Sie haben Ihre aktive Karriere vor Jahren beendet, sind dem Sport aber immer treu geblieben. Sie spielen viel Padel und Ihre Familie steckt voller Fußballer – bis hin zu Ihrem Schwiegersohn Joey Kooij, der als Schiedsrichter aktiv ist. Verfolgen Sie das Geschehen nach wie vor mit der alten Leidenschaft?
"Ja, ich bin nach wie vor sehr nah dran. Gerade jetzt, wo die Weltmeisterschaft vor der Tür steht – das ist einfach ein Turnier, das jeden packt und das niemand verpassen will."
Sicherlich sind Sie besonders gespannt auf das Abschneiden der Niederlande. Wie schätzen Sie die aktuelle Nationalmannschaft ein?
"Wir haben zweifellos eine gute Mannschaft, aber zu den absoluten Top-Favoriten gehören wir nicht. Ich traue uns das Viertelfinale zu. Ich weiß zwar, dass andere Nationen ungern gegen uns antreten, weil wir phasenweise fantastischen Fußball spielen können, allerdings agieren wir für mein Gefühl etwas zu unbeständig.
Bei so einem Turnier darf man sich aber keinen schwachen Tag erlauben. In der Gruppenphase lässt sich das vielleicht noch kompensieren, aber danach ist Schluss. Drei oder vier absolute Top-Leistungen in Folge abzurufen – das habe ich von der Nationalmannschaft in den letzten Jahren leider zu selten gesehen."

Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Fehlt dem Team der eine Fixstern früherer Tage – ein Knipser wie Marco van Basten, der jede Chance nutzt?
"Ja, das sehe ich absolut so. Uns fehlt dieser eine Stürmer, wie ihn andere Top-Nationen vorweisen können. Wobei man sagen muss: Spanien zum Beispiel spielt meistens auch ohne klassischen Neuner. Aber einen Spielertyp wie Harry Kane sucht man bei uns vergebens. Memphis Depay ist ein hervorragender Fußballer, aber eben kein klassischer Mittelstürmer.
Er weicht viel in die Räume aus. Das schafft zwar Platz für nachrückende Mitspieler, aber unserer Offensive fehlt in der Spitze einfach die eiskalte Effizienz eines Kylian Mbappé, Raphinha oder eben Kanes. Am Ende geht es für uns über das Kollektiv. Ich betone immer: Teams gewinnen Titel, Einzelspieler nur Partien. Ich bin überzeugt, dass wir als geschlossene Einheit auftreten werden, und das ist das Fundament."
Kann man also sagen, dass diese Generation ganz anders auftritt, als man es traditionell von Holland kennt – weniger beschwingt, unterhaltsam und offensiv?
"Wir haben im Mittelfeld durchaus kreative Akteure wie Frenkie de Jong, die ein Spiel wunderschön aufziehen können. Was uns fehlt, sind die Unterschiedsspieler ganz vorne. Unsere echten Stars stehen in der Defensive. Virgil van Dijk ist als Innenverteidiger Weltklasse, und die gesamte Abwehr steht extrem stabil: Jurrien Timber macht einen tollen Job, Denzel Dumfries und Micky van de Ven agieren auf absolutem Top-Niveau. Auch auf der Torhüterposition sind wir gut besetzt, davor ziehen De Jong, Tijjani Reijnders oder Ryan Gravenberch die Fäden. Aber die Angriffsreihe bereitet mir eben Sorgen."
Welche Nationen haben Sie stattdessen ganz oben auf dem Zettel?
"Für mich führen die Titelchancen vor allem über Frankreich, Spanien, Portugal, Argentinien, Brasilien, Deutschland und England. Und womöglich auch über Marokko, die inzwischen eine richtig starke Truppe beisammenhaben."
Ein gutes Stichwort – die afrikanischen Teams befinden sich in einer rasanten Entwicklung, allen voran Marokko.
"Absolut, das gilt genauso für den Senegal. Die bringen enorm viel Qualität mit und haben längst bewiesen, dass sie die großen Fußballmächte schlagen können. Wir werden bei dieser WM sicher einige Teams sehen, die man klassischerweise nicht auf der Rechnung hat."
Wie bewerten Sie die Spanier?
"Ich denke, ihr Erfolg wird maßgeblich davon abhängen, wie Lamine Yamal performt. Genau wie wir hat auch Spanien keinen echten Stoßstürmer. Sie pflegen ihren typischen, dominanten Stil, und es ist für jeden Gegner brutal schwer, gegen sie zu spielen. Dennoch sehe ich sie aktuell nicht im engsten Favoritenkreis. Alles steht und fällt mit der Form von Lamine Yamal, weil er derjenige ist, der die genialen Momente kreiert."

