EXKLUSIV: Misimović über Bosniens WM-Rückkehr, Džekos Bedeutung und den VfL Wolfsburg

Zvjezdan Misimovic sprach über seine Zeit beim FC Bayern, den VfL Wolfsburg und die bosnische Nationalmannschaft.
Zvjezdan Misimovic sprach über seine Zeit beim FC Bayern, den VfL Wolfsburg und die bosnische Nationalmannschaft.Flashscore // ČTK / DPA / Frank Hoermann / SVEN SIMON

Vor zwölf Jahren war Zvjezdan Misimović das kreative Herz jener bosnisch-herzegowinischen Nationalmannschaft, die das Land erstmals zu einer Weltmeisterschaft führte. Nun, da seine Nation 2026 erneut auf der größten Fußballbühne der Welt steht, sprach der ehemalige Wolfsburger Spielmacher und heutige Präsident von FK Borac Banja Luka mit Flashscore. Ein Gespräch über das bleibende Trauma eines aberkannten Tores in Brasilien 2014, die zeitlose Klasse von Edin Džeko und das "magische Dreieck", das Wolfsburg einst sensationell zur Bundesliga-Meisterschaft schoss.

Sie gehörten zu der Generation, die Sportgeschichte geschrieben und Bosnien und Herzegowina 2014 zum ersten Mal zu einer WM geführt hat. Was bedeutet Ihnen dieses Erlebnis mit etwas Abstand heute?

Es bedeutet mir unglaublich viel. Sich mit dem eigenen Heimatland zum allerersten Mal für das größte Turnier der Welt zu qualifizieren, war ein unbeschreibliches Gefühl. Für ein kleines Land wie Bosnien und Herzegowina und für die Menschen dort – gerade wenn man die schwierigen historischen Umstände bedenkt – war das einfach phänomenal. Rückblickend war es eine fantastische Zeit.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Emotionen nach der geschafften Qualifikation und an das packende Auftaktspiel gegen Argentinien, das trotz der 1:2-Niederlage eine echte Talentprobe war?

Im ersten Moment realisiert man überhaupt nicht, was man da eigentlich erreicht hat. Das kommt erst viel später – so wie jetzt, wenn die Leute wieder darüber sprechen. Erst dann versteht man den Wert dieses Erfolgs. Und das erste Spiel erst: Wenn du im legendären Maracanã gegen Argentinien stehst und deine Nationalhymne hörst – das war pure Gänsehaut.

Messi tackelt Misimovic bei der WM 2014.
Messi tackelt Misimovic bei der WM 2014.Antonio Lacerda / EPA / Profimedia

Damals trafen Sie auf Lionel Messi, der bis heute auf Torejagd ist. Im folgenden Spiel gegen Nigeria gab es dann diese hochgradig umstrittene Szene, als Edin Džeko ein reguläres Tor wegen einer angeblichen Abseitsstellung aberkannt wurde. Beschäftigt Sie diese Szene heute noch?

Natürlich. Ich weiß noch genau: Es war absolut kein Abseits. Als ich den Ball zu Edin durchgesteckt habe, kam plötzlich der Pfiff. Ich bin mir sicher: Wären wir in diesem Spiel 1:0 in Führung gegangen, hätten wir nicht verloren. Das hätte uns den Weg ins Achtelfinale geebnet. Es ist einfach extrem schade. Damals gab es eben noch keinen VAR, damit muss man leben. Manchmal stolpere ich in den Medien über Rückblicke, in denen steht: „Heute vor zehn Jahren: Das war kein Abseits.“ Aber so ist der Fußball. Genau für diese unberechenbaren Dramen lieben ihn die Menschen ja auch.

Hatten Sie das Gefühl, dass für Bosnien bei dieser WM mehr drin gewesen wäre? Und wie war die Stimmung in der Kabine nach dem Nigeria-Spiel?

