USA als Vorbild
Der deutsche Fußball besitze zwar "eine einzigartige Fankultur und eine starke emotionale Bindung", führte der frühere Weltklasse-Torwart weiter aus: "Aber wir sind gleichzeitig zu vorsichtig, wenn es darum geht, den Sport weiterzuentwickeln: zu viel Angst vor Kritik, zu wenig Mut zur Inszenierung. Zu viel Verwaltung, zu wenig Vision."
Gleichzeitig, so Oliver Kahn, "wäre es ein Fehler, zu fordern, Deutschland solle das US-System einfach kopieren". Aber Tradition dürfe auch "nicht dazu führen, notwendige Veränderungen zu blockieren. Der deutsche Fußball muss nicht werden wie der US-Sport. Aber er muss verstehen, warum dieser weltweit so erfolgreich ist – und den Mut haben, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen."

Kahn wünscht sich Sportler mit "Ecken und Kanten"
Auch in Bezug auf die persönliche Entwicklung von Fußballern sieht der ehemalige Stamm-Torhüter von Bayern München in Deutschland viel Potenzial. "In den USA werden Athleten früh als Persönlichkeiten aufgebaut. Selbstinszenierung ist Teil des Systems. Die Sportler haben Profile, Haltung, Ecken und Kanten.
In den Vereinigten Staaten seien sie "nicht nur Leistungsträger, sondern auch Identifikationsfiguren. Daraus entstehen Geschichten – und aus Geschichten entsteht Bindung", sagte der 56-Jährige.
Angst vor Fehlern
Im deutschen Fußball hingegen werde "Individualität weniger gefördert, es geht vor allem um Fehlervermeidung und Kontrolle. Vieles wirkt dadurch professionell, aber auch glatter und berechenbarer."
Doch ohne "markante Charaktere" würden "Emotionen fehlen: "Spieler sind nun einmal Projektionsflächen. Und ohne diese verliert ein Sport an Strahlkraft – gerade in einem globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit."
