ausgeglichenste Liga in Europa. Es wäre daher völlig vermessen, da reinzugehen und zu sagen, wir werden wieder aufsteigen", sagte auch Präsident Oke Göttlich im NDR, aber: "Wir wollen oben mitspielen, und wir sind uns bewusst, dass wir das können."
Fast sicher ist, dass es für die Fans der schwächsten Offensivmannschaft der abgelaufenen Bundesligasaison (29 Tore) wieder mehr Grund zum Jubeln geben wird. Wegen der schwächeren Gegner zum einen, aber auch wegen des Trainers. Rapp, zuvor jahrelang erfolgreich in Kiel, liebt den Offensivfußball. Und er soll ihn nun den Hamburgern injizieren.
Rapps frühzeitige Verpflichtung passt ins Bild der umsichtigen Arbeit der Führungsriege. Auch Irvines Abgang hätte schließlich das Potenzial besessen, schmutziger zu verlaufen. Im vergangenen Sommer hatte die Traum-Beziehung zwischen dem "ikonischen Kapitän" (Göttlich) und dem Verein, dessen Werte er lange wie kein Zweiter vertreten hatte, erstmals Risse offenbart.
Die strikte Haltung des Australiers zum Nahost-Konflikt sorgte für Unmut bei Teilen der Fanszene. Nach einer sportlich enttäuschenden Saison und dem Abstieg verärgerte Irvine dann auch die Bosse mit seiner öffentlich geäußerten Kritik. Zum offenen Bruch aber kam es nicht. Und so beginnt nun für beide Seiten ein neues Kapitel.