Die Enttäuschung war riesig, weil uns noch in der Kabine klar war, dass wir betrogen wurden. Solche Nuancen entscheiden im modernen Fußball über ganze Turniere. Ich denke, meine Generation hätte es verdient gehabt, noch ein paar Endrunden mehr zu spielen. Aber damals war der Weg dorthin auch wesentlich steiniger als heute. Wir hatten das Pech, in den Playoffs gleich zweimal auf ein extrem starkes Portugal zu treffen – und selbst da war es extrem eng. Mit dem heutigen, erweiterten Turniersystem wären wir sicher bei ein, zwei Welt- oder Europameisterschaften mehr dabei gewesen.

Ein junges Bosnien zurück auf der großen Bühne

Nach zwölf Jahren Abwesenheit ist Bosnien nun wieder auf der WM-Bühne vertreten. Wie wichtig ist diese Qualifikation für das Land und die dortige Fußballkultur?

Das ist fundamental. Ich erlebe das gerade wieder hautnah und es fühlt sich exakt an wie vor zwölf Jahren. Es herrscht eine gigantische Euphorie, die Menschen sind positiv gestimmt, fiebern bei den Spielen mit und spüren einfach pure Freude. Für ein kleines Land hat es einen unschätzbaren Wert, Teil des größten Sportereignisses der Welt zu sein.

Würden Sie den Playoff-Sieg gegen Italien zu den Sternstunden der bosnischen Fußballgeschichte zählen?

Ja, ohne jeden Zweifel. Wir hatten mit Wales und dem Heimspiel gegen Italien zwei echte Brocken in den Playoffs. Niemand hatte uns da ernsthaft auf der Rechnung. Wir hatten dann das nötige Quäntchen Glück auf unserer Seite und haben uns zweimal im Elfmeterschießen durchgesetzt. Weil niemand damit gerechnet hat, waren die Emotionen und die Erleichterung bei den Fans umso intensiver.

Lässt sich Ihre damalige Mannschaft eigentlich mit der aktuellen Truppe vergleichen? Edin Džeko schlägt ja quasi die Brücke zwischen beiden Epochen.

Genau genommen sind es sogar zwei Spieler, auch Kolašinac war ja vor ein paar Jahren schon dabei. Ich bin generell kein großer Freund davon, verschiedene Generationen miteinander zu vergleichen, da sich die Zeiten geändert haben. Unsere Generation war sicherlich erfahrener und wir hatten deutlich mehr Akteure in den europäischen Top-5-Ligen unter Vertrag. Die aktuelle Mannschaft ist sehr jung und unbedarft. Ihr fehlt zwar die Erfahrung, aber sie bringt eine enorme Frische mit. Das Wichtigste für die Jungs ist, dass sie sich die Spielfreude bewahren – sie müssen einfach rausgehen und den Fußball genießen.

Džekos Karriere in den letzten Jahren.
Džekos Karriere in den letzten Jahren.Flashscore

Edin Džeko gilt als die größte Ikone des bosnischen Fußballs. Wie lässt sich sein Vermächtnis beschreiben? Kann man seinen Status in Bosnien mit dem eines Messi in Argentinien oder eines Ronaldo in Portugal vergleichen?

Für mich ist Edin der beste Spieler, den Bosnien und Herzegowina je hervorgebracht hat. Er hat seine Extraklasse nicht nur über ein paar Jahre aufblitzen lassen, sondern liefert seit Jahrzehnten auf Top-Niveau ab. Egal in welchem Verein oder in welcher Liga er spielte: Er war fast immer der Torschützenkönig. Edin ist durch und durch Profi, ein absolutes Vorbild. Nur deshalb ist er überhaupt in der Lage, mit fast 40 Jahren noch mit den Jungen mitzuhalten und dieses Niveau zu halten.

Das WM-Auftaktspiel gegen Kanada endete 1:1. Hatten Sie beim Zuschauen das Gefühl, dass Bosnien hier eigentlich drei Punkte hätte mitnehmen müssen?

