Zwischen Märchen und Drohkulisse: Das Hamburger Dilemma um Luka Vuskovic

Luka Vuskovic hat sich beim Auswärtsspiel in Wolfsburg auch als Torjäger gezeigt.
Luka Vuskovic hat sich beim Auswärtsspiel in Wolfsburg auch als Torjäger gezeigt.REUTERS/Fabian Bimmer

Früher haben Verteidiger verteidigt und Stürmer gestürmt. Nicht so beim Hamburger SV: Dort macht Luka Vuskovic derzeit alles. Der erst 19-jährige Kroate, eigentlich nur als temporäre Aushilfe von Tottenham an die Elbe entsandt, hat sich binnen weniger Monate und spätestens nach seiner denkwürdigen Performance in Wolfsburg zum unangefochtenen "Franchise-Player" der Rothosen entwickelt. Es ist nicht das einzige Paradox, das der junge Kroate derzeit verkörpert.

Die Komplexität der Lage dürfte HSV-Sportdirektor Claus Costa mächtig Kopfzerbrechen bereiten. Da ist zum einen die vertragliche Sackgasse: Die Spurs halten alle Trümpfe in der Hand, haben den Innenverteidiger bis 2030 gebunden und, was die Hamburger Fanseele besonders schmerzt, keine Kaufoption gewährt.

Während der HSV durch den Auswärtssieg in der Autostadt einen großen Satz in Richtung Klassenerhalt gemacht hat, kämpfen die Spurs in der Premier League ironischerweise gegen den Abstieg. Ein Szenario, das die Lage verschärfen könnte: Sollte Tottenham tatsächlich in die Championship stürzen, bräuchten sie einen Spieler von Vuskovics Format für den direkten Wiederaufstieg dringender denn je – oder sie müssten ihn für Summen verkaufen, die Hamburgs Budget bei weitem sprengen.

Vuskovic-Verbleib in Hamburg unwahrscheinlich

Hier liegt die zweite, fast schon tragische Ironie dieser Personalie: Luka Vuskovic spielt schlichtweg zu gut für den HSV. Mit einem Marktwert, der laut aktuellen Schätzungen die 40-Millionen-Euro-Marke erreicht hat, und Topleistungen wie in der VW Arena oder beim jüngsten 2:2 gegen den FC Bayern, treibt er seinen eigenen Preis in Regionen, in denen die Norddeutschen nicht mehr mitbieten können.

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"Es ist eine reine Leihe und wir haben keine Handhabe, ihn auf längere Sicht zu binden", gestand Costa jüngst im Sky-Interview. Jeder gewonnene Zweikampf, jedes Kopfballtor und nun auch jeder herausgeholte Elfmeter des jungen Kroaten macht eine feste Verpflichtung durch die finanziell limitierten Hamburger unwahrscheinlicher. Der HSV veredelt hier ein Juwel für den Weltmarkt, ohne am Ende selbst die Rendite einstreichen zu können.

Emotional aufgeladen wird die Situation durch die Akte Mario Vuskovic. Lukas Bruder sitzt noch bis November 2026 eine vieldiskutierte Dopingsperre ab, doch der HSV hat immer an seinem Abwehrspieler festgehalten. Die "romantische Idee", wie Costa es nennt, beide Brüder gemeinsam in der HSV-Defensive zu sehen, ist Lukas erklärter Antrieb. "Das wäre eine super Sache", betonte das Talent im Februar gegenüber Transfermarkt.

Doch Romantik schießt keine Tore und bezahlt vor allem keine Ablösesummen. Die Sehnsucht nach dem Bruder-Duo könnte am Ende immerhin dazu führen, dass Luka noch ein weiteres Jahr auf Leihbasis bleibt.

Ist der HSV zum Ausbildungsverein geworden?

Das wiederum wäre ein riskantes Pflaster, das die strukturellen Probleme in der Kaderplanung nur vertagt. Denn die Gefahr, sich zu sehr auf einen Spieler zu verlassen, der dem Verein nicht gehört, ist historisch belegt. Der Fußball ist voll von Spielern, die nach Ablauf ihrer Leihe ein großes Loch hinterlassen haben (man denke nur an den unliebsamen Nachbarn Werder Bremen mit Kevin de Bruyne). Und doch wäre in jüngerer Vergangenheit wohl keines so groß wie das von Vuskovic.

Wenn die Statik eines Teams auf einem Pfeiler ruht, der im Sommer weggezogen wird, droht das gesamte Gebilde einzustürzen. Der HSV läuft Gefahr, seine gesamte Defensive um einen Spieler zu bauen, für den es im Juli keinen adäquaten Ersatz geben wird, weil das Geld für ein ähnliches Kaliber fehlt.

Am Ende steht der Hamburger SV vor einem Dilemma, das typisch für den modernen "Ausbildungsverein" ist: Man genießt den Moment, wohlwissend, dass er nur geborgt ist. Ex-Sportvorstand Stefan Kuntz bezeichnete einen Verbleib bereits früh als nahezu "ausgeschlossen". Die Hamburger Fans werden Luka Vuskovic noch bis zum Saisonende feiern, doch der Beigeschmack bleibt bitter: Es ist die Geschichte eines Klubs, der endlich wieder einen echten Superstar in seinen Reihen hat, und sich diesen eigentlich gar nicht leisten kann.