Auf dem Papier liest sich Philadelphias Starting Five furchteinflößend: Zwei ehemalige MVPs und ein früherer Finals-MVP stehen gemeinsam auf dem Parkett. Doch in der "City of Brotherly Love" weiß man aus bitterer Erfahrung, dass Reines Talent noch keinen Pokal garantiert. Von Charles Barkley über Allen Iverson bis hin zu Joel Embiid hat Philly schon viele NBA-Ikonen erlebt – der ganz große Triumph blieb jedoch seit 1983 aus.
"Unter den Fans in Philly herrscht deshalb immer eine gewisse Skepsis", erklärt Rob Nero, ein lokaler Künstler, dessen Grafitti-Porträts der Sixers-Stars viele Hauswände der Stadt zieren. "Wir sind es gewohnt, dass große Hoffnungen am Ende enttäuscht werden. Aber das hält uns nie davon ab, mit voller Leidenschaft hinter unseren Teams zu stehen."
Wie groß die Euphorie ist, zeigte sich beim ausverkauften Vorbereitungsspiel in der Xfinity Mobile Arena, wo die Fans bereits die ersten glanzvollen Momente feierten. "Als Team haben sie mich zwar schon oft enttäuscht, aber meine Liebe zu ihnen ist bedingungslos", sagt Laurie Ney, die das Spiel zusammen mit ihren beiden Yorkshire-Terriern verfolgte – alle drei im passenden Sixers-Trikot.
Sportlich dominiert in Philadelphia traditionell das Grün der Eagles aus der NFL. Noch im vergangenen Jahr hätte Matthew Merovitz die Baseballer der Philadelphia Phillies auf Platz zwei der städtischen Beliebtheitsskala eingeordnet. Doch das hat sich geändert: "Blickt man auf die aktuelle Saison und die Form der anderen Teams, stehen die Sixers in der Stadt ganz klar an der Spitze", betont der junge Mann im Sixers-Dress.
Ein Erfolgserlebnis der Basketballer käme der Sportstadt derzeit wie gerufen: Die Phillies schieden früh in den MLB-Playoffs aus, die Eagles kassierten zuletzt vier Niederlagen in Folge und müssen vorerst auf ihren verletzten Star-Quarterback Jalen Hurts verzichten, während die Flyers in der NHL das Schlusslicht der Eastern Conference bilden.
Parallelen zu Meisterteam 1983?
Die zentrale Frage lautet nun, ob die Star-Ansammlung auf dem Court auch als Einheit funktioniert. "In der Preseason gab es schon sehr vielversprechende Ansätze, besonders von Jaylen Brown und VJ Edgecombe", beobachtet Nero. Da sich noch keine klare Hierarchie herausgebildet hat, setzen viele Fans auf Brown, der in einem spektakulären Trade aus Boston geholt wurde.
"Hier treffen extrem viele hochkarätige Einzelspieler aufeinander", meint der über siebzigjährige Brian Yoder, der sich noch gut an die Meisterschaft der Sixers um Julius Erving und Moses Malone erinnert. "Sie müssen jetzt schlichtweg als Mannschaft zusammenwachsen."
Auch das Meisterteam von 1983 war vor der damaligen Saison neu formiert worden, als der amtierende MVP Moses Malone nach Philadelphia wechselte. "Sie haben damals perfekt zusammengefunden", erinnert sich Yoder. "Genau das hat sie so stark gemacht."
Clemon Johnson, einer der Helden von 1983, hält eine Wiederholung der Geschichte für möglich: "Ich freue mich schon darauf, im nächsten Jahr zuzusehen, wie das neue Meisterschaftsbanner unter das Hallendach gezogen wird", sagte er der AFP.
Sollte King James die Herzen der Fans in Philadelphia endgültig erobern wollen, zählt allerdings nur der Titel. Für die meisten Anhänger thront dort nämlich immer noch der legendäre Point Guard Allen Iverson, der die Sixers 2001 unvergesslich ins Finale führte.
Elijah Davis, Verkäufer im Vintage-Trikotgeschäft Mitchell & Ness, bringt den Druck auf den Punkt: "Der Zweijahresvertrag von LeBron steckt den Rahmen ab. Wenn wir in dieser Zeit nichts gewinnen ... nun ja, das Team stünde zwar nicht vor dem Ruin, aber ein Umbruch wäre unvermeidbar."
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