Man hat gemerkt, dass die Mannschaft sehr jung ist und viele Jungs ihr erstes WM-Spiel absolviert haben. Sie wirkten etwas gehemmt und haben nicht so befreit aufgespielt wie noch in der Qualifikation. Zudem war es ein kompliziertes Match, da Kanada quasi ein Heimspiel mit lautstarker Unterstützung im Rücken hatte. Wir sind super reingekommen, haben dann aber leider zehn Minuten vor dem Ende den Ausgleich kassiert. Unterm Strich war es trotzdem ein absolut respektabler Punktgewinn.

Statistiken aus dem Spiel gegen Kanada.
Statistiken aus dem Spiel gegen Kanada.Flashscore

Sie haben in der Bundesliga viele Jahre lang gegen Sergej Barbarez gespielt. Inzwischen ist er bosnischer Nationaltrainer. Wie bewerten Sie seine bisherige Arbeit?

Die Qualifikation für diese Weltmeisterschaft ist ein riesiger Erfolg für ihn. Er war ein großartiger Fußballer, hatte als Trainer aber zu Beginn keinerlei Erfahrung. Der Start war durch die extrem harten Testspiele gegen Kaliber wie England, Deutschland und die Niederlande brutal schwer. Aber er hat es geschafft, aus diesen jungen Spielern eine echte Einheit zu formen. Der Erfolg gibt ihm absolut recht – er ist auf dem richtigen Weg.

Wenn wir Džeko und Kolašinac einmal ausklammern: Wen sehen Sie im aktuellen Kader als die absoluten Schlüsselspieler?

Edin bleibt natürlich sportlich wie menschlich der Dreh- und Angelpunkt, seine Erfahrung ist unersetzlich. Dahinter sehe ich extrem spannende Talente wie Bajraktarević und Alajbegović – beide bringen enorme Schnelligkeit und fußballerische Klasse mit. Das eigentliche Prunkstück dieser Mannschaft ist jedoch das Kollektiv. Die Jungs zerreißen sich füreinander und gehen auf dem Platz an ihre absolute Schmerzgrenze. Genau das macht am Ende den Unterschied aus.

Vom Nationalmannschaftsdirektor zum Klubpräsidenten

Von 2020 bis 2024 waren Sie als Sportdirektor für die Nationalmannschaft tätig. Was war in dieser Zeit die größte Herausforderung?

Die politische und ethnische Konstellation in Bosnien macht die Arbeit im Verband sehr komplex. Wir haben im Land Kroaten, Serben und Bosniaken. Viele junge Talente sehen deshalb Kroatien oder Serbien als ihre sportliche Heimat und entscheiden sich gegen uns. Die größte Baustelle war es immer, diese Spieler davon zu überzeugen, das bosnische Trikot überzustreifen. Gegen eine Nation wie Kroatien, die gefühlt bei jedem großen Turnier im Halbfinale oder Finale steht, zieht man da oft den Kürzeren.

Wie sieht Ihre Vision für den bosnischen Fußball in den nächsten fünf bis zehn Jahren aus?

Es hat sich bereits einiges getan. Die Infrastruktur hinkt dem europäischen Standard zwar noch hinterher, aber wir machen spürbare Fortschritte. Überall werden moderne Hybridrasen verlegt. Was wir jetzt dringend brauchen, sind neue Trainingszentren und zeitgemäße Stadien. Seit der neue Verbandspräsident Vico Zeljković im Amt ist, geht es hier merklich voran. Das spiegeln auch die Ergebnisse wider: Wir haben vor zwei Jahren mit Borac Banja Luka das Viertelfinale der Conference League erreicht, Zrinjski stand zweimal in der Gruppenphase und nun spielt die Nationalmannschaft bei der WM. Die Kurve zeigt nach oben.

Sie fungieren mittlerweile als Präsident von Borac Banja Luka. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Klub in den kommenden Jahren?

