"Chaotisch", "künstlich" - "schrecklich?" Formel 1 wird zum Mario Kart

Die Formel-1-Motoren präsentieren sich dieses Jahr im neuen Gewand.
Die Formel-1-Motoren präsentieren sich dieses Jahr im neuen Gewand.REUTERS/Hamad I Mohammed

Charles Leclerc drückte den Knopf, und plötzlich war er mittendrin - in einem Nintendo-Spiel. "Das ist wie der Pilz bei Mario Kart!", rief er in den Funk, und der Ferrari-Pilot war am Rennsonntag in Melbourne nicht der einzige mit dieser Eingebung. Denn wer an der Konsole den Pilz einsammelt, der saust rasend schnell davon. Und wer in der Formel 1 den Überholknopf drückt, der kommt spielend leicht am Gegner vorbei.

Diese neue Faktenlage mussten sie erstmal verdauen in der Königsklasse, das Rennerlebnis mit den neuen Hybridmotoren ist ein völlig anderes. Auch Max Verstappen hatte beim Saisonauftakt in Australien "Szenen wie bei Mario Kart" gesehen, meinte das aber weniger freundlich.

Die neuen Power Units spalten die Formel 1 schon jetzt, sie sind ja auch ein wahrer Stilbruch: Noch immer liefern sie etwa 1000 PS, 475 davon kommen nun allerdings aus einem Elektromotor. Dieser bezieht die Energie aus einem Akku, der immer wieder aufgeladen werden muss.

Zahl der Überholmanöver explodiert

Und das verändert für die Fahrer alles. Denn zwar lädt die Batterie bei jedem Bremsvorgang, das allein reicht aber nicht. So ist es jetzt notwendig, in eigentlich schnellen Kurven oder am Ende langer Geraden vom Gas zu gehen und dadurch zu laden - damit der Elektromotor in der Folge nicht plötzlich bei voller Fahrt streikt.

Der Überholknopf wiederum bringt noch mal einen zusätzlichen Schub, den nur der jeweilige Hintermann im Zweikampf nutzen darf. Er ist unheimlich wirkungsvoll. In Australien lieferten sich nicht nur Sieger George Russell und Leclerc zahlreiche wechselseitige Manöver.

Der ständige Blick auf den Akkustand und die Möglichkeit des Overtake Mode werden "den Ansatz ändern, wie wir Rennen fahren und überholen", sagt Leclerc: "Früher ging es darum, wer später bremst. Jetzt ist alles viel strategischer."

Die Kritiker sind im Fahrerlager zahlreich. "Chaotisch" seien die vielen Positionswechsel, sagt Verstappen. Es waren dreimal so viele wie in Melbourne 2025 - das aber nicht, weil das "Racing" nun besser sei, findet Lando Norris: "Es ist einfach nur künstlich."

Norris und Stella noch nicht überzeugt

Das ist aber nicht die größte Sorge des Weltmeisters. Er sieht echte Gefahren durch die neuen Antriebe. Denn breche plötzlich der Elektroanteil weg oder nutze jemand unvermittelt den Überholknopf, "dann haben wir plötzlich 50 km/h Unterschied. Und wenn man sich dann trifft, dann fliegst du, dann fliegst du über den Zaun und fügst dir und vielleicht anderen viel Schaden zu. Das ist ein ziemlich schrecklicher Gedanke."

Auch sein Teamchef findet die Geschwindigkeitsunterschiede "unvorhersehbar. Wir sollten nicht zufrieden sein, nur weil dieses Mal nichts passiert ist", sagt Andrea Stella.

So richtig positiv äußerten sie sich eigentlich nur bei Mercedes. Die Silberpfeile haben offenbar die beste Power Unit gebaut, durch Russell und Kimi Antonelli gelang ein Doppelsieg. Erinnerungen an 2014 werden wach, als Mercedes unter grundlegend neuem Motoren-Reglement plötzlich für Jahre unschlagbar war.

Bei der Konkurrenz will man sich aber gar nicht abfinden mit dem Status quo, fordert Reglementanpassungen, die "normaleren" Rennsport ermöglichen. "Ich liebe Racing, und ich will, dass es besser ist als das hier", sagt Verstappen: "Ich hoffe, dass uns noch in diesem Jahr etwas einfällt."