Razvan Marin riss die Arme auf, als wolle er zum Flug ansetzen – ein Doppeladler, passend zum Wappen von AEK Athen, das sein Auftaktspiel in der Champions League mit 1:0 gegen den LASK gewonnen hatte. Dieser Sieg ist weit mehr als eine Randnotiz: Er beweist, dass die Griechen in Europa als unbequeme und unberechenbare Kraft auftreten können. Das Ziel lauten die Play-offs, die ersten drei Punkte sind im Sack, und in der griechischen Hauptstadt brennt die Euphorie.
Das traumhafte Freistoßtor des rumänischen Mittelfeldspielers, das bei einem europäischen Topklub sicher viral gegangen wäre, öffnete den Gelb-Schwarzen die Tür zur großen Bühne. Während diese Farbkombination bei Borussia Dortmund vor allem für Tradition steht, bedeutet sie für AEK eine historische und soziologische Verbindung zum Byzantinischen Reich. Im Norden von Athen – dort, wo man bei der letzten Champions-League-Teilnahme 2018/19 noch punktlos aus der Gruppe flog – ist ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Dieser Aufschwung ist das Produkt des Rückenwinds seit der Übernahme durch den griechischen Reeder Marios Iliopoulos vor zwei Jahren. AEK erlebt goldene Zeiten – national wie international.
Enosi als besonderer Teil Athens
Während Piräus fest in der rot-weißen Hand von Olympiacos ist und die wohlhabenderen Viertel eher zu Panathinaikos halten, schlägt das Herz von AEK im alternativen Stadtteil Exarchia – dem Epizentrum des Anarchismus. Hier formierten sich während der Diktatur der Obristen die wichtigsten Studentenproteste, allen voran der Aufstand am Polytechnikum 1973, der das Ende des Regimes einläutete.
Das Viertel ist bis heute mit gelb-schwarzen Graffitis und Doppeladlern übersät. Es ist eine Gegend, in der sich die Gentrifizierung schwertut und in traditionellen Tavernen noch Rebetiko gespielt wird.
Diese Romantik prägt auch die Ultras, die über die Jahre eine ausgeprägt linke, antirassistische und antifaschistische Identität entwickelt haben. Die Wurzeln des Vereins reichen jedoch noch weiter zurück: AEK wurde 1924 gegründet – nur zwei Jahre nach dem Brand, der am 13. September 1922 die christlich-orthodoxen Viertel von Smyrna vernichtete. Der Klub sollte damals weit mehr sein als Sport; er war ein sozialer Anker und Treffpunkt für Tausende vertriebene Griechen. Bis heute ist die Enosi ein Schutzraum für Menschen geblieben, die in Athen eine neue Heimat suchen.
Es ist kein Zufall, dass viele dieser Einwanderer beim Bau des heutigen Agia-Sophia-Stadions in Nea Filadelfia mitgeholfen haben. Benannt ist es nach der berühmten Basilika von Konstantinopel, die heute als Moschee dient.
Ein lebendiger Schmelztiegel
Auf dem Rasen spiegelt sich diese Vielfalt eindrucksvoll wider. Torwart Alberto Brignoli ist nur einer von vielen Legionären in einem Kader mit 15 verschiedenen Nationalitäten; auf der UEFA-Liste stehen 14. Neben zehn Griechen stehen 21 Ausländer unter Vertrag – darunter Spieler aus Ruanda, Mauretanien, Honduras, Angola und Kamerun. Gelenkt wird das Team von Trainer Marko Nikolic, der erstmals außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens oder des post-sowjetischen Raums arbeitet.
Zu den prominentesten Gesichtern im Team zählen neben Marin auch Luka Jović, der nach Stationen bei Real Madrid und Milan auf seine sportliche Wiedergeburt hofft, sowie Top-Torjäger Barnabas Varga, der seit seinem Wechsel im Sommer bereits sechsmal traf. Der mannschaftliche Zusammenhalt hält diesen multikulturellen Kosmos zusammen.
Mit den ersten eingefahrenen Punkten in der Königsklasse hat AEK die Segel gesetzt, um stolz durch Europa zu reisen. Das nächste Duell gegen Shakhtar Donetsk findet aus politischen Gründen in London statt – eine weite Reise, die die Gelb-Schwarzen jedoch mit voller Entschlossenheit antreten werden.
