Erst wetterte Merlin Polzin direkt nach Abpfiff im dichten Breisgauer Schneetreiben, doch auch später im Warmen konnte sich der Trainer des Hamburger SV kaum beruhigen. "Jeder kann sich vorstellen, dass es in uns brodelt - auch wenn wir versuchen, hanseatisch cool zu bleiben", leitete Polzin nach dem 1:2 (0:0) beim SC Freiburg seine Schimpftirade auf den Schiedsrichter und den Videoassistenten ein. Cool blieb er dabei wahrlich nicht.
"Es ist ein absolutes Unding, eine klare Fehlentscheidung und kaum zu akzeptieren. Es ist mir unerklärlich und um so ärgerlicher, weil wir dadurch das Spiel verlieren", polterte Polzin: "Der Ellbogen ist klar im Gesicht des Spielers. Es ist ein absoluter Kopftreffer. Spätestens der Videoschiedsrichter muss da eingreifen, sonst brauchen wir ihn nicht."
Unparteiischer sieht keinen Fehler
Die Aufregung Polzins resultierte aus der Szene direkt vor dem entscheidenden Treffer der Freiburger durch den eingewechselten Igor Matanovic (83.). Bei einem Kopfballduell wurde der Hamburger Jordan Torunarigha vom Freiburger Johan Manzambi mit dem Ellbogen getroffen. Der Pfiff von Schiedsrichter Timo Gerach (Landau) blieb aber ebenso aus wie ein Veto des Videoassistenten Arne Aarnink (Herdecke).
Gerach verteidigte die Entscheidung. "Ich nehme wahr, dass der Stürmer die bessere Position zum Ball hat. Der Abwehrspieler kommt von hinten. Es gibt irgendwo einen Kontakt, aber für mich ist und war das alles fußballtypisch", sagte der Pfälzer bei DAZN: "Ich sehe keine Schlagbewegung, das habe ich nicht wahrgenommen. Das sehe ich auch nicht in den Bildern, und deshalb ging es für mich weiter."
Polzin wiederum brachte diese Einlassung noch mehr auf die Palme. "Es fehlt mir an der Stelle, Fehler zu akzeptieren", sagte der Coach: "Wir können alles schönreden und Erklärungen finden."
Schiedsrichter-Boss Knut Kircher sprach im ZDF von einer "grenzwertigen Situation". Rudi Völler war eher auf Polzins Seite. "Wenn der VAR eingegriffen hätte, hätte er es abgepfiffen", sagte der DFB-Sportdirektor im Sport1-Doppelpass: "Der Arm war einen Tick zu hoch."
Auswärtsschwäche setzt sich fort
Das Theater änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass der HSV auch ins neue Jahr als Auswärts-Punktelieferant gestartet ist. Wieder einmal mit zehn Mann verlor der Aufsteiger beim Wiederbeginn der Fußball-Bundesliga und wartet seit fast acht Jahren auf einen Erstligasieg in der Fremde. Im ersten Spiel seit dem überraschenden Rückzug des Sportvorstands Stefan Kuntz hatte Daniel Elfadli die Gelb-Rote Karte wegen wiederholten Foulspiels (51.) gesehen - und leitete so die Niederlage ein.

Die Flut von sechs Platzverweisen an den ersten 16 Spieltagen möchte Polzin in jedem Fall eindämmen. "Das sind definitiv zu viele Platzverweise bei uns. Wenn man zu elft als Aufsteiger in der Bundesliga bestehen will, ist das schon schwer genug", gestand der Trainer ein: "Mit einem Mann weniger zu spielen, erhöht nicht gerade die Erfolgs-Wahrscheinlichkeit."
Vincenzo Grifo per Foulelfmeter (53.) und Matanovic (83.) nutzen die Überzahl zugunsten der Freiburger, die seit elf Pflichtspielen zu Hause ungeschlagen sind. Der HSV bleibt in der laufenden Saison das einzige Team ohne Dreier auf gegnerischem Platz. Die Norddeutschen, bei denen der frühere Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und der österreichische Nationaltrainer Ralf Rangnick als Kuntz-Nachfolger im Gespräch sind, holten auswärts bisher nur zwei von 24 möglichen Punkten. Die Führung durch Luka Vuskovic (49.) brachte nichts.
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