Im Jahr 2001 war Arteta ein 19-jähriger Absolvent von Barcelonas berühmter Schmiede La Masia, der sehnsüchtig auf seinen großen Durchbruch wartete. Doch bei den Profis der Katalanen war der Weg versperrt.
Xavi Hernandez, zwei Jahre älter als Arteta, etablierte sich gerade fest im Team. Zudem stand bereits der nächste Teenager in den Startlöchern, der nur ein Jahr später debütieren sollte: Andrés Iniesta. Zu diesen beiden Ausnahmetalenten gesellten sich Emmanuel Petit, Weltmeister von 1998 und Wengers Ex-Arsenal-Säule, sowie der flexibel einsetzbare Phillip Cocu. Vor allem aber verfügte Barca über ein routiniertes Mittelfeld-Duo, das den Takt angab: Luis Enrique und der damalige Kapitän Pep Guardiola.
Viele Jahre später sollte Arteta den einen im dramatischen Titelrennen der Premier League entthronen – und dem anderen nun im Finale um Europas Krone gegenüberstehen. Damals jedoch blickte der junge Mikel zu beiden als Mentoren auf, ganz besonders zu Enrique.
"Ich bewundere ihn zutiefst", verriet Arteta auf einer Pressekonferenz vor dem Champions-League-Duell gegen PSG im Jahr 2024. "Ich erinnere mich gut an seine starke Persönlichkeit, seinen Charakter und seine unbändige Energie. Er hat uns junge Spieler immer enorm unterstützt. Was ich an ihm liebe: Egal wo er arbeitet – ob als Spieler oder Trainer –, man erkennt sofort seine Handschrift. PSG ist das beste Beispiel dafür. Ich habe unheimlich viel von ihm gelernt."
Die erste große Chance in Paris
Arteta erkannte früh, dass er sich gegen die namhafte Konkurrenz im Camp Nou vorerst nicht durchsetzen würde, und entschied sich für ein Leihgeschäft. PSG, damals trainiert vom in Spanien geborenen Ex-Nationalspieler Luis Fernandez, griff zu.
"Ich wusste sofort, dass Mikel eines Tages Trainer werden würde. Als ich ihn holte, war er abseits des Platzes ruhig, aber sein Spiel hat mich absolut fasziniert", erinnerte sich Fernandez später im Gespräch mit dem Telegraph.
Für jüngere Fans, die PSG nur als Serienmeister der Ligue 1 kennen, mag es überraschend klingen: Damals waren die Pariser eine zwar hochveranlagte, aber unbeständige Mannschaft. Als Arteta mitten in der Saison 2000/01 dazustieß, holte Nantes den Titel, während PSG auf Platz neun landete. In Artetas einziger kompletter Spielzeit in Frankreich reichte es immerhin für Rang vier – die Meisterschaft ging jedoch an Olympique Lyon, das damit eine historische Serie von sieben Titeln in Folge startete.

Ein Blick auf den damaligen Kader verrät, wie viel Qualität in Fernandez’ Team steckte. In der Defensive verteidigten Mauricio Pochettino, der spätere PSG-Coach, und Gabriel Heinze, der heute zu Artetas Trainerteam bei Arsenal gehört.
Im Sturm wirbelte Nicolas Anelka, frisch verpflichtet von Real Madrid. Und im Mittelfeld zog Arteta die Fäden neben der nigerianischen Legende Jay-Jay Okocha und einem genialen jungen Brasilianer, der im Sommer von Grêmio gekommen war, prompt bester Torschütze wurde und später beim FC Barcelona Weltruhm erlangen sollte: Ronaldinho.
Mit dieser Star-Auswahl feierte Arteta seinen ersten Profititel: den UI-Cup. Während dieses Wettbewerbs bestritt er eine Partie, die seiner Karriere eine völlig neue Richtung geben sollte. Der Gegner hieß Glasgow Rangers – und die Schotten waren von dem jungen Spanier so beeindruckt, dass sie ihn am Saisonende fest verpflichteten, nachdem seine Leihe in Paris ausgelaufen war.
