EXKLUSIV: Ex-Italien-Nationalspieler Zaniolo über Udinese-Renaissance und WM-Traum

Italiens Ex-Nationalspieler Nicolo Zaniolo spricht exklusiv mit Flashscore.
Italiens Ex-Nationalspieler Nicolo Zaniolo spricht exklusiv mit Flashscore.Filip Vančura

Mit 26 Jahren hat Nicolò Zaniolo bereits eine bewegte Karriere hinter sich: Er trug die Trikots italienischer Top-Klubs, spielte in der Premier League und lief für die Squadra Azzurra auf. Dennoch wirkt es derzeit so, als stünde er erst jetzt vor seinem eigentlichen Zenit. Bei Udinese Calcio erlebt der Offensivstar aktuell einen zweiten Frühling. Flashscore-Reporter Jan Denemark traf Zaniolo zu einem exklusiven Gespräch über verpasste Chancen, persönliche Reife und seine großen Ziele für die Zukunft.

Nach Stationen bei der AS Rom und Galatasaray sowie Leihgeschäften unter anderem bei Aston Villa und Atalanta scheint Zaniolo in Udine endlich die nötige Konstanz gefunden zu haben. Mit fünf Toren in der laufenden Serie-A-Saison 2025/26 ist er so produktiv wie lange nicht mehr.

Nicolò, herzlich willkommen. Du hast in Weltmetropolen wie Rom und Istanbul gelebt, nun spielst du im vergleichsweise beschaulichen Udine. Wie groß ist dieser Kontrast für dich persönlich?

Nicolò Zaniolo: "Es stimmt, ich habe für viele große Vereine in pulsierenden Städten gespielt. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Udine momentan genau der richtige Ort für mich ist. Hier kann ich mich als Mensch und als Profi am besten weiterentwickeln. Ich bin selbst in einer kleineren Stadt, in La Spezia, aufgewachsen, daher fühlt sich das Leben hier für mich sehr natürlich an. Es gibt kaum Ablenkungen, was mir hilft, mich zu einhundert Prozent auf den Fußball zu fokussieren."

Zaniolo Interview
Flashscore

Früher gab es oft Schlagzeilen über dein Privatleben in den Großstädten. Ist diese neue Ruhe der entscheidende Faktor für deine aktuelle Form?

Zaniolo: "Das hast du treffend formuliert. Als Fußballer muss man in jedem Bereich fokussiert bleiben, denn die Leistung auf dem Platz beginnt oft schon außerhalb davon. Ich würde sagen, dass etwa 70 Prozent des Erfolgs davon abhängen, was privat passiert – die Ruhe im Kreis der Familie und die richtigen Freunde sind essenziell. In Udine habe ich dieses Gleichgewicht wiedergefunden. Der Verein ist professionell und solide; ich hätte keine bessere Entscheidung für meine Karriere treffen können."

Siehst du diese Station als eine Art Rückkehr zu deinen Wurzeln oder gar als Comeback? Hast du das Gefühl, den Kritikern in Italien beweisen zu müssen, dass du noch immer Weltklasse verkörperst?

Zaniolo: "Absolut, so empfinde ich das. Jede Karriere hat Höhen und Tiefen. Meine zwei schweren Knieverletzungen waren mental extrem fordernd. Beim zweiten Mal war es fast noch schwieriger, sich zurückzukämpfen. In dieser Zeit habe ich gemerkt, wer wirklich hinter mir steht. Jetzt nähere ich mich endlich wieder meinem alten Leistungsniveau an und möchte diesen Weg konsequent weitergehen."

Zaniolos Donut-Grafik zur laufenden Serie-A-Saison
Zaniolos Donut-Grafik zur laufenden Serie-A-SaisonOpta by StatsPerform

Wie gehst du mit der Kritik um, dass du dein Potenzial nie voll ausgeschöpft hast – gerade wenn man deine Verletzungshistorie bedenkt?

Zaniolo: "Druck gehört zum Profifußball dazu, den spürt man jedes Wochenende. Es ist nicht immer leicht, jede Woche sein maximales Potenzial abzurufen. Aber ich habe gelernt, konzentriert zu bleiben und meine Ziele fest im Blick zu behalten. Ich bin auf einem guten Weg und habe nicht vor, jetzt nachzulassen."

Gibt es etwas an deiner Person, das in der Öffentlichkeit oft falsch verstanden wurde? Du standest ja häufig im Fokus der Medien.

Zaniolo: "Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit Fehler gemacht habe, und ich stehe dazu. Aber diese Dinge liegen hinter mir. Heute sehe ich mich viel mehr als gereiften Mann. Früher war ich vielleicht etwas unbesonnen und ließ mich leichter ablenken. Mittlerweile habe ich eine Frau und zwei Kinder – das bringt eine enorme Verantwortung mit sich. Ich kann und will mir keine Fehler mehr erlauben, weder für meine Familie noch für mich selbst."

Glaubst du rückblickend, dass es bei der AS Rom Missverständnisse gab oder dass der Verein ein falsches Bild von dir vermittelt hat?

Zaniolo: "Nein, das denke ich nicht. Die Vergangenheit ist abgeschlossen. Ich empfinde immer noch große Liebe für die Roma – meine Frau kommt von dort, mein erstes Kind wurde dort geboren. Die Fans haben mir viel gegeben. Aber im Leben gehen Geschichten eben manchmal zu Ende. Ich bereue nichts und wünsche dem Verein nur das Beste. Da meine Frau die Stadt liebt, werde ich dort später sicher wieder leben."

Udineses Nicolo Zaniolo nach seinem Tor gegen Atalanta im November
Udineses Nicolo Zaniolo nach seinem Tor gegen Atalanta im NovemberMATTIA RADONI / NURPHOTO / NURPHOTO VIA AFP

Könntest du dir eine Rückkehr zur Roma als Spieler vorstellen?

Zaniolo: "Im Fußball sollte man niemals nie sagen, aber mein voller Fokus gilt aktuell Udinese. Ich möchte hier meine Träume und die Ziele des Vereins verwirklichen."

Was ist momentan dein größtes Ziel?

Zaniolo: "Ich möchte dem Team weiterhin so gut wie möglich helfen und die Vorgaben des Trainers und des Präsidenten umsetzen. Mein ganz großer Traum ist es jedoch, mit Italien bei der Weltmeisterschaft dabei zu sein. Das ist das ultimative Ziel für mich."

Gab es dazu schon Kontakt mit Nationaltrainer Gennaro Gattuso?

Zaniolo: "Noch nicht persönlich, aber ich weiß, dass er jeden Spieler genau beobachtet. Die Qualifikation im März ist für unser Land extrem wichtig. Ich bin überzeugt: Wenn ich hier in Udine weiter meine Leistung bringe, wird der Anruf kommen. Ich weiß, dass er uns jeden Sonntag verfolgt."

Zum Abschluss: Beim 3:0 gegen die Fiorentina hast du als hängende Spitze mit vielen Freiheiten agiert. Ist das die Rolle, in der wir den besten Zaniolo sehen?

Zaniolo: "Ja, diese Position liegt mir sehr. Ich brauche Freiheiten auf dem Platz, will den Ball fordern und aktiv am Spiel teilnehmen – egal ob in der Defensive oder im Angriff. Mit Tempo auf die Abwehrkette zuzulaufen, ist eine meiner größten Stärken. Der Trainer erkennt das und gibt mir diesen Raum, worüber ich sehr glücklich bin."

Nicolò, vielen Dank für das Gespräch.

Zaniolo: "Ich danke dir."