Zwar lassen sich bei Marokkos Spielen durchaus emotionale Momente beobachten: Wenn in den Cafés von Marrakesch Tische klappern und Jubel durch die Straßen zieht, dann atmet das Land kollektiv auf. Doch diese Freude wirkt weniger wie Begeisterung als vielmehr wie Erleichterung. Marokko muss diesen Afrika-Cup gewinnen – alles andere würde den immensen Aufwand kaum rechtfertigen. Ein Triumph wäre der erste seit 1976 und erst der zweite insgesamt.
Abseits des Rasens ist die Stimmung verhaltener. Proteste gegen hohe Stadionausgaben bei gleichzeitigem Mangel an Investitionen in öffentliche Dienstleistungen hallen nach, auch wenn sie zuletzt an Dynamik verloren haben. Viele Marokkaner geben sich gegenüber ausländischen Beobachtern zurückhaltend: neugierig, höflich, aber vorsichtig.
Ein Vergleich mit dem letzten Afrika-Cup in der Elfenbeinküste vor zwei Jahren fällt aufschlussreich aus. Dort war das Turnier ein Volksfest, die Straßen ein Meer aus orangenen Trikots, Fan-Zonen lebendig und voll. In Marokko hingegen bleiben Zuschauerzahlen teils deutlich unter der Stadionkapazität, und auch die offiziellen Fan-Zonen füllen sich vor allem dann, wenn die Gastgeber spielen. Bei Partien anderer Nationen verlieren sich nur wenige Hundert Zuschauer in Arealen, die für Zehntausende ausgelegt sind.
Keine Feststimmung beim "Big-Coat-AFCON"
Sportlich verläuft der Afrika-Cup bislang überraschend geordnet. Wo frühere Turniere für spektakuläre Außenseitersiege und unerwartete Wendungen standen, erfüllen diesmal nahezu alle Teams die Erwartungen. Sensationen bleiben aus, Favoriten stolpern nicht. Die Plätze sind in gutem Zustand, Trainingsbedingungen und Hotels entsprechen höchsten Standards – alles wirkt professionell, kontrolliert, beinahe nüchtern.
Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Gespielt wird im nordafrikanischen Winter, bei kühlen Temperaturen und grauem Himmel. Farbe, Energie und Leichtigkeit, die ein Sommerturnier mit sich bringt, fehlen. Der Begriff vom „Big-Coat-AFCON“ macht die Runde – sinnbildlich für ein Turnier, das sich warm anzieht, statt sich fallen zu lassen.
Noch sind mehr als zwei Wochen bis zum Finale am 18. Januar. Viel kann sich ändern. Doch sollte die bisherige Ordnung bestehen bleiben, scheint eines klar: Die Bedingungen begünstigen jene Mannschaft, die ohnehin am meisten Qualität hat. Für Marokko ist dieser Afrika-Cup weniger ein Fest als eine Pflichtaufgabe. Und für die Fans droht etwas von der wunderbaren Unberechenbarkeit des Turniers verloren zu gehen.
