Ancelotti, ein Meister der Moderation, begründete das Fehlen des 34-Jährigen gewohnt diplomatisch: Neymar sei nicht bei 100 Prozent. Das Problem dabei ist: Wann war er das zuletzt? Seit seinem folgenschweren Kreuzbandriss im Oktober 2023 gleicht Neymars Krankenakte einem Fortsetzungsroman. Die Statistik ist erschütternd: Bereits seit seinem Wechsel zu Paris Saint-Germain im Jahr 2017 verpasste Neymar verletzungsbedingt fast 50 Prozent aller möglichen Pflichtspiele.
Mit seinem Abgang aus Europa und der (zugegeben romantisch verklärten) Rückkehr zum FC Santos ist er endgültig aus dem Fokus des Weltfußballs verschwunden. Wer in der heimischen Liga gegen den Abstieg spielt (Santos belegt aktuell einen enttäuschenden 14. Platz) und sich am Montagabend lieber bei der Kings League als Werbeikone inszeniert, darf sich nicht wundern, wenn ein Erfolgscoach wie Ancelotti auf Athleten setzt, die den modernen Hochgeschwindigkeitsfußball noch physisch mitgehen können.
Talent vs. Fokus: Der Unterschied zu den Giganten
Lange wurde die Debatte geführt, ob Neymar talentmäßig auf einer Stufe mit Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo stünde. Rein fußballerisch? Vielleicht. In Sachen Ballkontrolle und Kreativität war er zeitweise das Nonplusultra. Doch der Unterschied zwischen einem "GOAT" (Greatest of All Time) und einem "ewigen Talent" liegt auf diesem Niveau vor allem in der Prioritätensetzung.
Während Ronaldo seinen Körper wie einen Tempel pflegt und Messi sein Spiel im Alter ökonomisch perfektionierte, wirkt Neymar bisweilen wie ein Popstar, der nebenbei Fußball spielt.
Die Anekdoten sind bekannt: die fast eingepreisten Verletzungen oder Sperren pünktlich zum Geburtstag seiner Schwester am 11. März; die ausschweifenden Partys in Paris und Brasilien, die oft mehr Schlagzeilen machten als seine Leistungen auf dem Platz. Dazu ein Wechsel nach Saudi-Arabien, der mit damals 31 Jahren die Zeichen eher auf Abschied von der Weltbühne als auf sportlichen Neuanfang stellte.
Neymars Prioritäten machen den Unterschied
Neymar gibt sich kämpferisch, spricht von seinem Traum, für Brasilien bei der WM 2026 dabei zu sein. Doch die Realität hat ihn längst überholt. Während junge Wilde wie Vinícius Júnior oder Rodrygo das Erbe des "Joga Bonito" mit europäischer Professionalität paaren, wirkt Neymar wie ein Relikt einer vergangenen Zeit.
Ancelotti lässt die Tür für die WM einen Spalt weit offen – wohl auch aus Respekt vor Neymars 79 Länderspieltoren. Doch zwischen den Zeilen war die Botschaft klar: Der Name allein schießt keine Tore mehr. Sein Rückzug ins Private und die Auftritte bei Events wie der Kings League zeigen: Die Prioritäten liegen längst woanders.
