Besonderes Andenken
Mit erstaunlich frecher Zunge plauderte sich Philipp Treu nach seinem erfrischenden DFB-Debüt souverän durch alle Interviews.
Sein erstes Nationalmannschaftstrikot in der schwarzen Plastiktüte wolle er zu Hause im Wohnzimmer aufhängen, sagte der erste neue Nationalspieler der Jürgen-Klopp-Ära. "Da muss ich die Freundin noch fragen, ob es da hängen darf."
Sie wird wahrscheinlich zustimmen. Ihr Lebensgefährte hat schließlich lange, lange gewartet, bis "mal einer die Augen aufgemacht und nach Freiburg geguckt hat".

Ungewöhnlicher Karriereweg
Dort nämlich wetzt auf der ewigen DFB-Problemposition schon länger ein 25 Jahre alter Spätzünder die rechte Außenbahn rauf und runter: "Ich wollte mich immer peu à peu auf die Überholspur setzen und mich ranpirschen, um meine Konkurrenten zu überholen."
Das ist ihm vorerst gelungen – so gut, dass seine Eltern in Amsterdam nach dem 1:1 (1:0) gegen die Niederlande "mit ganz viel Stolz von der Tribüne gewunken haben. Das ist ein unfassbares Gefühl." Schließlich kickte ihr Sohn mit 20 noch in der Regionalliga für Freiburg II gegen Eintracht Stadtallendorf und Bayern Alzenau.

Am Donnerstag, kurz vor Mitternacht, war der Moment gekommen, den ganz großen Karriere-Kreis zu durchdenken. "Man checkt dann erst: Ey, was du für einen Weg gegangen bist!"
Einen Weg über den FC St. Pauli zurück nach Freiburg, ins Europa-League-Finale und nun zur Nationalmannschaft. Dieser bot er sich resolut und dynamisch als Rechtsverteidiger an, mit deutlicher Ansage: "Jetzt geht's erst los. Ich will mehr und bin hungrig."
Keine Angst vor der Konkurrenz
Das sind auch seine Konkurrenten, die er, wie er augenzwinkernd verriet, ganz genau beobachtet. Er könne sich an Josha Vagnomans Tor für den VfB Stuttgart gegen den FC Bayern erinnern, sagte er. "Ich saß auf der Couch dachte: Scheiße, jetzt macht der sein Tor!" Aber nein, keine Missgunst, "wir pushen uns gegenseitig, so verschiebt man seine Grenzen". Auch Ridle Baku von RB Leipzig kann die Position spielen – er hat bereits zwei Saisontore.

"Gib Gas und hab Spaß!"
Philipp Treu hingegen hat in seinen 65 Bundesligaspielen ein einziges Tor gegen den VfL Wolfsburg erzielt, er hätte aber durchaus seinen ersten Länderspieltreffer machen können. Er bekam den Ball im Strafraum in aussichtsreicher Position, entschied sich aber, ihn brav an Karim Adeyemi weiterzuschieben.
Treu präsentierte sich insgesamt dennoch "außergewöhnlich", wie Klopp herausstellte. Seine Ansage an seinen ersten Debütanten war kurz und knackig: "Gib Gas und hab Spaß!"
Treu gab Gas. Und er hatte Spaß. "Für mich ist das eher Motivation, wenn ich weiß: Mein Gegenspieler ist Cody Gakpo", sagte er.

Davon waren auch Kollegen wie Jonathan Tah begeistert. Beißt Treu sich fest, könnten demnächst noch ganz andere Kaliber über seine Seite kommen, wie Kylian Mbappé (Frankreich) oder Vinicius Junior (Brasilien).
Treu würde diese Herausforderungen wohl ebenso selbstbewusst und unbekümmert angehen. Zunächst einmal zog er sich ins Teamhotel zurück, um die vielen Gratulationen zu beantworten. Vielleicht hat er dabei auch seine Freundin vorgewarnt.
