Frage: Wie ist die Idee zu Athletics Mind entstanden?
Antwort: Athletics Mind entstand aus meinen eigenen Erfahrungen auf dem Platz. Von meiner Kindheit bis zum Profifußball habe ich viele unterschiedliche Phasen durchlebt. Leider habe ich psychologische Unterstützung im Sport erst relativ spät entdeckt, etwa im Alter von 29 oder 30 Jahren. Wenn ich früher davon gewusst hätte, wäre ich wahrscheinlich mit vielen Situationen anders umgegangen.
Je nach Alter treten unterschiedliche Schwierigkeiten auf. Ohne die richtige Unterstützung ist es deutlich schwerer, sie zu bewältigen. Bei mir ist es dank meiner Hartnäckigkeit gut gelaufen, aber viele Kinder verlieren unterwegs die Orientierung.
F: Im Fußball dominiert häufig das Bild des Spielers als Held, der sich keine Fehler oder Niederlagen eingesteht. Wie lässt sich das Schweigen rund um die psychische Gesundheit durchbrechen?
A: Glücklicherweise öffnen sich in den vergangenen Jahren immer mehr Spitzensportler und bitten um Hilfe. Dabei geht es nicht nur um psychische Gesundheit. Für technische, taktische und athletische Aspekte verlassen wir uns auf Trainer und Spezialisten. Genauso selbstverständlich sollte man einen Psychologen hinzuziehen, der sich um den mentalen Bereich kümmert.

Leider hat sich diese Vorstellung noch nicht ausreichend etabliert. Es ist grundfalsch zu glauben, dass man nur dann einen Psychologen aufsucht, wenn es einem schlecht geht. Vielmehr kann man sich Unterstützung holen, um Lebensphasen zu bewältigen, in denen einem die nötigen Mittel fehlen, um allein zurechtzukommen.
F: Athletics Mind beschäftigt sich auch mit Ernährung. Wie sieht euer Ansatz in diesem Bereich aus?
A: Sowohl in der Ernährungsberatung als auch in der psychologischen Betreuung arbeiten wir mit Spezialisten. Je nach individuellen Bedürfnissen, Sportart und Alter erstellen wir einen maßgeschneiderten Ernährungsplan. Eine sportgerechte Ernährung ist von grundlegender Bedeutung. Sie muss mit der psychologischen Betreuung und der Arbeit auf dem Platz Hand in Hand gehen.
Ranocchia über seinen Podcast und die Rolle der Trainer
F: Mit deinem Podcast "Frog Talks" hast du ehemaligen Teamkollegen eine Plattform gegeben, auf der sie offen sprechen konnten. Wie war es, ihre persönlichen Geschichten aus einer psychologischen Perspektive zu beleuchten?
A: Es war eine wunderbare Erfahrung. Ich hatte das Privileg, täglich mit Spitzenspielern zusammenzuarbeiten, und wollte jene Seiten zeigen, die Journalisten häufig verborgen bleiben – nicht zuletzt wegen der Barriere zwischen Medien und Sportlern.
Der Weg zur Weiterentwicklung ist für alle ähnlich. Auch Spieler, die später große Erfolge gefeiert haben, mussten Krisen und erhebliche Schwierigkeiten überwinden. Sie waren gut genug, um den Sprung in den Profifußball zu schaffen. Doch es ist entscheidend, auch ihre Entwicklung und die Hindernisse zu schildern, die sie überwunden haben. So können junge Menschen diese Realität besser verstehen und erkennen, dass jeder mit Herausforderungen konfrontiert ist.
F: Du hast während deiner Karriere schwierige Situationen erlebt. In Erinnerung geblieben ist etwa eine Episode im Trainingslager, als Luciano Spalletti dich vor den Beschimpfungen eines Fans schützte. Wie wichtig ist ein Trainer, der zuerst den Menschen und dann den Sportler sieht?
A: Das ist sehr wichtig. In der heutigen Zeit bedeutet es alles. Der Trainer ist schließlich der erste Psychologe der Mannschaft. Natürlich muss er wissen, wie er sich mit einem kompetenten Team umgibt. Aber es liegt an ihm, herauszufinden, wie er mit den unterschiedlichen Mentalitäten und Kulturen seiner Spieler umgeht.

Große Trainer haben gerade deshalb einen Vorteil, weil sie den Menschen hinter dem Fußballer verstehen. Von außen mag es so wirken, als hätten Profis keine Probleme. In Wirklichkeit stößt man in jeder Phase der Karriere auf Schwierigkeiten – vom sechsten Lebensjahr bis weit über das Karriereende hinaus.