Wir stehen in intensivem Austausch mit der Lokalpolitik, denn ohne öffentliche Unterstützung können wir kein neues Stadion realisieren. Das hat zusammen mit einem modernen Trainingszentrum oberste Priorität. Solche professionellen Fundamente sind die Grundvoraussetzung, um auf europäischer Ebene überhaupt konkurrenzfähig zu sein. Sportlich haben wir dieses Jahr die Meisterschaft gefeiert, was für einen kleineren Verein wie uns wirtschaftlich enorm wichtig ist, um sich über die europäischen Wettbewerbe zu finanzieren.

Träumen Sie heimlich von der Champions League?

Misimović: Davon sind wir noch ein ganzes Stück entfernt, da muss man realistisch bleiben. Für Klubs unserer Größenordnung ist die Conference League aktuell die perfekte Bühne. Die Europa League oder gar die Champions League sind einfach noch Nummern zu groß und sportlich zu schwer. Wir müssen das Schritt für Schritt angehen, das ist der einzig nachhaltige Weg.

Wolfsburgs Wunder und das magische Dreieck

Die Saison 2008/09 ging als eine der größten Sensationen in die Geschichte der Bundesliga ein. Wie blicken Sie heute auf diese Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg zurück?

Das lässt sich emotional perfekt mit unserer ersten WM-Qualifikation mit Bosnien vergleichen. Es war der allererste Meistertitel in der Historie des VfL Wolfsburg. Nach der Hinrunde lagen wir noch auf Platz neun, niemand hatte uns auf dem Zettel. Und dann starteten wir diese unglaubliche Serie von zehn Siegen in Folge. Um in Deutschland Meister zu werden, müssen die Bayern natürlich auch mal schwächeln – und genau das war damals der Fall. Zudem hatten wir eine fantastische, extrem hungrige und junge Mannschaft, mit Felix Magath einen harten, aber erfahrenen Trainer und vorne drin mit Džeko und Grafite zwei absolute Urgewalten im Sturm.

Dieses Trio ging als das neue "magische Dreieck" in die Bundesliga-Geschichte ein. Warum hat das zwischen Ihnen dreien auf dem Platz so blind funktioniert?

Das ist eine gute Frage. Wenn du Spieler mit einer so hohen Grundqualität hast, verstehst du dich auf dem Platz oft ohne Worte. Aber das war nicht alles: Die Stimmung innerhalb der gesamten Mannschaft war überragend. Wir haben auch abseits des Platzes viel Zeit miteinander verbracht. Diese absolute Harmonie hat man in jedem Spiel gespürt.

Sie haben in jener Meistersaison phänomenale 20 Torvorlagen beigesteuert. War das der beste Fußball, den Sie in Ihrer Karriere je gespielt haben?

Ja, das kann man so sagen. Wenn man sich die nackten Zahlen anschaut und am Ende die Meisterschale in den Händen hält, war das zweifellos die sportlich beste und kompletteste Saison meiner Karriere.

Die Zusammenarbeit mit Felix Magath gilt bis heute als legendär. Er hatte den Ruf, einer der härtesten Schleifer der Trainergilde zu sein. Wie haben Sie ihn erlebt?

Er war knallhart, absolut. Schon vor meinem Wechsel nach Wolfsburg haben mir ehemalige Kollegen gesagt, worauf ich mich einstellen muss: unnormal viel Laufarbeit, eiserne Disziplin. Aber man kann sich das vorher gar nicht ausmalen – man muss es am eigenen Leib erlebt haben, um es zu glauben.

Misimovic an der Seite von Džeko in Wolfsburg.
Misimovic an der Seite von Džeko in Wolfsburg.Peter Steffen / EPA / Profimedia

Der VfL Wolfsburg durfte sich danach in der Champions League beweisen. Wie ordnen Sie das Abschneiden auf Europas größter Bühne ein?

Wir hatten mit Manchester United, Beşiktaş und ZSKA Moskau eine extrem anspruchsvolle Gruppe. Wir sind gut reingestartet und hatten schnell sieben Punkte auf dem Konto. In den letzten beiden Gruppenspielen hätte uns ein einziger Zähler fürs Achtelfinale gereicht, aber wir haben es leichtfertig verspielt. Wir waren uns eigentlich absolut sicher, dass wir weiterkommen. Für so ein junges Team war die Champions League eine völlig neue Erfahrung und eine harte Lehrstunde. Wir wurden am Ende Dritter, sind in die Europa League abgestiegen und dort unglücklich an Fulham gescheitert. Für das erste Mal auf dieser Bühne war das aber insgesamt ordentlich.

