Diego Simeone: Vollendet "El Cholo" im Jahr 2026 sein Meisterwerk in Madrid?

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Simeone steht erstmals seit neun Jahren mit Atletico Madrid im Halbfinale der Königsklasse
Simeone steht erstmals seit neun Jahren mit Atletico Madrid im Halbfinale der KönigsklasseAFP

Jose Mourinho, Carlo Ancelotti, Pep Guardiola oder Jürgen Klopp - das sind wohl die ersten Namen, die den meisten Fußballfans einfallen würden, wenn man nach dem besten Coach der aktuellen Ära fragt. Im Schatten dahinter befindet sich ein Mann, der gewagt hat, was die meisten anderen Trainer nicht wagen: Einen "durchschnittlichen" Verein zu übernehmen, diesen zum Erfolg zu führen - und: dem Klub die Treue zu halten. Nach neun Jahren Abwesenheit im Halbfinale der Königsklasse will "El Cholo" 2026 nun vollenden, was ihm bisher verwehrt blieb und mit Atletico Madrid endlich den in der Champions League gewinnen.

Fans dürfen Diego Simeone seit dem Jahreswechsel 2011/2012 als Atletico-Coach und an der Seitenlinie besaunen: körperlich voll investiert, gestikulierend, aggressiv. Doch was für viele wie ein personifiziertes Markenzeichen oder ein Maskottchen erscheint, hat Hand, Fuß und in der Regel einen durchdachten Spielplan.

Simeone hat mittlerweile weit über 700 Spiele und 450 Siege als Manager des Hauptstadtklubs auf dem Buckel. "El Cholo" und Atletico Madrid – das gehört einfach zusammen.

Diego Simeone: Mit Mittelfeldmannschaft zum Titelsammler

Was aber wesentlich schwerer ins Gewicht fällt, sind die tatsächlichen Errungenschaften während seiner Ära: Seit dem Gewinn der LaLiga 1996 schaffte es Atletico vor Simeone nicht ein einziges Mal unter die ersten drei der Liga. Nach Amtsantritt führt der Argentinier sein Team gleich in der ersten vollen Saison auf diesen dritten Gesamtrang. Im weiteren verlauf gelang Simeone der Durchbruch der langjährigen Dominanz des FC Barcelona und Real Madrid: 2014 gewann Atletico die spanische Meisterschaft, 2021 wiederholte man das Künststück nochmals. Überhaupt landete man seit 2012/2013 nur ein einziges Mal außerhalb der Top vier.

Unter dem 56-Jährigen gewann der Klub zudem zwei Mal die Europa League (2012, 2018) und nachfolgend den europäischen Supercup (2013, 2019), jeweils einmal die Copa del Rey (2013) und den spanischen Supercup (2015). Simeone führte seine Mannschaf darüber hinaus zwei Mal ins Finale der Champions League (2014, 2016). Im Finale 2014 war man nur Sekunden entfernt von einem 1:0-Sieg nach 90 Minuten, doch Erzrivale Real Madrid kam zum späten Ausgleich und gewann 4:1 nach Verlängerung.

Gebrochenes Herz: Zwei Mal unterlag Simeone im Champions-League-Finale gegen Real Madrid - beide Male denkbar knapp.
Gebrochenes Herz: Zwei Mal unterlag Simeone im Champions-League-Finale gegen Real Madrid - beide Male denkbar knapp.Profimedia

Ein großer Knick für Simeone und Atletico, denn auch zwei Spielzeiten später unterlag man erneut Real im Finale - diesmal im Elfmeterschießen. Es waren winzige Details, die Simeone zwei Mal zum ganz großen Wurf gefehlt haben. Die ihm fehlen, um ihn unter den ganz großen seines Fachs einzureihen. Denn am Ende zählt man nur die Titel - und da thronen Ancelotti, Mourinho, Pep und Klopp mit ihren Triumphen in der Königsklasse.

Atletico: Der Kleinspender unter den Top-Klubs

Was man allerdings beachten sollte: Während sich andere Top-Trainer zumeist ins "gemachte Nest setzen" und nur absolute Spitzenteams trainieren, stürmte Siemone mit einem durchschnittlichen Team der LaLiga an die Spitze, und hält es dort seit mittlerweile über 15 Jahren.

Wie signifikant der Unterschied der Möglichkeiten zwischen Simeones Atletico und den absoluten internationalen Topklubs ist, lässt sich an den Transferbilanzen ablesen: Seit 2013 weist Atletico hier ein Transferminus von knapp 240 Millionen Euro (Quelle: Transfermarkt) auf. Zum Vergleich: Der FC Barcelona liegt bei über Minus 500 Millionen, selbst Bayern München bei knapp Minus 400 Millionen, Manchester City bei Minus 1,4 Milliarden, United gar bei über 1,6 Milliarden.

Einige Stats zu Diego Simeone
Einige Stats zu Diego SimeoneOpta by StatsPerform // REUTERS/Marcelo Del Pozo

Und genau deshalb kriegt Simeone viel zu selten die Anerkennung, die ihm gebührt. Als "zerstörerisch" und "desktruktiv" wird das Spiel Atleticos in Deutschland gerne verpöhnt. Es muss die Frage gestellt werden, wie eine Mannschaft von Pep Guardiola unter gleichen finanziellen Voraussetzungen spielen würde. Oder anders gesagt: Wie würde sich Diego Simeone bei einem Team mit noch größerer Finanzkraft schlagen?

Die Möglichkeit eines Weggangs schien teilweise einmal gar nicht so unwahrscheinlich. Nach dem Transfer von Joao Felix 2019 war das Vermächtnis von Diego Simeone etwas angeknackst. Der Portugiese kam damals für 127 Milliionen Euro von Benfica und sollte Atletico endültig in den erweiterten Kreis der Großspender befördern, wodurch auch die Erwartunghaltung von Verein, Fans und vor allem Medien wuchs. 

Krönt Simone das Projekt Atletico Madrid im Jahr 2026?

Doch der sportliche Erfolg in Titel-Währung blieb seitdem aus. Simeone blieb dennoch, nach dem Felix-Fauxpass reihte man sich in Sachen Transfers aber eher wieder im Mittelfeld der Champions-League-Teams ein. Die mit Abstand teuerste Verpflichtung von Julian Alvarez zur Saison 2024/25 für 75 Millionen Euro blieb die Ausnahme, seit 2020 schafft man es mit etwas mehr als 680 Millionen Euro gerade so in die europäische Top 15 der Transferausgaben. Zum Vergleich: Die Top 7 um Chelsea, Manchester City und Liverpool liegen allesamt über einer Milliarde, der FC Bayern leicht über Atletico bei 695 Millionen Euro.

Stattdessen setzte man zuletzt wieder auf die alte Taktik punktueller Verstärkungen, wie Robin Le Normand (kam 2024 für 34,5 Millionen Euro von Real Sociedad) oder Ademola Lookman (kam 2025 für 35 Millionen Euro von Atalanta)  – und das zahlt sich zumindest in der Königsklasse aus. In der Saison 2025/26 im Viertelfinale gegen den großen FC Barcelona durch und steht erstmals seit neun Jahren wieder unter den besten vier Mannschaften des Wettbewerbs.

Zum Match-Center: Atletico Madrid vs. Arsenal

Und auch in das Match-up mit dem FC Arsenal wird Simeone einmal mehr mit Herzblut gehen: körperlich voll investiert, gestikulierend, aggressiv. Im Jahr 2026 könnte er sein Werk nun doch noch vollenden - vielleicht ist in diesem Jahr endlich das nötige Quäntchen Glück auf seiner Seite.