Hull City als Ausweg aus dem italienischen Druck
F: In einem früheren Interview hast du deine Zeit bei Hull City als eine Phase der "Entgiftung" bezeichnet. Was unterscheidet die englische Fußballkultur von der italienischen, wenn es um den Druck auf die Spieler geht?
A: Der Umgang mit Druck verändert sich komplett. In England wird Fußball sportlich sehr intensiv gelebt. Sobald das Spiel vorbei ist, gibt es jedoch nicht dieselbe Überreaktion von Medien und Fans. In Italien sind wir extrem leidenschaftlich. Manchmal übertreiben wir aber und verhalten uns gegenüber dem Sport letztlich falsch.
Diese Erfahrung hat mir neue Energie gegeben. Sie ermöglichte mir, zu mir selbst zurückzufinden und wieder ein gesundes Gleichgewicht im Umgang mit dem Fußball zu entwickeln. In Italien war mir das zunehmend schwergefallen.
F: War deine Zeit in England der Moment, in dem du dich entschieden hast, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?
A: Mein großes Glück hatte ich bei Inter, als der Verein uns einen Psychologen zur Verfügung stellte. Ich beschloss, es auszuprobieren, und fühlte mich sofort sehr wohl. Mein Rat an Sportler lautet deshalb immer: Probiert es aus. Im schlimmsten Fall passiert nichts, im besten Fall hilft es euch enorm, verbessert eure Lebensqualität und dadurch auch eure sportlichen Leistungen.
Karriereende: Warum der Übergang ins normale Leben Unterstützung braucht
F: Für viele Sportler ist die Zeit nach dem Karriereende besonders schwierig. Du hast dich vergleichsweise jung zum Rücktritt entschieden und erklärt, dass dir die Motivation fehlte. Wie bist du mit diesem Übergang umgegangen?
A: In meinem Fall war es eine persönliche und bewusste Entscheidung. Deshalb fiel es mir leichter, sie zu akzeptieren. Wer aufgrund körperlicher Probleme oder aus anderen Gründen zum Aufhören gezwungen ist, hat deutlich größere Schwierigkeiten.
Wenn man seit dem fünften Lebensjahr praktisch immer denselben Tagesablauf hat, ist es schwer, sich wieder an ein normales Leben zu gewöhnen. Gerade deshalb ist es wichtig, in dieser Phase Unterstützung zu bekommen, damit man nicht in eine negative Spirale gerät, aus der man nur schwer wieder herausfindet.
F: Du hast dich bewusst für eine Rückkehr nach Assisi entschieden, weit weg vom Glanz der großen Städte. Wie hast du diesen Schritt erlebt?
A: Für mich war es Normalität. Ich hatte diesen Schritt jahrelang geplant. Meine Absicht war es immer, nach Assisi zurückzukehren und meine Kinder dort großzuziehen, wo ich selbst aufgewachsen bin. Da ich sehr an meinen Wurzeln und meinen Freunden aus der Kindheit hänge, war es eine vollkommen natürliche Entscheidung.
Ranocchia über Italiens Nationalmannschaft und Inter
F: Du hast in deiner Karriere sowohl unter Roberto Mancini als auch unter Claudio Ranieri gespielt. Was können sie deiner Meinung nach für die italienische Nationalmannschaft tun, die nach drei verpassten Weltmeisterschaften vor einem Wiederaufbau steht?
A: Beide verfügen über sehr viel Erfahrung, auch wenn Ranieri nicht mehr als Trainer arbeitet. Die Nationalmannschaft zu betreuen, ist immer schwierig, weil man nur wenig Zeit hat, mit den Spielern zu arbeiten. Außerdem hängt vieles davon ab, in welcher Phase der Saison sie zur Mannschaft stoßen.
Mancini hat gezeigt, dass er hervorragende Arbeit leisten kann. Auch die jüngsten Spiele haben Verbesserungen erkennen lassen, was ein gutes Zeichen ist. Wenn wir allerdings wieder auf dem Niveau von Frankreich, England, Spanien und Portugal spielen wollen, wird es Jahre dauern, eine solide Basis an Talenten aufzubauen.
F: Siehst du als ehemaliger Inter-Spieler in dieser Saison einen ernsthaften Konkurrenten, der Inter in der Serie A den Titel streitig machen kann?
A: Auf dem Papier würde ich sagen: nein. Historisch gesehen hatte Inter auch in den vergangenen Jahren keine wirklichen Konkurrenten. Natürlich ist im Fußball nichts sicher, und viele unvorhersehbare Entwicklungen können eine Rolle spielen. Stand heute sehe ich jedoch keine Mannschaft, die am letzten Spieltag mit Inter um den Scudetto kämpfen kann.