Inzwischen ist Wolfsburg in die 2. Bundesliga abgestiegen. Was ist bei Ihrem Ex-Klub in dieser Spielzeit so fundamental schiefgelaufen?

Wenn ein Verein mit diesen finanziellen Möglichkeiten und dieser Kaderqualität den Gang in die Zweitklassigkeit antreten muss, dann ist im Fundament einiges schiefgelaufen. Ich bin zu weit weg, um Interna zu bewerten. Aber rein sportlich betrachtet hätte diese Mannschaft mit der individuellen Klasse der Einzelspieler niemals da unten reinrutschen dürfen. Das größte Problem war offensichtlich, dass sie auf dem Rasen keine Einheit gebildet haben. Ich hoffe inständig, dass die Verantwortlichen die richtigen Schlüsse aus diesen Fehlern ziehen, in der zweiten Liga einen echten Neustart hinlegen und schnell wieder hochkommen. Ich wünsche dem Verein nur das Beste.

Sie haben in Ihrer Karriere für Nürnberg, Bochum und Wolfsburg gespielt – allesamt traditionsreiche Bundesligaklubs, die aktuell nicht mehr erstklassig sind. Warum tun sich so viele dieser Traditionsvereine mittlerweile so schwer?

Das betrifft ja nicht nur meine Ex-Klubs, sondern auch Schwergewichte wie Bremen, Stuttgart, Hamburg oder Schalke, die in den letzten Jahren heftige Krisen durchgemacht haben. Oft wurden in erfolgreichen Zeiten sehr teure Kader zusammengestellt. Wenn dann der sportliche Erfolg ausbleibt und man sich ein, zwei Jahre nicht für das internationale Geschäft qualifiziert, bricht das finanzielle Kartenhaus schnell zusammen. Dann bist du gezwungen, deine Leistungsträger unter Wert zu verkaufen. Wenn du dann auf dem Transfermarkt nicht optimal scoutest und Fehler machst, beginnt die Abwärtsspirale. Die Konkurrenz schläft nicht und arbeitet teilweise mit deutlich solideren Budgets.

Der FC Bayern und die Zukunft

Sie wurden in der renommierten Jugendakademie des FC Bayern München ausgebildet. Wie blicken Sie auf diese prägende Zeit zurück und glauben Sie, dass Sie bei einem Verbleib eine echte Chance bei den Profis gehabt hätten?

Ich bin dem FC Bayern bis heute extrem dankbar. Es ist der größte Verein in Deutschland und einer der besten Klubs der Welt – ich habe dort das fußballerische Rüstzeug gelernt. Mit 21 oder 22 Jahren war ich dann bereit für den Profifußball und wollte jede Woche spielen. Diese Perspektive habe ich bei den Profis der Bayern damals einfach nicht gesehen, da standen Kaliber wie Michael Ballack, Sebastian Deisler oder Mehmet Scholl vor mir. Deswegen habe ich mich im Winter für den Wechsel nach Bochum entschieden. Ironie des Schicksals: Nur wenige Monate später wurde Ottmar Hitzfeld entlassen und Felix Magath übernahm die Bayern – ein Trainer, mit dem ich später perfekt harmonieren sollte. Vielleicht hätte ich unter ihm meine Chance bekommen, aber das ist reine Spekulation.

Gab es nach Ihren starken Jahren in Nürnberg, Bochum und Wolfsburg eigentlich jemals Bestrebungen der Bayern, Sie an die Säbener Straße zurückzuholen?

Ein konkretes, schriftliches Angebot lag nie auf dem Tisch. Aber es gab während meiner Zeit in Wolfsburg lose Gespräche und ein Abtasten. Konkret wurde es am Ende aber nicht.

