Nach ein paar Spaßgetränken und einer unruhigen Nacht war Philipp Raimunds gröbster Ärger verraucht. Am Morgen nach dem fragwürdigen Abbruch-Spektakel im finalen Wettbewerb von Predazzo absolvierte der Skisprung-Olympiasieger noch ein schnelles Fotoshooting mit der Goldmedaille, dann ging es schnurstracks heim. Mit viel Stolz, aber auch gemischten Gefühlen.
"Es war ein Scheiß-Ende", sagte Raimund gewohnt undiplomatisch nach der um 16 Zentimeter verpassten Bronzemedaille im vorzeitig und zu Ungunsten des deutschen Duos abgepfiffenen Super-Team-Wettbewerbs: "Ich bin sehr unglücklich über das Ergebnis."
DSV-Team nicht einverstanden mit Abbruch
In jedem der drei Durchgänge hatte der Oberstdorfer die Schwächen seines Teamkollegen Andreas Wellinger wettgemacht, im Finale das DSV-Duo per Traumflug mindestens auf Bronzekurs gebracht. Bei immer stärkerem Schneefall war Raimunds Sprung aber der letzte unter regulären Bedingungen, der folgende Pole Kacper Tomasiak blieb schon chancenlos. Wenig später unterbrach die Jury - zu Recht. Und brach kurz darauf ab - zu Unrecht?
Das sahen die Deutschen so, die sich - gewertet wurde der Stand nach dem zweiten Durchgang mit Norwegen 0,6 Punkte vor dem DSV-Duo - um die Medaille gebracht sahen. Zumal 15 Minuten nach Abbruch wieder einwandfreie Bedingungen herrschten. "Ich bin richtig, richtig sauer. Alle Wetter-Apps haben angezeigt, dass nach zehn Minuten der Schneefall aufhört", schimpfte Sportdirektor Horst Hüttel: "Wieso kann keiner warten?"
Hüttel ist freilich erfahren genug, um die Frage selbst zu beantworten. Anders als im Weltcup oder bei einer WM in Selbstverantwortung unterliegt Skispringen bei Olympia einem strengsten Zeitregime. Verzögerungen, die man bei Weltmeisterschaften hinnehmen würde, passen den TV-Anstalten, vornehmlich dem reichlich investierendem US-Sender NBC, der seine Sendungen minutiös durchchoreographiert, nicht ins Bild.
"Wir haben nur begrenzte Fernsehzeit, und man weiß nie genau, wie lang man warten müsste", sagte Weltverbands-Spartenchef Sandro Pertile achselzuckend. Die Sportler, das wird in Italien fast täglich deutlich, befinden sich recht weit unten in der olympischen Nahrungskette.
"Ende gut, nichts gut"
Abbruch ist Abbruch, daran lässt sich nichts mehr ändern. Ändern muss sich aber einiges nach dem schlechtesten Olympia-Ergebnis seit 2010 im deutschen Skisprung-Team. "Wir haben gekämpft. Und wir haben etwas gewonnen", sagte Hüttel. Denn rechnet man Alleinunterhalter Raimund heraus, ist das Gesamtbild bedenklich: Kein Top-10-Platz der drei weiteren Männer, die Frauen keinmal auch nur in Medaillennähe.
Während die Frauen aber mit Selina Freitag (24), Agnes Reisch (26) und vielen Talenten für den kommenden Olympia-Zyklus perspektivisch gut aufgestellt sind, sieht es bei den Männern prekär aus. Raimund (25) ist zweifelsohne die Führungsfigur Richtung Winterspiele 2030, auch Wellinger (30) und Felix Hoffmann (28) bleiben an guten Tagen Weltklassespringer. Doch das ist wenig, um dauerhaft zu reüssieren.
"Ende gut, nichts gut", sagte der scheidende Bundestrainer Stefan Horngacher nach dem traurigen Ausgang seines letzten großen Wettkampfs. Dass es nicht so düster weitergeht, liegt nun an Horngachers Nachfolger. Der könnte Thomas Thurnbichler heißen, der 36 Jahre alte Innsbrucker hat ein Händchen für den Nachwuchs, trainiert derzeit den deutschen B-Kader.
"Er ist ein sehr interessanter Mann, ein toller Trainer mit toller Persönlichkeit", sagte Hüttel im ZDF. Auch im Zorn muss der Blick nach vorne gehen.