Glauben Sie tatsächlich, dass Spanien derart abhängig von einem einzigen Teenager ist, dass mit ihm alles steht und fällt?
"Ja, das ist so. Wir haben eben über die Stars gesprochen, die den Niederlanden im Angriff fehlen – er ist genau so ein Star. Er muss natürlich topfit sein, um diese genialen Momente zu kreieren. Aber das ist eben die absolute Extraklasse."
Wenn wir über Yamal und diese spielerische Klasse sprechen: Sie haben selbst eine erfolgreiche Vergangenheit beim FC Barcelona. Haben Sie die vergangene Saison der Katalanen intensiv verfolgt und wie hat Ihnen ihr Auftritt gefallen?
"Natürlich habe ich das verfolgt, und es war streckenweise herausragend. Sie haben extrem attraktiven Fußball gespielt, was natürlich auch an Lamine Yamal und Raphinha lag. Gut, Raphinha stand vielleicht nicht ganz so oft im Rampenlicht wie im Vorjahr, aber Pedri agiert im Moment in einer schier unglaublichen Verfassung. Er gehört für mich zu den besten Spielern der Welt. Zudem gefällt mir die Entwicklung von Dani Olmo sehr, und Gavi ist glücklicherweise wieder zurück. Es hat mir schlichtweg großen Spaß gemacht, Barca zuzuschauen."
Es gibt Stimmen, die behaupten, dass man mit einem so extrem offensiven und riskanten System, wie Hansi Flick es spielen lässt, die Champions League nicht gewinnen kann. Teilen Sie diese Ansicht?
"Das lässt sich so pauschal nicht sagen, das kommt auf die Balance an. Wenn Rädchen in Rädchen greift und alle Abläufe zu einhundert Prozent funktionieren, kann das absolut aufgehen. Wenn allerdings in so einem System auch nur einer einen gravierenden Fehler macht, brennt es sofort lichterloh.
Jeder Einzelne muss über die volle Distanz maximal fokussiert sein. Andernfalls ist es unmöglich, defensiv so hoch zu stehen. Aber die Zuschauer wollen nun mal attraktiven Offensivfußball sehen, und das ist für mich der entscheidende Punkt. Ich habe im Laufe der Zeit zu viele zähe Null-zu-Null-Spiele erlebt, die niemandem Freude bereiten. Wenn ein Stadion mit fast 100.000 Menschen ausverkauft ist, wollen die Leute mitgerissen werden. Und zu Barcelona geht man traditionell hin, um Spektakel zu erleben."

Wo wir gerade beim Thema Fußball-Genuss sind: Im Champions-League-Finale erlebten wir ein PSG, das das Spiel machen wollte, und ein Arsenal, das sich fast ausschließlich auf das Verteidigen konzentrierte. War dieses Endspiel das perfekte Beispiel für das, was Sie meinen?
"Ja, absolut. Über die Flügel können Spieler wie Kvicha Kvaratskhelia und Désiré Doué normalerweise mit ihren Tempodribblings den Unterschied erzwingen. Aber bei Arsenal hat Bukayo Saka defensiv unglaublich diszipliniert mit nach hinten gearbeitet, genau wie Leandro Trossard auf der anderen Seite. Es war für Paris fast unmöglich, Räume zu kreieren, und so entwickelte sich ein sehr zähes Spiel.
Das frühe Führungstor für Arsenal hat der Attraktivität der Partie natürlich nicht geholfen, weil sie sich danach komplett zurückziehen und auf Konter lauern konnten. Die Halbfinals waren fantastisch, vom Finale war ich ehrlicherweise ein wenig enttäuscht. Aber am Ende hat sich eben die cleverere Mannschaft durchgesetzt."
Warten wir ab, wer sich am Ende die WM-Krone aufsetzt. Würden Sie sich ein Finale zwischen Spanien und den Niederlanden wünschen?
"Ja, ohne jeden Zweifel. Eine Revanche für das Finale von 2010 wäre eine wunderschöne Geschichte."