Was beeindruckt Sie am aktuellen FC Bayern unter Trainer Vincent Kompany am meisten?

Man darf nicht vergessen: Er war damals bei der turbulenten Trainersuche gefühlt nur die sechste oder siebte Option, weil viele den Job nicht machen wollten. Er macht das fantastisch. Er spricht die Sprache der Kabine, sucht den Dialog und versteht die Psyche der Spieler. Da er selbst ein Weltklasse-Verteidiger auf absolutem Top-Niveau war, weiß er ganz genau, wie die Jungs ticken. Er moderiert diesen stargespickten Kader hervorragend.

Michael Olise und Harry Kane feiern die Bundesliga-Meisterschaft.
Michael Olise und Harry Kane feiern die Bundesliga-Meisterschaft.Reuters

Michael Olise hat eine absolute Fabel-Saison hinter sich. Trauen Sie ihm zu, in Zukunft einmal den Ballon d'Or zu gewinnen?

Absolut, das Potenzial bringt er mit. Was er in den letzten zwei Jahren zeigt, ist schlichtweg fantastisch. Neben Harry Kane ist er aktuell der wichtigste und unberechenbarste Offensivspieler im Bayern-Kader. Er kam von Crystal Palace, die in England ja nicht zur absoluten Elite gehören – da hat Bayern auf dem Transfermarkt einen echten Coup gelandet, bevor die ganz großen Klubs zugeschlagen haben. Für mich gehört er aktuell zu den besten Flügelspielern der Welt.

Das Abenteuer Türkei, China und neue Träume

Ihre Station bei Galatasaray Istanbul verlief sportlich unglücklich. Was ist in der Türkei schiefgelaufen?

Der türkische Fußball und das dortige Umfeld sind sehr speziell und extrem emotional. Ich habe damals am allerletzten Tag des Transferfensters unterschrieben, das war schon unruhig. Der Verein war bereits aus dem Europapokal ausgeschieden und hatte die ersten Ligaspiele in den Sand gesetzt. Wir haben dann zwar eine kleine Siegesserie gestartet, aber dann wurde ich plötzlich suspendiert – kurioserweise, weil ich während eines Spiels Kaugummi gekaut haben soll. Die Verantwortlichen forderten eine Entschuldigung von mir beim Trainer, aber ich sah überhaupt keinen Grund dafür, da ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen. So läuft das manchmal im Fußballgeschäft.

Später zog es Sie nach China, als die Super League mit astronomischen Summen Weltstars anlockte. Warum ist dieses ambitionierte Fußball-Projekt so rasant in sich zusammengebrochen?

Die genauen Hintergründe kenne ich auch nicht. Ein paar Jahre nach meinem Abschied wurden die finanziellen Mittel drastisch zusammengestrichen. Das war eine politische Entscheidung der Regierung, die Investitionen in den Fußball rigoros zu deckeln. Vielleicht lag es auch daran, dass die Nationalmannschaft trotz der Millionen-Investitionen die WM-Qualifikation verpasst hat. Für uns Spieler war die Liga damals jedenfalls extrem attraktiv und ich blicke auf drei sportlich wie privat wirklich tolle Jahre in China zurück.

Sie haben als Spieler fast alles erlebt, standen bei einer WM auf dem Platz und haben die Bundesliga geprägt. Welche Träume haben Sie heute noch im Fußball?

Meine Träume und Ziele haben sich lediglich verlagert – weg vom Rasen, hin zum Schreibtisch als Sportdirektor oder Vereinspräsident. Der Antrieb bleibt derselbe: Ich will maximalen Erfolg, Titel gewinnen und etwas Nachhaltiges aufbauen. Wie gesagt, wir wollen mit Borac Banja Luka die Infrastruktur revolutionieren, ein neues Stadion und ein modernes NLZ bauen. Die Ambitionen sind im Vergleich zu meiner Spielerkarriere absolut identisch, nur die Perspektive ist eine völlig andere.