EXKLUSIV: Donezks Bondarenko über deutsche Vorbilder – Hoffnung auf Ukraine-Rückkehr

Artem Bondarenko in Aktion für Shakhtar Donetsk
Artem Bondarenko in Aktion für Shakhtar DonetskMARCIN GOLBA / NURPHOTO VIA AFP

Shakhtar-Mittelfeldspieler Artem Bondarenko hat die bewegendsten sportlichen und gesellschaftlichen Jahre der Vereinsgeschichte hautnah miterlebt. Kurz vor dem Viertelfinale der Conference League spricht er über seine Ambitionen und die prägenden Lehren seiner ehemaligen Trainer.

Mit 25 Jahren befindet sich Bondarenko in einer Schlüsselphase seiner Karriere bei Shakhtar. Im Exklusiv-Interview mit Flashscore reflektiert er über seine aktuelle Form, seine Wegbegleiter und den Weg in die europäische K.-o.-Runde.

Flashscore: Shakhtar führt derzeit gemeinsam mit LNZ Tscherkassy die Tabelle an und steht gleichzeitig im Viertelfinale der Conference League. Welcher Wettbewerb genießt bei Ihnen Priorität?

Bondarenko: Unser Trainer, Arda Turan, betont immer, dass die Liga Vorrang hat. Der Titel ist unser Ticket zurück in die Champions League. Dennoch ist die Conference League ein bedeutendes Ziel, das wir mit aller Kraft verfolgen. Im Hinspiel in Krakau treffen wir nun auf AZ Alkmaar. Ehrlich gesagt weiß ich über den Gegner noch nicht viel; der Trainer hat uns bisher noch nicht darauf eingestellt (Anm. d. Red.: Das Interview wurde am Dienstag, den 7. April, geführt).

Flashscore: Zu Beginn Ihrer Karriere war Roberto De Zerbi Ihr Trainer. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Bondarenko: Er war wie ein Mentor für mich. Ich kam gerade erst in die erste Mannschaft, und er hat mir fußballerisch fast alles beigebracht. Ich bin fest davon überzeugt, dass er auch bei Tottenham großen Erfolg haben wird. Für mich zählt er zu den besten Trainern der Welt.

Flashscore: De Zerbi war als Spieler ein ähnlicher Typ wie Sie. Was hat er Ihnen im Training konkret vermittelt?

Bondarenko: (lacht) Vor allem hat er an meiner Technik mit dem linken Fuß gefeilt und mir ständig neue Details gezeigt. Seine Methoden und seine Art, auf Menschen zuzugehen, haben mich schlichtweg begeistert. Er war fantastisch.

Flashscore: Hat er Ihnen auch Italienisch beigebracht?

Bondarenko: ‚Tutto bene!‘ (sagt er auf Italienisch). Viel mehr kann ich allerdings nicht wiedergeben – der Rest sind fast nur Schimpfwörter! (lacht)

Flashscore: Heute arbeiten Sie unter Arda Turan, ebenfalls eine Fußball-Legende. Worin unterscheiden sich die beiden?

Bondarenko: Eigentlich sind sie sich sehr ähnlich, vor allem was die Emotionalität und die Spielphilosophie angeht. Beide sind Trainer mit enormem Potenzial.

Flashscore: Vor zweieinhalb Jahren standen Sie in der Champions League dem damals 16-jährigen Lamine Yamal gegenüber. Heute gilt er mit 18 als einer der besten Spieler der Welt.

Bondarenko: Es ist fast unglaublich, wie schnell das ging. Aktuell sehe ich niemanden, der stärker ist als er. Er spielt mit einem beängstigenden Selbstvertrauen auf höchstem Niveau. Jedes Lob, das er erhält, ist absolut verdient.

Flashscore: Shakhtar ist Ihre Heimat, Sie haben dort die gesamte Jugend durchlaufen. Wie schwer wiegt es, aufgrund des Krieges fern der Heimat spielen zu müssen?

Bondarenko: Die Verbindung zum Verein ist trotz allem ungebrochen. Aber ich habe einen Wunsch, der über den Fußball hinausgeht: das Ende des Krieges. Mein Traum ist es, dass unser Volk wieder zusammenfindet und wir eines Tages in unser eigenes Stadion, die Donbas-Arena, zurückkehren können.

Artem Bondarenko's letzte Statistiken
Artem Bondarenko's letzte StatistikenFlashscore

Flashscore: Wie haben Sie den Moment erlebt, als Sie das Land aufgrund der Invasion verlassen mussten?

Bondarenko: Wir saßen lange in Kiew fest und warteten auf Anweisungen des Vereins. Erst zwei Monate nach Kriegsbeginn konnten wir das Land verlassen, um durch Freundschaftsspiele Spenden für die Opfer zu sammeln.

Flashscore: Wie war das Jahr im deutschen Exil, als Shakhtar auf Schalke spielte?

Bondarenko: Es war eine schmerzhafte Erfahrung. Leider haben wir uns fast schon daran gewöhnt, nicht in der Ukraine zu spielen. Dennoch war es schön, überall in Europa auf ukrainische Fans zu treffen. Ihre Unterstützung bedeutet uns unglaublich viel.

Flashscore: Gibt es neben Shakhtar andere Vereine, die Sie verfolgen?

Bondarenko: Ich mag PSG sehr. Außerdem schaue ich mir jedes Spiel von De Zerbis Mannschaften an und analysiere sie manchmal sogar mit meinen Teamkollegen.

Flashscore: Wer waren Ihre fußballerischen Vorbilder?

Bondarenko: Ich habe drei: Mesut Özil, Toni Kroos und Sergio Busquets.

Flashscore: Bei Shakhtar spielen traditionell viele Brasilianer. Hilft deren Lebensfreude in schwierigen Zeiten?

Bondarenko: Absolut. Ihre Fröhlichkeit ist ein Segen für das Teamklima. Sie bringen eine gewisse Gelassenheit mit. Ein paar Brocken Portugiesisch habe ich auch schon gelernt, aber für die brasilianische Liga reicht es wohl noch nicht (lacht).

Flashscore: Wer von ihnen hat das Zeug für die Seleção?

Bondarenko: Gute Frage! Ich traue es vor allem Alisson Santana und Isaque Silva zu, in Zukunft eine große Rolle zu spielen.

Flashscore: Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Champions League?

Bondarenko: Ganz klar das Spiel gegen Real Madrid in Warschau im Oktober 2022. Ich stand meinem Idol Toni Kroos gegenüber. Dass wir ein 1:1 erkämpft haben und ich zum ‚Man of the Match‘ gewählt wurde, werde ich nie vergessen.

Flashscore: Die Ukraine ist in den WM-Playoffs ausgeschieden. Wem drücken Sie nun die Daumen?

Bondarenko: Ohne Zweifel Portugal.

Flashscore: Warum ausgerechnet Portugal?

Bondarenko: Ich hoffe einfach sehr, dass Cristiano Ronaldo zum Abschluss seiner Karriere noch den Weltmeistertitel gewinnt.

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