Silber-Heldin Emma Aicher konnte sich gar nicht mehr retten vor lauter Umarmungen. Kira Weidle-Winkelmann warf sich dem neuen deutschen Ski-Shootingstar immer wieder voller Dankbarkeit um den Hals, auch Rodel-Legende Felix Loch legte alle Zurückhaltung als Edel-Fan ab. Beide wussten, dass Platz zwei in der Team-Kombination bei den Winterspielen von Mailand vor allem Aichers Coup war.
"Es war eine Achterbahn"
"Emma hat einen richtig geilen Slalom gefahren und zu 100 Prozent abgeliefert, ein Wahnsinnstag", jubelte die überglückliche Weidle-Winkelmann, die mit einer soliden Abfahrt und Rang sechs in Cortina d'Ampezzo den Grundstein gelegt hatte. Auf dem Weg zur Medaillenzeremonie zeigte die 29-Jährige auf Aicher, die schon in der Spezialabfahrt am Sonntag Silber gewonnen hatte.
Sie sei, sagte die 22-Jährige, "noch nie so nervös" gewesen, wie bei der Kombi-Abfahrt von "KWW". In ihrem eigenen Rennen aber zeigte sie die gewohnte Coolness und fuhr stoisch ruhig die Top-Zeit im Slalom. "Ich finde es richtig cool", sagte sie im ZDF: "Man hat sonst nie dieses Team-Feeling, es ist eine schöne Abwechslung, das mit Kira zu schaffen."
Im Ziel fuhr Aicher ihrer Mitstreiterin mit einem breiten Grinsen in die Arme, doch ihrer Aufholjagd ging erst mal das große Zittern los. Weil die Konkurrenz reihenweise patzte, reichte es aber zur ersehnten Medaille. Dass nur 0,05 Sekunden zu Gold fehlten, das sensationell an Ariane Rädler und Katharina Huber aus Österreich ging, schien die beiden nicht zu stören.
"Wahnsinn, unglaublich", jubelte Weidle-Winkelmann, "das hätte ich nicht gedacht." Ihr Puls sei "noch nie so hoch" gewesen wie bei Aichers Slalom-Lauf, "es war eine Achterbahn, sehr emotional alles".
Aicher gelingt Aufholjagd
Denn mit Platz zwei war nicht zu rechnen, als am Ende noch Slalom-Queen Mikaela Shiffrin ganz oben stand. Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson hatte die Weltmeisterinnen als Führende in die Entscheidung geschickt, doch Weltcup-Dominatorin Shiffrin verlor wie in Peking 2022 die Nerven - gesamtrang vier. Sie war eine Sekunde langsamer als Aicher.
Das deutsche Multitalent hatte vor einer schweren Aufgabe gestanden: Der Rückstand auf Silber betrug nach der Abfahrt noch 0,68 Sekunden. Doch Weidle-Winkelmann war da schon optimistisch: "Das ist eine ganz gute Ausgangsposition für die Emma."
Die Speed-Spezialistin war sieben Hundertstelsekunden langsamer gewesen als in der Spezialabfahrt, in der sie Platz neun belegt hatte. "Es war eine ganz solide Leistung", sagte sie, ebenfalls beseelt vom Teamgedanken: "Man hat immer im Hinterkopf: Man fährt für Deutschland - und es geht um Medaillen."
Was sie Aicher für die Entscheidung rate? "Möglichst wenig, weil ich keine Ahnung von Slalom habe. Ich vertraue Emma zu hundert Prozent, sie ist eine der besten Slalomfahrerin der Welt."
Das bewies Aicher eindrucksvoll - und es muss nicht ihre letzte Erfolgsfahrt gewesen sein. Am Donnerstag gehört sie im Super-G ebenso zum Kreis der Favoritinnen wie am 18. Februar im Slalom. "Ich freue mich darauf", sagte sie, "ich nehme es Tag für Tag."