Reifeprüfung für die Premier League
Es mag wie ein Klischee klingen, aber die Zeit in Glasgow formte aus dem Talent einen gestandenen Profi und bereitete ihn perfekt auf die physische Härte des britischen Fußballs vor.
"Der schottische Fußball war intensiv, richtig hart. Es ging extrem körperbetont zur Sache, die Gegenspieler schonten niemanden. Ich musste mich dort als Spieler komplett neu erfinden. Aber genau das hat mir geholfen, das Niveau zu erreichen, das später in der Premier League gefordert war", erklärte Arteta 2012 gegenüber STV Sport.
2003 feierte er mit den Rangers das schottische Double. Nach einem kurzen, weniger glücklichen Intermezzo in seiner Heimat bei Real Sociedad zog es ihn zum FC Everton. Der Rest ist englische Fußballgeschichte: Er avancierte zum Schlüsselspieler und Kapitän der Toffees, wechselte schließlich zu Arsenal, führte auch die Gunners mit der Binde auf dem Platz an und formte sie Jahre später von der Seitenlinie aus zu einer Meistermannschaft.
Die anderthalb Jahre in Paris waren das Sprungbrett für Artetas gesamte Karriere. Dass er nun im wohl bedeutendsten Spiel seiner Trainerlaufbahn ausgerechnet auf PSG und Luis Enrique trifft, entbehrt nicht gewisser Romantik. Zumal es da noch eine Parallele gibt – eine historische Weggabelung, die das Schicksal beider Klubs komplett hätte verändern können.
Die Trainer-Kreuzung von 2019
Wir schreiben das Jahr 2019, rund 18 Monate nach dem Ende der glanzvollen, 22-jährigen Ära von Arsène Wenger bei Arsenal. Die Londoner hatten Unai Emery als Nachfolger installiert. Obwohl Emery heute als absoluter Top-Trainer und Europa-League-Spezialist gefeiert wird, passte es bei den Gunners einfach nicht. Am 29. November 2019 folgte die Entlassung. Während Freddie Ljungberg interimsmäßig übernahm, suchte die Chefetage fieberhaft nach einer langfristigen Lösung. Der absolute Wunschkandidat? Luis Enrique
Enrique war zu diesem Zeitpunkt nach seinem Abschied von der spanischen Nationalmannschaft – bedingt durch den tragischen Krebstod seiner jungen Tochter – ohne Job. Mit seiner erfolgreichen Vita bei La Roja und dem FC Barcelona galt er in Nordlondon als Idealkandidat. Doch Enrique entschied sich nach seiner Auszeit für eine Rückkehr zum spanischen Verband, den er 2021 ins Nations-League-Finale führte.
Arsenal musste umplanen und ging ins Risiko: Sie vertrauten den Posten einem Mann an, der den Klub zwar bestens aus Spielertagen kannte, als Trainer bis dahin aber lediglich als Assistent in Pep Guardiolas Stab bei Manchester City gearbeitet hatte.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Arteta übernahm ein verunsichertes Starensemble und formte es radikal nach seinen Vorstellungen. Er gewann den FA Cup und zweimal den Community Shield, musste aber auch schmerzhafte Rückschläge und Vizemeisterschaften verkraften, die Arsenal das ungeliebte Label des „Beinahe-Meisters“ einbrachten.
Bis zum Mai 2026: Da durchbrach er den Bann, holte endlich die Meisterschaft und bezwang dabei seinen alten Lehrmeister Pep Guardiola.
Nun wartet der nächste Meilenstein in der Königsklasse. Gegner ist der Verein, bei dem für ihn als Profi alles begann – und ein Trainer, der einst sein Mentor war und fast auf seinem eigenen Stuhl gesessen hätte. An diesem Samstag in Budapest kann sich für Mikel Arteta nach 25 Jahren ein ganz großer Kreis schließen.
